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Freilandtomaten als neue Kultur für Gemüse-Betriebe: Das Projekt OekoTom

Freilandtomaten professionell in Deutschland anbauen – das klingt nach Zukunftsmusik. Dabei ist die Züchtungsforschung weit vorangekommen mit Sorten, die schon jetzt erfolgreich angebaut werden können. Das zeigen die Zwischenergebnisse des Projekts OekoTom, in dem Freilandtomaten als neue Kultur für den Ökolandbau etabliert werden sollen.

Quelle: Uni Kassel, Culinaris-Stiftung
Tomaten waren mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 22,7 Kilogramm im Jahr 2025 das beliebteste Gemüse in Deutschland. Der weitaus größte Teil der Ware muss jedoch importiert werden. So liegt der Selbstversorgungsgrad seit vielen Jahren bei unter fünf Prozent. Der heimische Anbau findet fast ausschließlich unter Glas statt, auf einer Fläche von knapp 400 Hektar (2025).
Wenn es nach Dr. Bernd Horneburg von der Universität Kassel in Witzenhausen geht, soll sich das zukünftig ändern. “Der Anbau von Freilandtomaten ist inzwischen auch in Deutschland interessant. Zudem kann die ökologische Züchtung hier über den Bio-Anbau hinaus Kompetenz zeigen”, meint der Züchtungsexperte. Seine Argumente: Die zunehmend wärmeren und trockenen Sommer im Zuge der Klimakrise senken das Anbaurisiko deutlich. Zudem ist der Anbau im Freiland betriebs- und volkswirtschaftlich viel günstiger als unter Glas oder im Folientunnel.
In Kürze:
- OekoTom entwickelt Freilandtomaten für den ökologischen Anbau in Deutschland.
- Ziel ist die Züchtung robuster, ertragreicher und krankheitsresistenter Sorten.
- Stabtomaten sind bereits gut entwickelt, Buschtomaten werden weiter verbessert.
- Praxistests zeigen gute Erträge und erfolgreiche Anbauverfahren.
- Kostenlose Beratung bietet das Netzwerk des Ökologischen Freiland-Tomatenprojekts.
Das Ziel: Eine neue Kultur für den Gemüsebau in Deutschland
Um dieses Potenzial zu nutzen, startete im Jahr 2024 das Projekt OekoTom. “Wir verfolgen damit das ehrgeizige Ziel, Freiland-Tomaten als neue Kultur im Ökolandbau zu etablieren. Und das halte ich wegen der schnellen züchterischen Fortschritte durchaus für realistisch”, sagt Dr. Horneburg, der das fünfjährige Projekt leitet.
Im Projekt arbeiten bundesweit mehrere wissenschaftliche Institute, Bio-Verbände, Züchter, Verarbeiter und Praxisbetriebe eng zusammen. Das wichtigste Ziel ist die Züchtung geeigneter Sorten für den Anbau unter ökologischen Bedingungen. Zusätzlich geht es aber auch um die Optimierung der Anbautechniken, der Verarbeitung und Möglichkeiten der Vermarktung.
Das Projekt OekoTom – Ökologische Züchtung von Freilandtomaten
Im Projekt "OekoTom – Ökologische Züchtung von Freilandtomaten für Frischmarkt und Verarbeitung" verfolgen Forschungsteams verschiedener wissenschaftlicher Institute gemeinsam mit Öko-Verbänden, Praxisbetrieben und Verarbeitern das Ziel, Freilandtomaten als neue Kultur im Erwerbsgemüseanbauzu etablieren. Das Projekt läuft von 2024 bis 2028 und wird vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) über das Bundesprogramm Ökologischer Landbau (BÖL) finanziert. Die bisher verfügbaren zugelassenen Sorten können über die Culinaris-Stiftung bezogen werden.
Feldresistenz gegen Phytophthora infestans ist elementar für Freilandtomaten
Gearbeitet wird an zwei unterschiedlichen Typen: Stabtomaten für den Frischmarkt und Buschtomaten für den Feldanbau, die auch als Frischware vermarktet werden können, aber vor allem für die Verarbeitung zu Saft, Passata und Ketchup geeignet sind. Die entscheidende Voraussetzung für einen erfolgreichen Anbau ist bei beiden Freilandtypen eine ausreichende Feldresistenz gegen die Kraut- und Braunfäule, Phytophthora infestans. Ungünstige Witterungsbedingungen mit viel Regen können sonst schnell zu Infektionen und einem Totalausfall der Ernte führen.
“Bei den Stabtomaten sind wir in der Züchtung schon sehr weit”, sagt Dr. Horneburg. “Hier geht es zurzeit vor allem darum, Lücken im Sortiment zu schließen.” Mit ‘Primabella’, ‘Resibella’, ‘Rondobella’ und ‘Vivagrande’ sind in diesem Segment bereits zugelassene Sorten von Cocktail-, Salat- und Fleischtomaten verfügbar, die sich im ökologischen Anbau bewährt haben. Dabei profitiert das OekoTom-Projekt von jahrelangen züchterischen Vorarbeiten aus früheren BÖL-Züchtungsprojekten.
Züchtungsbedarf bei Buschtomaten
Buschtomaten für den Feldanbau sind dagegen in Deutschland ein völlig neues Segment mit entsprechend großem Züchtungsbedarf. Es stehen zwar mit der Salatomate ‘Gutingi’ und den Cocktailtomaten ‘Vivaoro’ und ‘Vivarossa’ bereits erste Sorten mit Phytophthora-Resistenz zur Verfügung. Sie sind jedoch noch nicht optimal für die Verarbeitung geeignet. Auch das Anbau-Know-how, etwa zur Düngung und Bewässerung, muss noch weiterentwickelt werden.
Neben der Resistenz gibt es weitere wichtige Zuchtziele wie Geschmack, Ertrag, gleichmäßige Abreife und größere Früchte zur Erleichterung der Ernte und Transportfähigkeit. Laut Horneburg ist es eine besondere Herausforderung, alle gewünschten Eigenschaften im Projekt gleichzeitig zu entwickeln.
Freilandtomaten-Sorten müssen zum Standort und zum Vermarktungskonzept passen
"Entscheidend ist, dass wir Betrieben in den nächsten Jahren eine größere Vielfalt an Sorten bieten können, erklärt Dr. Horneburg. Denn die Sorten müssen nicht nur zu den Standortbedingungen eines Betriebs passen, sondern auch in das Vermarktungskonzept."
So sind etwa Sorten mit einer langen Ernteperiode sinnvoll für Betriebe der Solidarischen Landwirtschaft. Denn sie können Früchte unterschiedlicher Größe und Farbe auch über einen längeren Zeitraum gut nutzen und bei Bedarf Überschüsse konservieren. Um spezialisierte Verarbeiter zu beliefern, brauchen Erzeugerbetriebe dagegen Sorten, die möglichst gleichzeitig reifen. Denn die Verarbeiter benötigen zur Auslastung ihrer Maschinen große Mengen in kurzer Zeit.
Ernte ist größter Kostenfaktor beim Tomatenanbau

Eine ausreichende Feldresistenz gegen die Kraut- und Braunfäule ist elementar für den Anbau von Freilandtomaten. Ein Befall führt schnell zu Totalausfällen.
Quelle: Dr. Bernd Horneburg
Allerdings bleibt für Erzeugerbetriebe laut Dr. Horneburg derzeit noch ein Restrisiko durch die Witterung. Spätfröste und Phytophthora-Befall können im Extrem trotz Resistenz zu Ausfällen führen. Deshalb sollten Betriebe beim Anbau immer über mehrere Jahre kalkulieren. Der größte Kostenfaktor ist die Ernte, die komplett per Hand erledigt werden muss, weil mechanische Lösungen bisher fehlen.
Bei Buschtomaten hat sich der Anbau als Dammkultur nicht bewährt. Dagegen ist eine Bedeckung des Bodens unbedingt zu empfehlen, um die Früchte vor Fäulnis und Verschmutzung zu schützen. Auf einem Bio-Gemüsebetrieb bei Würzburg wurden im Praxisanbau sehr gute Erfahrungen mit strohhaltigem Mulch als Bodenbedeckung gemacht, in den auch direkt gepflanzt wurde.
Gute Erfahrungen mit Freilandtomaten auf Praxis-Betrieben
Der Praxisbetrieb war insgesamt sehr zufrieden mit der Stabilität der getesteten Buschtomatensorten. So war die Resistenz der Sorte ‘Gutingi’ trotz stärkerer Niederschläge sehr stabil und die Erntemenge überraschend hoch. Auch die Kosten für die Kulturführung blieben durch die Mulchauflage gering. Die Ernte konnte als Frisch- und Industrieware zur Verarbeitung vermarktet werden.
Insgesamt ist das Feedback der beteiligten Praxisbetriebe für die Züchtung nach zwei Jahren positiv.
Dr. Bernd Horneburg
Als Nadelöhr sieht der Experte allerdings noch das Angebot an Jungpflanzen. Hier gibt es aktuell zu wenig Betriebe, die die flächendeckende Versorgung mit den wichtigsten Sorten sicherstellen können. Deshalb wird Pflanzguterzeugern angeboten, sich im Rahmen des Projekts OekoTom kostenlos beraten zu lassen.
Potenzial für Pflanzguterzeuger von Freilandtomaten
Der Pflanzgutmarkt ist grundsätzlich interessant, weil es im Amateurbereich bereits eine große Nachfrage nach guten Freilandtomatensorten gibt. “Keiner der Jungpflanzen-Betriebe, die Sorten aus unserer ökologischen und partizipativen Züchtung in ihr Sortiment genommen haben, hat es bereut”, berichtet Horneburg. Er empfiehlt Betrieben, mit vielen Sorten zu beginnen und die Erfahrungen der Kundschaft einzubeziehen.
Ein Vorteil für Pflanzguterzeuger ist, dass im Projekt bewusst nur samenfeste Sorten gezüchtet werden, die teilweise sogar durch die Open-Source Saatgut Lizenz rechtlich als Gemeingut geschützt sind. Laut Bernd Horneburg ist das ein bewusster sozialer und ökologischer Kontrapunkt zur Arbeit mit Gentechnik und Patenten.
Kostenlose Beratung für interessierte Betriebe
Erzeugerbetrieben, die Freilandtomaten als neue Kultur testen wollen, empfiehlt er einen Einstieg mit Stabtomaten im kleinen Rahmen und mehreren Sorten. Wer Buschtomaten ausprobieren möchte, sollte auf eine gemischte Vermarktung von Frisch- und Verarbeitungsware setzen, um die Anbaurisiken zu streuen.
“Besonders hilfreich ist der Einstieg in das Netzwerk des Ökologischen Freiland-Tomatenprojekts”, empfiehlt Dr. Horneburg. Denn Betriebe erhalten hier Zugang zu neuen, vielversprechenden Zuchtlinien und werden intensiv beraten. Zudem können sie sich mit anderen Betrieben über ihre Erfahrungen austauschen.
Wer mitmachen möchte, kann per Mail eine Anfrage mit Angaben zum Betrieb stellen an freiland-tomatenprojektuni-kasselde.
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Letzte Aktualisierung 16.07.2026


