Frankfurt entdeckt Möglichkeiten für mehr Bio

Frankfurt entdeckt Möglichkeiten für mehr Bio

Vom Land in die Stadt und dort in die Großküchen: Beim Online-Vernetzungsworkshop der Initiative BioBitte diskutierten Vertreterinnen und Vertreter des Ernährungsrats Frankfurt, von Cateringunternehmen und aus der Verwaltung darüber, wie mehr Bio-Lebensmittel in die öffentlichen Küchen der Stadt Frankfurt gelangen können.

"Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah." Was der gebürtige Frankfurter Johann Wolfgang von Goethe seinerzeit dichtete, hätte ebenso gut aus dem Mund eines der rund 30 Teilnehmenden des BioBitte Vernetzungsworkshops Frankfurt stammen können. Mitte November trafen sich Mitglieder des Frankfurter Schulamts, Catererinnen und Caterer, Landwirtinnen und Landwirte, Mitarbeitende verarbeitender Betriebe sowie Großküchenbetreibende zum virtuellen Austausch der Initiative BioBitte. Im Zentrum stand die Frage, wie sich der Anteil an Bio-Lebensmitteln in kommunalen Einrichtungen der Main-Metropole erhöhen lässt.

Gleich der erste Impulsvortrag gab eine mögliche Richtung vor: der Weg führt ins Frankfurter Umland. Denn "Bio funktioniert nicht alleine und regional funktioniert nicht alleine", so Nicole Nefzger von der FiBL Projekte GmbH. Für die Ernährungsexpertin sei es wichtig, den Blick zunächst auf regionale Produkte zu legen und darüber auch den Ökolandbau zu stärken. "Es hilft uns nicht, im Winter Bio-Tomaten aus Spanien zu kaufen", sagte Nefzger und ergänzte: "Den Landwirten in der Region hilft es eher, wenn man jetzt im Winter Weißkohl aus der Region einkauft." In ihrem Vortrag zeigte die auch im Ernährungsrat der Stadt aktive Impulsgeberin, wie es um die regionale Lebensmittelversorgung in Frankfurt bestellt ist und schlussfolgerte, dass die Voraussetzungen für die fünftgrößte Stadt Deutschlands besser denn je seien.

Politik gibt die Richtung vor – die AHV zieht nach

Schließlich sei das Bundesland einer der Vorreiter im ökologischen Landbau: Mehr als 15 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Hessens wird bereits ökologisch bewirtschaftet (Stand 2019). Bis zum Jahr 2025 soll der Öko-Flächenanteil sogar auf 25 Prozent steigen – dies hat die Landesregierung im "Ökoaktionsplan Hessen 2020-2025" festgeschrieben und gibt Erzeugerinnen und Erzeugern von Bio-Lebensmitteln damit politischen Rückenwind. Auch die Ernährungsstrategie des Landes spiegelt die Ambitionen wider. Eines ihrer Ziele: Erzeugung, Angebot und Vermarktung ökologischer, regionaler und nachhaltiger Angebote stärken. "Hier muss die Nachfrage aus der Gemeinschaftsverpflegung kommen", appellierte Nefzger an die teilnehmenden Kantinenbetreiberinnen und -betreiber, und ergänzte: "Es sind nicht immer alle Produkte vorhanden, aber dies kann durch eine gezielte Nachfrage verbessert werden. Die politischen Rahmenbedingungen sind derzeit optimal. Die Motivation in der Landwirtschaft und in der Gesellschaft sind sehr hoch."

Was aber braucht es in Frankfurt und was kann die Stadt Frankfurt unternehmen, damit sich etwas ändert? Nefzger schlägt den Beitritt zum Netzwerk deutscher Bio-Städte vor, in dem sich mit Darmstadt und Witzenhausen bereits zwei hessische Kommunen engagieren und das Thema auf lokaler Ebene vorantreiben. Auch eine kommunale Ernährungsstrategie könne helfen, die Bestrebungen für mehr Bio in der öffentlichen AHV Frankfurts stadtweit und über erste Maßnahmen im Bereich der Schulverpflegung hinausgehend festzulegen. Dabei solle nach Ansicht der Referentin auch ein Mindestanteil an Bio-Lebensmitteln in öffentlichen Küchen verankert werden. Und nicht zuletzt sei der Austausch mit dem Ernährungsrat empfehlenswert sowie die Förderung eines FoodHubs mit einer öffentlichen Gemeinschaftsküche.

FoodHub Frankfurt – mehr als Kopenhagen am Main

Die Idee hinter dem FoodHub und die Ziele, die noch vor den Macherinnen und Machern des FoodHubs liegen, präsentierte Jörg Weber vom Ernährungsrat Frankfurt. Das vom Ernährungsrat initiierte Projekt will sich dafür einsetzen allen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt hochwertiges, gutes und regionales Essen zu fairen Preisen verfügbar zu machen – ganz gleich, ob in Unternehmen, in Kindergärten, Schulen oder Restaurants. Der FoodHub solle dabei eine Schnittstelle zwischen landwirtschaftlichen und verarbeitenden Betrieben sowie den Großverbraucherinnen und Großverbrauchern besetzen. Gegenwärtig sind Weber und seine Mitstreitenden in erster Linie beratend aktiv. Perspektivisch solle der FoodHub jedoch eine Anlaufstelle in der Stadt werden, die Akteurinnen und Akteure der gesamten Wertschöpfungskette zusammenbringt.

Das Projekt ist vom Kopenhagener "Madhus" inspiriert und soll ähnlich wie die "Zukunftsküche Essen" auch zu einem Schulungszentrum für die Aus- und Weiterbildung von Köchinnen und Köchen, Caterinnnen und Caterern und Mitarbeitenden der Gemeinschaftsverpflegung werden. Doch die Pläne in Frankfurt gehen sogar darüber hinaus: "Wir müssen langfristig denken. Es geht beim FoodHub darum als Mittler zur Verfügung zu stehen, aber auch einen physischen Ort zu haben, der auch als Depot für die Küchen dienen kann," sagte Weber. Die Suche nach einem geeigneten Standort gestalte sich jedoch schwierig. Damit der FoodHub Realität wird, sei laut Weber eine stärkere Förderung durch die Stadt Frankfurt und das Land Hessen erforderlich.

Ökomodellregion Wetterau: mit "doller Knolle" voraus

Während die Einrichtung eines Drehkreuzes rund um bio-regionale Ernährung in der größten Stadt Hessens noch eine Vision ist, ist rund um Frankfurt in den letzten Jahren eine florierende Ökomodell-Landschaft entstanden: "Hessen wird Ökomodellland. Hessen ist Pionier und alle Landkreise ziehen inzwischen mit", stellte Nicole Nefzger fest. Denn seit diesem Jahr sind alle hessischen Landkreise als Ökomodellregionen ausgerufen. Claudia Zohner von der Ökomodellregion (ÖMR) Wetterau zeigte in ihrem Vortrag, was dies bedeutet und wie die AHV der urbanen Ballungszentren von den bereits vorhandenen Lieferstrukturen mit Bio-Produkten profitieren könnte. Zwei zentrale Handlungsfelder der ÖMR Wetterau sind die "Verarbeitungsstrukturen und Lebensmittelhandwerk" sowie "Vermarktungsstrukturen, Belieferung, Logistik und Handel".

So hat die Region mit dem Projekt "Dolle Knolle" in den vergangenen anderthalb Jahren den Verarbeitungs- und Vermarktungsprozess von regionalem Bio-Gemüse angeschoben, bei dem ein Glied der Wertschöpfungskette in das andere greift – und alles geschieht vor Ort in der Wetterau. In der Region gebe es drei Erzeugerinnen und Erzeuger von Kartoffeln, Pastinaken und Süßkartoffeln in Bio-Qualität. Ein Verarbeitungsbetrieb aus der Gegend schält die Kartoffeln und der Bio-Großhandel liefert in die Großküchen von Kitas, Schulen und Unternehmenskantinen und zwar auch nach Frankfurt. Interessierten gab Zohner den Tipp: "Ich empfehle Großküchen immer, erstmal mit bestimmen Produkten zu starten. Das Produkt Kartoffel ist ein guter Einstieg in den Bio-Bereich." Auch Rind- und Schweinefleisch aus der Wetterau könne dank der Zusammenarbeit mit dem bio-zertifizierten Schlachthausgenossenschaft Büdingen bis an die (Frankfurter) Haustür geliefert werden.

"100 Prozent Bio geht!"

Wie sich Bio-Lebensmittel nachhaltig und wirtschaftlich sinnvoll im Kita- und Schul-Catering einsetzen lassen, berichtete Silke Beyer. Die Unternehmerin aus dem benachbarten Thüringen beliefert mit ihrer regionalen Bio-Küche "Werk5" wochentags täglich acht Kindergärten, drei Schulen und ein Landschulheim im Umkreis von 25 Kilometern mit 500 Mahlzeiten und Lebensmitteln, die zu 100 Prozent aus regionaler Bio-Erzeugung stammen.

Durch die enge Zusammenarbeit mit Landwirtinnen und Landwirten aus einem Umkreis von 50 Kilometern könne sie die Preise für Ein- und Verkauf niedrig halten, so Beyer. Aufgrund der saisonalen Abhängigkeit empfiehlt die Catering-Fachfrau, das "Gemüse" im Speiseplan nicht konkret festzulegen, um besser auf das vorhandene Angebot eingehen zu können. Damit sich der verstärkte Einsatz von Bio-Produkten rechnet, sei es neben dem Direktvertrieb ratsam, möglichst wenig Müll zu produzieren und im Austausch mit den Großküchen, Kitas und Schulen die Abnahmemengen im Nachhinein noch einmal anzupassen. Wer dies beherzigt, stelle fest: "100 Prozent Bio geht!", motiviert Silke Beyer die Teilnehmenden, mehr Bio zu wagen.

Der digitale Vernetzungsworkshop mit Akteurinnen und Akteuren aus der Region Frankfurt war eine Veranstaltung der Initiative BioBitte. Geplant und umgesetzt hat die Veranstaltung die FiBL Projekte GmbH in Zusammenarbeit mit dem Dezernat für Umwelt und Frauen Frankfurt sowie dem Ernährungsrat Frankfurt. Termine für die nächsten Veranstaltungen der Initiative BioBitte finden Sie unter den Veranstaltungsterminen.


Letzte Aktualisierung 15.12.2020

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