Leinen los für mehr Bio!

Leinen los für mehr Bio!

Für mehr Bio in der Außer-Haus-Verpflegung will der Landkreis Wesermarsch mit seinen Nachbarn Oldenburg und Bremen effizientere Wertschöpfungsketten aufbauen. Wie dies gelingen kann, diskutierten Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Lebensmittelpraxis beim digitalen BioBitte Dialogforum.

Ein freundliches "Moin" und schon kam Thomas Brückmann ohne Umschweife zur Sache: "Je größer eine Gemeinschaft ist, die sich der Nachhaltigkeit widmet, desto größer sind die Erfolgsaussichten." Mit dieser passenden Aussage eröffnete der Landrat des Landkreises Wesermarsch Ende November das digitale Dialogforum von BioBitte. Die Agenda der Veranstaltung drehte sich um das Thema: Bio, regional und saisonal in der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung. Mehr als 50 Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Lebensmittelpraxis haben sich zugeschaltet, um sich über den Status-Quo des Öko-Landbaus in Niedersachsen zu informieren und die Wachstumspotenziale durch einen verstärkten Einsatz von Bio-Lebensmitteln in der öffentlichen Außer-Haus-Verpflegung (AHV) zu diskutieren.

Im Zentrum stand die Frage, wie sich Stadt-Land-Beziehungen in der Region zwischen Jadebusen und Oldenburg sowie entlang der Unterweser stärken lassen. Und wie lässt sich durch gezielte Zusammenarbeit der Anteil an Bio-Lebensmitteln in kommunalen Einrichtungen erhöhen? Landrat Thomas Brückmann betonte die Wichtigkeit des Dialogs beteiligter Akteurinnen und Akteure aus der Metropolregion Nordwest. Für ihn ist ein Mehr an Bio-Lebensmitteln auch eine Chance für mehr Nachhaltigkeit. Und die Suche nach nachhaltigen Lösungen sei für den Landkreis Wesermarsch in den letzten Jahren noch wichtiger geworden, zumal der Klimawandel aufgrund der Küstennähe bereits deutlich zu spüren sei.

"Wachstum im Öko-Landbau braucht Anreize"

Wie aber ist es um den Öko-Landbau in Niedersachsen bestellt? Carolin Grieshop, Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums Ökolandbau in Niedersachsen (KÖN), lieferte Zahlen, Daten und Fakten zum Bundesland mit der zweitgrößten Fläche. Das augenscheinlichste Ergebnis: auf den ersten Blick ernüchternd! Aktuell werden nur 4,7 Prozent (Stand 2019) der landwirtschaftlich genutzten Flächen in Niedersachsen ökologisch bewirtschaftet. Damit liegt Niedersachsen unterhalb des Bundesdurchschnitts von knapp zehn Prozent. Aber auf den zweiten Blick zeigt sich: Der Ökolandbau ist im Land zwischen Nordsee und Harz deutlich auf der Überholspur und verzeichnet seit Jahren bundesweit mitunter die höchsten Wachstumsraten. Sieben Prozent der gesamtdeutschen Bio-Fläche werden in Niedersachsen bewirtschaftet. Aber schon heute kommen acht Prozent der Bio-Milch, jeweils ein Viertel der Bio-Äpfel und -Kartoffeln sowie fast die Hälfte aller Bio-Eier aus dem nordwestdeutschen Bundesland. Jahrzehntelang haben Bäuerinnen und Bauern dort mit der konventionellen Landwirtschaft gute Erträge erwirtschaftet, seien laut Grieshop aber nun vermehrt auf der Suche nach ökonomisch attraktiven Nischen. Bio bietet ihnen neue Perspektiven und Grieshop macht deutlich: "Strukturen, mit denen wir arbeiten können, sind da. Aber Wachstum im Öko-Landbau braucht Anreize."

Die Expertin vom KÖN betonte, dass eine langfristige Umstellung auf Öko-Landbau für Betriebe jedoch nur funktioniere, wenn Landwirtinnen und Landwirte auch Abnehmer hätten, die ihre Produkte vertreiben. Das größte Wachstumspotenzial sieht Carolin Grieshop in der AHV. Besonders Äpfel, Eier, Kartoffeln und Rindfleisch seien Produkte aus dem niedersächsischen Öko-Landbau, die sofort in der Gemeinschaftsverpflegung und der Gastronomie eingesetzt und serviert werden könnten, betonte die Impulsgeberin. Der niedersächsische Weg ist bereits vorgezeichnet. Mithilfe der AHV und gezielter Nachfragesteigerung lasse sich das Ziel von 15 Prozent Öko-Landbau bis zum Jahr 2030 erreicht werden, sagte Grieshop.

Regionalität durch Saisonalität

Mit Spannung erwartete das Fachpublikum den Impulsvortrag von Professor Christopher Zeiss von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen (HSPV NRW). Denn das Kriterium der vielerorts gewünschten Regionalität bei öffentlichen Ausschreibungen stellte sich auch in der Wesermarsch als heiß diskutiertes Thema heraus. Forderungen nach einem per Ausschreibung festgelegten Anteil regionaler Lebensmittel musste der Experte für Staats- und Europarecht direkt den Wind aus den Segeln nehmen und erläuterte die genauen Vorgaben des EU-Rechts. Zeiss‘ Tipp: "Legen Sie konkrete Speisepläne über das Jahr hinweg fest, in denen die Saisonalität berücksichtigt wird

Regionalität in Ausschreibungen
Nach geltendem EU-Recht dürfen keine Vorgaben zu regionalen Lieferunternehmen gemacht werden. Aber: Vorgaben zu Saisonprodukten, maximalen Transportzeiten und regionalen Gütesiegeln sind erlaubt.

Wie so eine rechtlich korrekte Umsetzung von der Ausschreibung in die Praxis, in diesem Fall bis zur Umstellung zu mehr Bio in den städtischen Kantinen in München abgelaufen ist, präsentierte Sven Conrad. Der Referent der Landeshauptstadt München ist für vier der städtischen Kantinen verantwortlich. In den Ausschreibungen lag der Fokus vor allem jeweils auf Öko-Landbau, Regionalität und artgerechter Haltung. Außerdem sei das Bayerische Bio-Siegel als Goldstandard definiert: „Ganz wichtig ist, dass den Gästen transparent gezeigt wird, woher und in welcher Qualität die Produkte kommen.“ So käme bei den Gästen nicht nur das Bio-Essen sehr gut an, sondern auch die Transparenz, so Conrad.

Aktuell: Corona-Auswirkungen auf Caterer und Lieferanten

Nach der Mittagspause ging es in den Dialog mit Caterern, Kantinenbetrieben und Bio-Großhändlern. Fragenthemen waren unter anderem die Auswirkungen der Corona-Krise auf die AHV, die Einkaufsphilosophie und die Zusammenarbeit mit Lieferanten. Zu der Frage nach den Auswirklungen der Corona-Pandemie konnte Stefanie Limbach von ihren Erfahrungen berichten. Als Controllerin in der Betriebskantine bei der HDI-Versicherung in Köln musste sie aufgrund der Pandemie das Konzept der Kantine umstrukturieren: statt ursprünglichen 400 gibt es jetzt nur noch 100 Sitzplätze. Die vorbildliche Ganztierverwertung wird aktuell nicht mehr umgesetzt und nur auf Nachfrage beim Schlachter bestellt. Die Auswahl ist grundsätzlich kleiner geworden. Ein Lichtblick: jetzt sei die Zeit, sich vermehrt auf die Lebensmittelbeschaffung und neue, zusätzliche Konzepte wie Street Food oder Pop-Up-Cafés konzentrieren, damit Mitarbeitende die Mittagspause auch in der Nähe ihrer heimischen Arbeitsplätze gemeinsam begehen können.

Auch Jens Witt, Gründer und Geschäftsführer des Hamburger Bio-Caterers Wackelpeter war vom ersten Lockdown während der Corona-Pandemie betroffen, kann sich aber glücklich schätzen, dass die Anfragen weiterhin sehr hoch sind und der Personen-Kontakt bei seinem Kita-Catering auch jetzt während der zweiten Einschränkungen sehr gering ist. Sein Ziel: „Wir wollen in der Qualität und nicht in der Quantität wachsen.“ Nach wie vor gilt bei ihm der Grundsatz, so nah wie möglich an der Lebensmittelproduktion zu sein und seinen Kunden so mehr Transparenz gewährleisten zu können.

Als Großkundenbetreuer beim Bio-Großhandel Kornkraft Naturkost aus Großenkneten ist Peter Schäfer bereits so nah an den Lebensmitteln, wie möglich. Auf Nachfrage könnten sie dem Kunden sogar ein Hofportrait vorlegen, betont er. Zu seinen Kunden gehören Großküchen, aber auch Privatpersonen. Zu seinen Lieferanten gehören bevorzugt regionale Anbieter und Verbandsware. Als Anbieter von Gemüse- und Obstboxen hat er während der Corona-Pandemie eine verstärkte Nachfrage nach den Abo-Boxen verzeichnet, während die Nachfrage bei Großkunden massiv zurückging. Durch die Verlagerung des Fokus vom einen auf das andere Standbein war es ihm möglich, der gesteigerten Nachfrage auch nachzukommen. Für die Zukunft hofft er, weiterhin so flexibel auf seine Kundenwünsche reagieren zu können.

Auch Knut Schaeper konnte eine Umsatzverschiebung während des ersten Lockdowns vom AHV zum Einzelhandel feststellen: "Wenn der Verbraucher zuhause ist, für die Familie kocht oder allein, dann wählt er Bio." Als geschäftsführender Gesellschafter des zweiten regionalen Bio-Großhändlers Naturkost Kontor Bremen freut er sich natürlich über die Nachfragesteigerung, aber betont auch, dass hier für die AHV großes Potenzial in der Region deutlich wird, denn die Nachfrage nach mehr Bio sei deutlich. Sein Fokus beim Einkauf läge seither klar auf regionaler und zertifizierter Verbandsware. Als Beispiele nennt er Bioland, demeter und Naturland. Schäfer möchte auch weiterhin die Rolle des Partners der Bauern und Begleiter seiner Kunden einnehmen: "Wir möchten unseren Bauern einen Absatzmarkt ermöglichen."

Das digitale Dialogforum war eine Veranstaltung der Initiative BioBitte. Geplant und umgesetzt hat die Veranstaltung das Beratungsunternehmen a´verdis in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Wesermarsch und dem EU-geförderten Interreg Projekt REFRAME "Towards a Regional Food Frame".


Letzte Aktualisierung 15.12.2020

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