Was bewegt junge Bio-Landwirtinnen und Bio-Landwirte?

Wie blickt der Nachwuchs im Ökolandbau auf die Branche? Bio-Junglandwirt Flavio Traxl erklärt im Interview, was seine Generation von den Öko-Pionierinnen und -Pionieren unterscheidet, wie er die Arbeit der Bio-Verbände wahrnimmt und was er sich vom aktuellen Bundeslandwirtschaftsminister für den Ökolandbau wünscht.

Oekolandbau.de: Wie nimmst du aktuell die Stimmung unter den jüngeren Landwirtinnen und Landwirten im Ökolandbau wahr?

Flavio Traxl: Nach meiner Wahrnehmung gibt es ein Gefühl, dass man sich vor einigen Jahren weniger Gedanken machen musste, ob man als Bio-Betrieb langfristig wirtschaftlich bestehen kann. Damals war das vorherrschende Gefühl: Ich stelle auf Bio um und dann läuft das schon irgendwie.

Oekolandbau.de: Was hat sich verändert?

Flavio Traxl: Es ist einfach schwieriger geworden, Bio-Ware zu Bio-Preisen zu verkaufen. Außerdem fehlt es an Trends, die längerfristig wirtschaftlich tragen. Ein ganz wichtiger Punkt ist aus meiner Sicht auch die fehlende Verlässlichkeit im Öko-Bereich. Ich kenne viele junge Bios, die mutig sind und richtig Lust haben, was zu bewegen. Aber sie haben das Gefühl, wenn ich heute zum Beispiel in einen Stall investiere, kann ich mich nicht darauf verlassen, dass es bis zur Ablösung des Kredits trägt.

Oekolandbau.de: Was könnte man dagegen tun?

Flavio Traxl: Hilfreich wären zum Beispiel langfristige Verträge mit den Abnehmern im Handel, die feste Preise beinhalten und so Planungssicherheit geben. Warum ist es zum Beispiel nicht möglich, schon zur Aufstallung eines Rindes vor der 24-monatigen Mast einen verlässlichen Preis auszuhandeln? Aktuell mästet man die Tiere mit allen Risiken und muss dann nach zwei Jahren den aktuellen Marktpreis akzeptieren, der die Erzeugungskosten überhaupt nicht berücksichtigt. 

Öko-Junglandwirt*innen-Netzwerk

Das Öko-Junglandwirt*innen-Netzwerk ist angegliedert an die Schweisfurth-Stiftung, die als rechtlicher Träger fungiert. Es ist ein freies Netzwerk ohne feste Mitgliedschaften, das als Stimme der jungen Generation von Bio-Landwirtinnen und Bio-Landwirten gilt. Zentrale Veranstaltungen der Einrichtung sind ein jährliches Netzwerktreffen mit etwa 200 Teilnehmenden und mehrere bundesweite Foren zu den Herausforderungen rund um die Hofübergabe.

Oekolandbau.de: Welche Herausforderungen gibt es aktuell noch für die junge Generation?

Flavio Traxl: Das sind natürlich Dinge wie die ausufernde Bürokratie, die geplante Weidepflicht oder die Entwicklung der Preise, die letztlich alle Praktikerinnen und Praktiker im Bio-Bereich umtreiben. Aber ich beobachte in meinem Umfeld auch, dass es der jungen Generation oft an Ideen fehlt im Bereich Vermarktung und allgemein an betriebswirtschaftlichem Know-how. Wie kriege ich meine Ware zu angemessenen Bio-Preisen verkauft? Welche Geschichte kann ich erzählen, um meinen Betrieb interessant zu machen? Wie strukturiere und organisiere ich meinen Betrieb, um möglichst wirtschaftlich zu arbeiten? Mit diesen Fragen tun sich viele jüngere Betriebsleitende schwer. In der praktischen Öko-Landwirtschaft sind dagegen alle fachlich sehr fit.

Oekolandbau.de: Siehst du Unterschiede zwischen der früheren und heutigen Bio-Generation?

Flavio Traxl: Die früheren Pionierinnen und Pioniere, die auch heute noch Betriebe leiten, bringen aus meiner Sicht sehr viel Idealismus mit. Dieser Idealismus hat auch uns als nachfolgende Generation geprägt. Aber der Blick meiner Generation auf die Arbeit ist insgesamt etwas nüchterner. Viele Dinge werden stärker hinterfragt: Ist das realistisch? Lohnt sich der Aufwand für den Betrieb? Das gilt zum Beispiel für die Mitgliedschaft in einem Erzeugerverband.

Oekolandbau.de: Inwiefern?

Flavio Traxl: Junge Betriebsleiterinnen und -leiter schauen genauer hin, was sie für ihren nicht ganz unerheblichen Mitgliedsbeitrag bei einem Verband bekomme und welchen konkreten Nutzen sie davon haben. Allerdings muss man fairerweise sagen, dass sich nicht alle Leistungen der Verbände bewerten lassen. Dazu gehört zum Beispiel die politische Lobbyarbeit für den Ökolandbau, von der auch Betriebe profitieren, die keinem Verband angehören.

Oekolandbau.de: Wie sehen Bio-Junglandwirtinnen und Bio-Landwirte insgesamt die Arbeit ihrer Verbände? 

Flavio Traxl: Ich würde sagen, durchaus kritisch. Sonst wären wahrscheinlich nicht bei allen größeren Verbänden Nachwuchsorganisationen wie Junges Bioland oder Junges Demeter entstanden. Statt diese Strukturen aufzubauen, wäre es aus meiner Sicht sinnvoller, die junge Generation direkt in die Entscheidungsfindung der Verbände einzubinden. Auch im Bereich Bürokratie und Nachweispflichten wünschen sich viele von Seiten der Verbände Erleichterungen. So sollten Verbände etwa auf Nachweise und Unterlagen verzichten, die ohnehin schon bei den zuständigen Landwirtschaftskammern eingereicht werden müssen.

Oekolandbau.de: Wie sieht die jüngere Generation die enge Zusammenarbeit der Verbände mit Lebensmitteldiscountern?

Flavio Traxl: Am Anfang wurde es von fast allen als falscher Schritt empfunden, Verbands-Bio-Ware in der Breite anzubieten. Damit ging schließlich eine gewisse Exklusivität im Bio-Fachhandel verloren. Heute ist die Wahrnehmung gemischt. Ein größerer Kartoffelerzeuger sagte mir, dass dieser Schritt für ihn das Beste war, was passieren konnte. Für Verbandsbetriebe mit Hofladen ist es dagegen sehr problematisch. Denn die müssen sich für die höheren Preise ihrer Produkte rechtfertigen, die es im Handel mit dem gleichen Verbandslogo günstiger gibt.

Oekolandbau.de: Was müsste auf Verbandsebene passieren?

Flavio Traxl: Man kann sich schon einmal die Frage stellen, ob die aktuelle Verbandsvielfalt in Deutschland noch sinnvoll ist. Ich finde das Schweizer Modell mit Bio Suisse als übergeordnetem Dachverband für alle Bio-Verbände sehr interessant. Es gibt nur ein Logo für Produkte, die nach Bio-Verbandsrichtlinien erzeugt wurden. Das ist für Verbraucherinnen und Verbraucher leichter nachvollziehbar, senkt die Kosten und stärkt die Position bei Preisverhandlungen. Außerdem würden die Verbände weniger untereinander konkurrieren, was zurzeit noch unnötige Ressourcen kostet.

Oekolandbau.de: Wie siehst du den Nachwuchsmangel im Ökolandbau? Gibt es hier Lösungen?

Flavio Traxl: Die Zahl der Auszubildenden an den Berufsfachschulen und Universitäten ist rückläufig. Das ist aber nicht verwunderlich in einer Branche wie der Landwirtschaft, in der immer weniger Leute arbeiten. Ich habe aber das Gefühl, dass Azubis im Öko-Bereich zu oft als günstige Arbeitskraft gesehen werden. So kann man keine Fachkräfte halten. Ausbildungsbetriebe, die viel in ihre Azubis investieren, haben größere Chancen, sie langfristig halten und vielleicht sogar eines Tages eine Hofübergabe zu gestalten.

Oekolandbau.de: Wie gut gelingen denn insgesamt die Hofübergaben im Ökolandbau?

Flavio Traxl: Mein Eindruck ist, dass die Bios das Thema sehr aktiv angehen und dass es sehr viele Informationen dazu gibt. Auch unsere Foren zum Thema sind immer gut besucht. Dennoch zeigt die Existenz von Portalen wie hofsuchtbauer.de, dass die Nachfolge oft schwierig ist. Gerade für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger ohne elterlichen Betrieb ist es oft eine große Herausforderung, einen Hof zu finden. Da ein Kauf meistens illusorisch ist, müssen andere Wege gefunden werden, wie etwa eine Pacht, das Einmieten oder die Übertragung des Hofs an eine gemeinnützige Stiftung. Ich selbst bewirtschafte mit meiner Frau und anderen Paaren einen Pachtbetrieb. Das funktioniert gut, heißt aber natürlich auch, dass uns hier nichts gehört und wir uns frühzeitig Gedanken über die Altersvorsorge machen müssen.

Oekolandbau.de: Wie ist euer Verhältnis zu jungen konventionellen Landwirtinnen und Landwirten?

Flavio Traxl: Ich würde sagen gemischt. Es ist schon so, dass es weniger Berührungsängste gibt. Gleichzeitig beäugt man sich gegenseitig immer ein bisschen kritisch. Ich bin aber überzeugt, dass wir voneinander lernen können und immer versuchen sollten, die Motivation der anderen Seite zu verstehen. Wir hatten einmal eine konventionelle Winzerin auf unserer Tagung. Da gab es einen sehr offenen, gewinnbringenden Austausch. Ich würde mir das häufiger wünschen, vielleicht über regelmäßige regionale Vernetzungstreffen. Denn trotz der unterschiedlichen Systeme sollten wir uns gegenseitig helfen. Dann wird es für beide Seiten einfacher.

Oekolandbau.de: Wenn du die Gelegenheit hättest, den Bundeslandwirtschaftsminister zu treffen, was würdest du ihm sagen?

Flavio Traxl: Ich würde ihn sicherlich nicht um Förderungen für den Ökolandbau bitten. Für mich wäre es am wichtigsten, dass er aktiv zuhört und nachvollzieht, wie der Ökolandbau genau funktioniert, wo die Unterschiede zum konventionellen Bereich liegen und warum die Entwicklungen hier langsamer sind, aber dafür oft nachhaltiger. Und ich würde mir natürlich wünschen, dass er bei allen zukünftigen Entscheidungen die wachsende Öko-Branche mitdenkt.

Oekolandbau.de: Zum Schluss noch ein Ausblick: Was glaubst du, wie sich der Ökolandbau weiterentwickelt und wo er in fünf oder zehn Jahren steht?

Flavio Traxl: Ich denke, steigende Energiepreise und wachsende Umweltprobleme werden automatisch den Druck auf die Landwirtschaft und die gesamte Wirtschaft erhöhen, nachhaltiger zu arbeiten. Deshalb gehe ich davon aus, dass sich die konventionelle Landwirtschaft automatisch stärker in Richtung Ökolandbau entwickeln wird. Umgekehrt werden sich die Strukturen des Ökolandbaus immer weiter denen im konventionellen Bereich angleichen mit größeren Betrieben und ähnlicher Vermarktung. Grundsätzlich sollten wir Ökos aber stolz sein, ein so gutes und nachhaltiges System zu haben. Aber wir müssen auch weiter daran arbeiten, es weiterzuentwickeln und besser zu machen.
 


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Letzte Aktualisierung 20.05.2026

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