Was leisten schorfresistente Apfelsorten im Bio-Obstbau?

Was leisten schorfresistente Apfelsorten im Bio-Obstbau?

Die Nutzung schorfwiderstandsfähiger Sorten (Schowis) ist für viele Bio-Obstbaubetriebe selbstverständlich. Wie sieht eine gute Pflanzenschutzstrategie für diese Sorten aus? Ermöglichen auch ältere Züchtungen noch Einsparpotenziale beim Pflanzenschutz? Und woran arbeitet die Züchtung gerade, um die Widerstandsfähigkeit der Schowi-Sorten möglichst lange aufrechtzuerhalten?

Bio-Apfelanbau in Deutschland
Im Jahr 2024 wurden auf einer Fläche von knapp 8.000 Hektar Bio-Äpfel angebaut. Das entspricht 24 Prozent der gesamten Anbaufläche für Äpfel. Mit knapp 150.000 Tonnen machen Bio-Äpfel etwa 17 Prozent der Gesamterntemenge aus. Genaue Zahlen zur Anzahl der Vollerwerbs-Betriebe im Bio-Obstbau gibt es nicht. Der wichtigste Verband, die Fördergemeinschaft Ökologischer Obstbau e.V. (FÖKO), hat 220 Mitgliedsbetriebe.

Was sind schorfresistente Apfelsorten?

Schorfwiderstandsfähige Apfelsorten, sogenannte Schowis, werden bereits seit Ende der 1980er Jahre im deutschen Bio-Obstbau eingesetzt. Die bekanntesten und verbreitetsten Schowi-Sorten sind Topaz und Santana. Seit dem Jahr 2012 hat sich auch die Sorte Natyra etabliert.

Schowis zeichnen sich aus durch eine besondere Widerstandsfähigkeit gegen Apfelschorf, eine der verbreitetsten Pilzerkrankung im Apfelanbau. Die meisten Pflanzenschutzbehandlungen richten sich gegen diesen Schaderreger. Vor allem die Zunahme extremer Wetterlagen mit langen Feuchteperioden bereiten Bio-Betrieben mit einem klassischen, pilzanfälligen Sortiment Probleme.

Schowis sind eine Versicherung für Betriebe

"Schowi-Sorten haben durch ihre Robustheit große Vorteile und deshalb eine große Bedeutung für die Betriebe", sagt Philipp Haug, Sprecher des Arbeitskreises Sorten- und Züchtung der Fördergemeinschaft ökologischer Obstbau e.V. (FÖKO). Denn in der Praxis können Betriebe damit bis zu 20 Prozent an Kupferpräparaten einsparen und weit über 30 Prozent an Carbonaten und Netzschwefel. "Vor allem aber sind sie in schwierigen Jahren eine Art Versicherung für die Betriebe, dass überhaupt ausreichend vermarktbare Früchte geerntet werden können. Da machen Schowis den Unterschied", betont Haug.

Im bundesweiten Durchschnitt sind bereits 40 Prozent aller aufgepflanzten Sorten auf Bio-Betrieben Schowis. Innerhalb Deutschlands variieren diese Anteile jedoch von Nord nach Süd zwischen 20 und über 50 Prozent, meist in Abhängigkeit von der durchschnittlichen Niederschlagsmenge. Auch die regionalen Vermarktungsstrukturen beeinflussen den Schowi-Anteil. So haben Direktvermarktungsbetriebe in der Regel eine größere Sortenvielfalt und häufig auch höhere Schowi-Anteile.

Widerstandsfähigkeit beruht nur auf einem Resistenzgen

Die höhere Widerstandsfähigkeit der gängigen schorfresistenten Apfelsorten beruht mit wenigen Ausnahmen auf einem einzigen Resistenzgen. Das bekannteste ist das Rvi6-Gen (vormals Vf), das zum Beispiel in den Sorten Topaz und Santana genutzt wird. Insgesamt wurden bereits mehr als 20 solcher Schowi-Resistenzgene nachgewiesen. "Viele davon sind allerdings in den großen Anbaugebieten schon durchbrochen", sagt Philipp Haug. "Dennoch bieten die meisten Schowis noch einen gewissen Schutz und ermöglichen Einsparpotenziale beim Pflanzenschutz."

Warum das so ist und auf welchen Mechanismen die Widerstandsfähigkeit im Detail beruht, ist laut Haug noch nicht eindeutig geklärt. So zeigt sich etwa in sogenannten Schreckensgärten, in denen zu Forschungszwecken alle Sorten unbehandelt bleiben, dass es bei unterschiedlichen Schowi-Sorten mit dem gleichen Resistenzgen große Unterschiede bei der Intensität des Befalls gibt.

Große Unterschiede bei der Anfälligkeit schorfresistenter Apfelsorten

Während die Sorte Topaz in den Gärten sehr starken Schorfbefall zeigt, ist die 2012 eingeführte Sorte Natyra nach wie vor sehr stabil. Sie liegt meist in der Befallsklasse 3 von 9. Noch besser schneidet die relativ neue Frühsorte Deljonka ab. Sie weist in den Schreckensgärten ohne Behandlung so gut wie keinen Schorfbefall auf, obwohl ihre Widerstandsfähigkeit wie bei Topaz auf dem Rvi6-Gen beruht.

"Das zeigt uns, dass hier noch andere Mechanismen und Gene wirken", sagt Philipp Haug. Eine Erklärung sind sogenannte polygene Resistenzen. Man geht davon aus, dass bei dieser Form der Resistenz mehrere Resistenzmechanismen ineinandergreifen und eine besonders stabile, hohe Widerstandsfähigkeit gegen Schorf ermöglichen. Diese Resistenz vermutet man zum Beispiel bei sogenannten alten Sorten, die sich in den Schreckensgärten sehr robust gegenüber Schorf zeigen, obwohl sie keines der bekannten Resistenzgene besitzen.

Äußere Faktoren können Durchbrüche beschleunigen

Wie schnell die Widerstandsfähigkeit einer Sorte gegen Schorf durchbrochen wird, hängt von vielen äußeren Faktoren ab. So ist etwa der Selektionsdruck in großen Anbaugebieten mit großen Flächen sehr hoch, was Durchbrüche wahrscheinlicher macht. Zudem unterscheiden sich die Erregerstämme von Region zu Region in ihrer Zusammensetzung und vermutlich auch in ihrer Aggressivität. Auch die Pflanzenschutzstrategien der Betriebe beeinflussen die Ausbildung von Resistenzen.

Grundsätzlich gilt: Auch Schowi-Sorten müssen behandelt werden. Berater Philipp Haug empfiehlt, bei schorfresistenten Apfelsorten in den Hauptinfektionszeiten die volle Aufwandmenge einzusetzen, um das Risiko für Resistenzen kleinzuhalten. Mit den verfügbaren Prognosemodellen lassen sich Phasen mit hohem Infektionsdruck sehr gut voraussagen. Bei schwachen bis mittlerem Erregerdruck kann die Behandlungsintensität dagegen reduziert werden. "Das sind die Phasen, in denen Schowi-Sorten Einsparungen ermöglichen", erklärt Haug.

Differenzierte Empfehlungen zur Schowi-Behandlung

Die Bio-Obst-Beratung in großen Anbaugebieten gibt laut Haug inzwischen sogar differenzierte Empfehlungen, wie welche schorfresistenten Apfelsorten bei bestimmten Bedingungen zu behandeln sind. Im Fall eines Resistenzdurchbruchs rät Haug Betrieben zu weiteren Maßnahmen, die den Befallsdruck verringern. Dazu gehört etwa der Einsatz von Hefepräparaten zum schnelleren Abbau von Falllaub. Um einen dauerhaften Durchbruch zu verhindern, ist bei betroffenen Flächen eine höhere Pflanzenschutzintensität notwendig.

Trotz dieser Maßnahmen ist für ihn klar, dass mehr Züchtung notwendig ist, um langfristig Resistenzdurchbrüche zu vermeiden und gleichzeitig den steigenden Ansprüchen an Qualität, Geschmack und Knackigkeit zu genügen.

Neue Wege in der Züchtung von schorfresistenten Apfelsorten

Die Züchtung arbeitet aktuell daran, mehrere Resistenzgene in einer Sorte zu integrieren (Pyramidisierung). Damit könnte die Widerstandsfähigkeit länger aufrechterhalten werden als bei den bestehenden Sorten mit nur einem Resistenzgen. Weiterer Vorteil dieses Ansatzes: Für alle bekannten Schorf-Resistenzgene und einigen anderen wie Mehltau und Feuerbrand gibt es Marker, mit denen die Weitergabe an die nächste Generation schnell überprüft werden kann. Das beschleunigt den Züchtungsprozess.

Einen Schritt weiter gehen ökologische Züchtungsinitiativen wie apfel:gut e.V. und einige Projekte der FÖKO e.V. Sie versuchen, marktfähige Schowi-Sorten mit langanhaltender Widerstandsfähigkeit durch Einkreuzen alter Sorten mit polygenen Resistenzen zu entwickeln.

20 Jahre Züchtungsarbeit für neue Sorten

Allerdings erfüllen die alten, widerstandsfähigen Sorten in der Regel nicht die heutigen Ansprüche an Lagerfähigkeit, Geschmack und Qualität. Das macht zusätzliche Züchtungsschritte erforderlich, die wiederum die Zuchtdauer verlängern. Ohnehin dauern Züchtung und Einführung einer marktfähigen Apfelsorte heute bis zu 20 Jahre.

Philipp Haug betont zudem, dass es gerade bei Neuzüchtungen für den Ökolandbau auf eine ganzheitliche Betrachtung der Sorte ankommt. "Wichtig ist, nicht nur den Schorf im Blick zu haben, sondern auch andere Krankheiten. Denn die kommen automatisch, wenn man sich nur auf den Schorf konzentriert", meint der Apfelexperte. Diesen breiten Ansatz verfolgt auch der neue Züchtungsansatz des apfel:gut e.V.

Natyra als Vorbild für erfolgreiche Sorteneinführung

Ein Beispiel für die erfolgreiche Einführung einer neuen schorfresistenten Apfelsorte ist für Haug die Apfelsorte Natyra. Hier sei es gelungen, eine Sorte mit herausragenden Geschmacks- und Qualitätseigenschaften und einer gewissen Robustheit im Anbau für alle Bio-Obstbaubetriebe zu öffnen und im Handel zu etablieren.

Grundsätzlich ist der Experte überzeugt, dass in den nächsten Jahren marktfähige, polyresistente Sorten verfügbar sein werden, die zumindest für die Direktvermarktung interessant sind. Die großen Handelsstrukturen sind dagegen laut Philipp Haug nicht an einer größeren Sortenvielfalt interessiert, weil es die Vermarktung komplizierter und die Logistik teurer macht.

Handel ist Hemmnis für Sortenvielfalt

Dieser Zugang des Handels ist aus seiner Sicht ein grundlegendes Hemmnis für die Weiterentwicklung des Bio-Obstbaus. Denn eine große Sortenvielfalt auf breiter genetischer Basis gilt als wichtiger Eckpfeiler für widerstandsfähige Obstanlagen und einen ressourcenschonenden Anbau. Die Zurückhaltung des Handels verhindert die Bereitschaft der Anbauerinnen und Anbauer, neue Sorten zu testen und im größeren Umfang aufzupflanzen. Haug: "Aufgrund der derzeitigen Rahmenbedingungen und fehlender Anreize durch den Handel ist das finanzielle Risiko für viele Betriebe zu hoch, in neue Sorten zu investieren."

Um dieses Dilemma zu lösen, sind aus seiner Sicht neue Vermarktungskonzepte notwendig, die eine gezielte Bewerbung der Vorteile ermöglichen und die Bedürfnisse des Handels berücksichtigen. "Leider ist die Kommunikation zur besonderen Nachhaltigkeit dieser Sorten sehr komplex und den Kundinnen und Kunden beim Einkauf schwer zu vermitteln", sagt Haug.

Neue Dachmarke für Schowi-Sorten

Die FÖKO hat deshalb im Jahr 2024 die eingetragene Dachmarke "Bio Stars" ins Leben gerufen. Unter dem Slogan "Vielfalt zum Anbeißen" stehen dabei nicht einzelne Sorten im Vordergrund, sondern vor allem die Kombination von Nachhaltigkeit und besonderen Qualitätseigenschaften wie Geschmack und Knackigkeit.


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Letzte Aktualisierung 19.11.2025

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