Aktuell: Die Schilf-Glasflügelzikade

Schilf-Glasflügelzikade: Was können Bio-Betriebe gegen den Schädling tun?

Die Schilf-Glasflügelzikade hat sich als Überträgerin von Bakteriosen innerhalb weniger Jahre zu einem extrem problematischen Schädling im Ackerbau entwickelt. Forschung, Praxis und Politik arbeiten unter Hochdruck an Lösungen zur Eindämmung der Schäden. Wir geben einen Überblick zu Schadpotenzial, zum Stand der Ausbreitung und zu den aktuellen Strategien zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade.

Woher kommt die Schilf-Glasflügelzikade?

Ursprünglich stammt die Schilf-Glasflügelzikade (Pentastiridius leporinus) aus wärmeren Regionen Südeuropas. Wie ihr Name vermuten lässt, lebte sie zunächst am Schilfrohr in Feuchtgebieten. Aufgrund steigender Durchschnittstemperaturen in Folge der Klimakrise sowie der Intensivierung des Ackerbaus breitete sich die Zikade rasch nördlich aus. Die Schilf-Glasflügelzikade hat sich in Deutschland innerhalb kürzester Zeit zu einem Problemschädling entwickelt, der für einige Betriebe existenzbedrohend ist. Das gilt für konventionelle und Bio-Betriebe gleichermaßen.

Was macht die Schilf-Glasflügelzikade für einen Schaden?

Das Insekt selbst verursacht keine größeren Schäden an Kulturpflanzen. Doch durch ihre Saugtätigkeit überträgt die Schilf-Glasflügelzikade zwei bakterielle Erreger: Candidatus Arsenophonus phytopathogenicus, welches das Syndrome Basses Richesses (SBR) in Zuckerrüben verursacht sowie Candidatus phytoplasma solani, das für Stolbur in Kartoffeln verantwortlich ist.

Beide Erkrankungen führen zu massiven Ertragsausfällen von 25 bis 50 Prozent, auch Totalausfälle sind möglich. Hinzu kommen große Qualitätseinbußen. So sinkt bei Rüben der Zuckergehalt um bis zu einem Drittel, während Kartoffelknollen verstärkt Zucker statt Stärke einlagern und braune Verfärbungen entwickeln, die eine weitere Verarbeitung oder Vermarktung unmöglich machen.

"Gummiknollen" als typisches Symptom der Schilf-Glasflügelzikade

Wie bei Zuckerrüben führen die Erkrankungen in Kartoffeln und Gemüse zu einem raschen Welken und Absterben der Blätter und zu gummiartigen Knollen. Typisch sind zudem braungefärbte Leitbündel in den Knollen. Bei Kartoffeln bilden sich zudem viele kleine Luftknollen in den Blattachseln und die Blätter welken.

Wo tritt die Schilf-Glasflügelzikade in Deutschland auf?

Erstmals wurde SBR im Jahr 2008 im Raum Heilbronn in Zuckerrüben nachgewiesen. Seit 2018 breitet sich die Schilf-Glasflügelzikade und die damit verbundenen Bakteriosen rasch von Süden und Osten Richtung Nordwesten aus. Betroffen sind aktuell vor allem Anbaugebiete in Baden-Württemberg, Bayern, Südhessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Doch auch im Süden Niedersachsens und im Rheinland wurde die Art bereits mehrfach nachgewiesen.

Im Jahr 2022 ging die Zikade in größerem Umfang auf weitere Wirtspflanzen wie Kartoffeln und verschiedenen Gemüsearten über, sodass auch in diesen Kulturen verstärkt Stolbur und SBR auftraten. In einigen Regionen kam es in den Folgejahren zu einer Massenvermehrung der Schilf-Glasflügelzikade, sodass nach Schätzungen des Julius-Kühn-Instituts (JKI) im Jahr 2024 etwa 85.000 Hektar Zuckerrüben und 22.000 Hektar Kartoffeln mit den Bakteriosen infiziert waren.

Schnelle Verbreitung der Schilf-Glasflügelzikade durch Klimakrise und fehlende Feinde

"Die Ausbreitung und Vermehrung einer Insektenart und der von ihm übertragenen Bakteriosen habe ich in dieser Geschwindigkeit noch nie erlebt", sagt Prof. Stefan Kühne, Pflanzenschutzexperte am Julius-Kühn-Institut (JKI). "Genauso überrascht hat uns die schnelle Anpassungsfähigkeit der Tiere. In kürzester Zeit sind sie dazu übergegangen, auch diverse Gemüsearten wie Möhren, Rote Bete, Sellerie und Rhabarber als Wirtspflanzen zu nutzen."

Neben der besonderen Anpassungsfähigkeit sieht Kühne vor allem die Klimakrise und das Fehlen natürlicher Feinde als Ursachen für die starke Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade. Zudem kommt ihr entgegen, dass Zuckerrüben meist sehr konzentriert in kleineren Regionen angebaut werden.

Lebenszyklus der Schilf-Glasflügelzikade

Die Schilf-Glasflügelzikade ist eine heimische Art, die ursprünglich in Schilfbereichen lebte, bis sie die Zuckerrübe als neuen Lebensraum entdeckte. Ihre Eier legt sie bevorzugt in Ton- und Lehmböden ab, Sandböden meidet sie dagegen eher. Aus den Eiern schlüpfen Nymphen, die ihre Entwicklung komplett im Boden durchlaufen. Die ausgewachsenen Zikaden fliegen ab Mai verstärkt in die Bestände verschiedener Kulturpflanzen ein und stechen die Leitbündel an, um Pflanzensaft zu saugen. Dabei nehmen sie die Bakteriosenerreger auf oder geben sie weiter an andere Pflanzen.

Auch Nymphen der Schilf-Glasflügelzikade übertragen die Erreger

Nach der Paarung legen die Weibchen der Schilf-Glasflügelzikade die Eier nahe einer Wirtspflanze im Boden ab. Die geschlüpften Nymphen ernähren sich vom Saft der Wurzeln und der ausgebildeten Knollen oder Rübenkörper. Dabei nehmen sie wie die ausgewachsenen Tiere die Erreger auf und geben sie weiter. Über den Winter verbleiben die Nymphen im Boden und entwickeln sich erst im folgenden Frühjahr zum erwachsenen Tier. Im Winter bleiben sie aktiv und sind deshalb auf eine Folgekultur als Nahrung angewiesen. In den meisten Fruchtfolgen ist dies ein Wintergetreide.

Was hilft gegen die Schilf-Glasflügelzikade?

"Ziel muss es immer sein, eine Massenvermehrung der Insekten und damit das Risiko für eine starke Verbreitung der Bakteriosen zu vermeiden", sagt Prof. Stefan Kühne. "Doch das ist ausgesprochen schwierig. Denn die bisherigen Bekämpfungsansätze haben aus pflanzenbaulicher und agrarökologischer Sicht auch Nachteile."

Chemische Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade keine langfristige Lösung

Im konventionellen Bereich wurden Insektizide beim Einfliegen der Schilf-Glasflügelzikade in die Bestände ab Mai eingesetzt. Allerdings sind hier laut Kühne mindestens drei Einsätze in kurzen Zeitabständen notwendig, für die jedoch eine Notfallgenehmigung erforderlich ist. Die Mittel zeigten bisher eine gute Wirkung.

Allerdings belastet der intensive Einsatz der Kontaktinsektizide in großen Kulturen wie Kartoffeln und Rüben die natürliche Regulierung durch Nützlinge wie etwa Schlupfwespen und Raubmilben. "Hinzu kommt, dass Resistenzen bei diesem Vorgehen nur eine Frage der Zeit sind", betont Kühne.

Selektiv wirkendes Mittel gegen Schilf-Glasflügelzikade für Ökolandbau verfügbar

Bei den im Ökolandbau zulässigen natürlichen Pyrethroiden macht die relativ kurze Wirkungsdauer theoretisch sehr viele Anwendungen erforderlich. Das ist aber gerade im Ökolandbau nicht erwünscht, da man hier auf natürliche Gegenspieler bei der Regulierung der Schädlinge setzt. Eine selektivere Wirkung gegen die Zwergzikade bietet die Anwendung von Azadirachtin, ein biologischer Wirkstoff vom Neembaum. Doch laut Kühne sind Insektizide bei Flächenkulturen wie Zuckerrüben und Kartoffeln auf längere Sicht in beiden Anbausystemen keine tragfähige Alternative.

Gute Erfolge haben Praxis-Betriebe mit einer sogenannten Schwarzbrache bei der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade erzielt. Dabei werden befallene Flächen nach Zuckerrüben, Kartoffeln oder Gemüse nicht mehr bestellt und der Boden bis zum Frühjahr möglichst lange offengehalten. Anschließend folgt eine späte Sommerung wie Mais, Soja oder zumindest ein Sommergetreide. Ziel ist es, die Nymphen der Schilf-Glasflügelzikade im Boden auszuhungern.

Schwarzbrache hat gravierende Nachteile bei der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade

"Das ist aber letztlich auch nur eine Notlösung", sagt Stefan Kühne. "Denn für das Bodenleben und die Bodenstruktur ist dieses Vorgehen natürlich extrem ungünstig, insbesondere bei Hanglagen, wo es zu Bodenabschwemmungen kommen kann." Der Pflanzenschutzexperte hält es für sinnvoll, nach geeigneten Feindpflanzen als Winterzwischenfrucht zu suchen. Das könnten zum Beispiel Acker-Senf oder Ringelblumen sein, die pflanzliche Abwehrstoffe wie Glucosinolate oder Flavonoide über ihre Wurzeln abgeben und so möglicherweise die Nymphen fernhalten könnten.

Bei Zuckerrüben und Kartoffeln haben sich zudem gewisse Sortenunterschiede bezüglich der Befallsanfälligkeit der Pflanzen für die Schilf-Glasflügelzikade gezeigt. Allerdings lassen die bisherigen Prüfungen noch keine eindeutigen Empfehlungen zu. Bei der Züchtung widerstandsfähiger Sorten gegen die Bakteriosen steht man laut Kühne "erst am Anfang".

Netze und frühe Pflanztermine können gegen Schilf-Glasflügelzikade helfen

Einen sehr wirksamen Schutz gegen die Schilf-Glasflügelzikade bieten dagegen Insektennetze. Der Einsatz ist jedoch teuer und aufwendig. Deshalb lohnt sich dieser Ansatz nur bei bestimmten Gemüsekulturen und sehr frühen Kartoffelsorten oder Pflanzkartoffeln. Beim Kartoffelanbau empfiehlt die Beratung einen möglichst frühen Pflanztermin, um bei starkem Befall mit einer frühen Noternte noch größere Teile des Ertrags retten zu können.

Im Projekt SiKaZika des Julius Kühn-Institutes (JKI) zur Sicherung des Kartoffelanbaus in Hessen wurde festgestellt, dass die Schilf-Glasflügelzikade besonders stark von Wildkartoffeln angezogen wird. Die enthaltenen Solanine führten in Laborversuchen in wenigen Tagen zum Absterben von 90 Prozent der Tiere. Damit ist die Wildkartoffel möglicherweise geeignet, die Vermehrung der Zikaden als Fangpflanze oder Zwischenfrucht zu begrenzen.

Einzelmaßnahmen reichen gegen Schilf-Glasflügelzikade nicht aus

"Klar ist auf jeden Fall, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt ein Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen brauchen, um in den nächsten Jahren die Ausbreitung in Schach zu halten", sagt Stefan Kühne. Dazu gehört auch ein umfassendes Monitoring. Das JKI arbeitet dafür bundesweit auf etwa 400 Flächen mit durchsichtigen Klebetafeln, mit denen die Tiere nach dem Zufallsprinzip ohne Lockstoff eingefangen werden.

Für landwirtschaftliche Betriebe, die noch nicht betroffen sind, gibt es laut Kühne derzeit keine Möglichkeit, den Einflug der Tiere auf den Flächen zu verhindern. Wichtig ist jedoch, das Auftreten der Schilf-Glasflügelzikade und der übertragenen Bakteriosen umgehend beim nächsten Pflanzenschutzamt zu melden.

Betriebe sind sensibilisiert für Schilf-Glasflügelzikade

"Nach meiner Erfahrung sind die Betriebe absolut sensibilisiert für die Problematik", meint Prof. Stefan Kühne. "Außerdem funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Behörden, Praxis und Forschung bisher sehr gut. Es gibt kurze Wege und sehr unbürokratische, schnelle Entscheidungen. Das ist sehr hilfreich."

Eine Prognose zur Ausbreitungs- und Befallsentwicklung der Schilf-Glasflügelzikade für das Jahr 2026 ist nach Einschätzung des Experten nicht möglich. Im Jahr 2025 sei die Zahl der auftretenden Zikaden wegen der kühleren, feuchten Witterung deutlich geringer ausgefallen als 2024. Möglicherweise könnte auch ein kalter Winter die Zahl der Nymphen im Boden reduzieren. Sicher ist für ihn auf jeden Fall, dass sich die Schilf-Glasflügelzikade in den nächsten Jahren noch weiter Richtung Norden ausbreiten wird.


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Letzte Aktualisierung 12.12.2025

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