"Ziel muss es immer sein, eine Massenvermehrung der Insekten und damit das Risiko für eine starke Verbreitung der Bakteriosen zu vermeiden", sagt Prof. Stefan Kühne. "Doch das ist ausgesprochen schwierig. Denn die bisherigen Bekämpfungsansätze haben aus pflanzenbaulicher und agrarökologischer Sicht auch Nachteile."
Chemische Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade keine langfristige Lösung
Im konventionellen Bereich wurden Insektizide beim Einfliegen der Schilf-Glasflügelzikade in die Bestände ab Mai eingesetzt. Allerdings sind hier laut Kühne mindestens drei Einsätze in kurzen Zeitabständen notwendig, für die jedoch eine Notfallgenehmigung erforderlich ist. Die Mittel zeigten bisher eine gute Wirkung.
Allerdings belastet der intensive Einsatz der Kontaktinsektizide in großen Kulturen wie Kartoffeln und Rüben die natürliche Regulierung durch Nützlinge wie etwa Schlupfwespen und Raubmilben. "Hinzu kommt, dass Resistenzen bei diesem Vorgehen nur eine Frage der Zeit sind", betont Kühne.
Selektiv wirkendes Mittel gegen Schilf-Glasflügelzikade für Ökolandbau verfügbar
Bei den im Ökolandbau zulässigen natürlichen Pyrethroiden macht die relativ kurze Wirkungsdauer theoretisch sehr viele Anwendungen erforderlich. Das ist aber gerade im Ökolandbau nicht erwünscht, da man hier auf natürliche Gegenspieler bei der Regulierung der Schädlinge setzt. Eine selektivere Wirkung gegen die Zwergzikade bietet die Anwendung von Azadirachtin, ein biologischer Wirkstoff vom Neembaum. Doch laut Kühne sind Insektizide bei Flächenkulturen wie Zuckerrüben und Kartoffeln auf längere Sicht in beiden Anbausystemen keine tragfähige Alternative.
Gute Erfolge haben Praxis-Betriebe mit einer sogenannten Schwarzbrache bei der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade erzielt. Dabei werden befallene Flächen nach Zuckerrüben, Kartoffeln oder Gemüse nicht mehr bestellt und der Boden bis zum Frühjahr möglichst lange offengehalten. Anschließend folgt eine späte Sommerung wie Mais, Soja oder zumindest ein Sommergetreide. Ziel ist es, die Nymphen der Schilf-Glasflügelzikade im Boden auszuhungern.
Schwarzbrache hat gravierende Nachteile bei der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade
"Das ist aber letztlich auch nur eine Notlösung", sagt Stefan Kühne. "Denn für das Bodenleben und die Bodenstruktur ist dieses Vorgehen natürlich extrem ungünstig, insbesondere bei Hanglagen, wo es zu Bodenabschwemmungen kommen kann." Der Pflanzenschutzexperte hält es für sinnvoll, nach geeigneten Feindpflanzen als Winterzwischenfrucht zu suchen. Das könnten zum Beispiel Acker-Senf oder Ringelblumen sein, die pflanzliche Abwehrstoffe wie Glucosinolate oder Flavonoide über ihre Wurzeln abgeben und so möglicherweise die Nymphen fernhalten könnten.
Bei Zuckerrüben und Kartoffeln haben sich zudem gewisse Sortenunterschiede bezüglich der Befallsanfälligkeit der Pflanzen für die Schilf-Glasflügelzikade gezeigt. Allerdings lassen die bisherigen Prüfungen noch keine eindeutigen Empfehlungen zu. Bei der Züchtung widerstandsfähiger Sorten gegen die Bakteriosen steht man laut Kühne "erst am Anfang".
Netze und frühe Pflanztermine können gegen Schilf-Glasflügelzikade helfen
Einen sehr wirksamen Schutz gegen die Schilf-Glasflügelzikade bieten dagegen Insektennetze. Der Einsatz ist jedoch teuer und aufwendig. Deshalb lohnt sich dieser Ansatz nur bei bestimmten Gemüsekulturen und sehr frühen Kartoffelsorten oder Pflanzkartoffeln. Beim Kartoffelanbau empfiehlt die Beratung einen möglichst frühen Pflanztermin, um bei starkem Befall mit einer frühen Noternte noch größere Teile des Ertrags retten zu können.
Im Projekt SiKaZika des Julius Kühn-Institutes (JKI) zur Sicherung des Kartoffelanbaus in Hessen wurde festgestellt, dass die Schilf-Glasflügelzikade besonders stark von Wildkartoffeln angezogen wird. Die enthaltenen Solanine führten in Laborversuchen in wenigen Tagen zum Absterben von 90 Prozent der Tiere. Damit ist die Wildkartoffel möglicherweise geeignet, die Vermehrung der Zikaden als Fangpflanze oder Zwischenfrucht zu begrenzen.
Einzelmaßnahmen reichen gegen Schilf-Glasflügelzikade nicht aus
"Klar ist auf jeden Fall, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt ein Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen brauchen, um in den nächsten Jahren die Ausbreitung in Schach zu halten", sagt Stefan Kühne. Dazu gehört auch ein umfassendes Monitoring. Das JKI arbeitet dafür bundesweit auf etwa 400 Flächen mit durchsichtigen Klebetafeln, mit denen die Tiere nach dem Zufallsprinzip ohne Lockstoff eingefangen werden.
Für landwirtschaftliche Betriebe, die noch nicht betroffen sind, gibt es laut Kühne derzeit keine Möglichkeit, den Einflug der Tiere auf den Flächen zu verhindern. Wichtig ist jedoch, das Auftreten der Schilf-Glasflügelzikade und der übertragenen Bakteriosen umgehend beim nächsten Pflanzenschutzamt zu melden.