Mehr Wertschöpfung auf dem Betrieb

Mehr Wertschöpfung auf dem Betrieb

Das Schloss Gut Obbach setzt nicht erst seit der Corona-Pandemie auf Regionalität. Seit über 20 Jahren lässt das Bio-Gut seine Erzeugnisse von kleinen, lokalen Verarbeitungsunternehmen veredeln und vermarktet die Produkte unter eigenem Logo – mit großem Erfolg!

Schon vor 20 Jahren begannen Petra Sandjohann und Bernhard Schreyer damit, ihre Erzeugnisse von regionalen Verarbeitungsunternehmen aufbereiten zu lassen und sie mit dem Logo des Gutes Obbach selbst zu vermarkten. Los ging es mit Saft von den hofeigenen Streuobstwiesen. Inzwischen gibt es solche regionalen Wertschöpfungsketten auch für Brot, Bier, Honig und in abgewandelter Form für Sonnenblumenöl. Die Ware wird im hofeigenen Laden und an Naturkost- und Lebensmitteleinzelhändler im Umkreis von etwa 50 Kilometern verkauft. Denn Regionalität und kurze Wege sind nicht erst seit der Corona-Pandemie die Basis des Betriebskonzeptes.

Aller Anfang ist schwer

"Anfangs haben wir das allerdings noch gar nicht als Konzept gesehen", erzählt Petra Sandjohann. Und es lief auch nicht alles nach Plan. Denn für die Saftherstellung aus den eigenen Äpfeln fiel die Wahl zunächst auf eine Großkelterei. "Die haben nur gelacht als ich sagte, ich könnte drei Tonnen liefern", sagt Petra Sandjohann. "Damit kriegen wir nicht mal unsere Leitungen voll, hieß es."

Glücklicherweise fand sich dann doch eine passende Kelterei in der Nähe, die bereit war, kleine Mengen zu verarbeiten. Heute liefert das Schloss Gut immerhin 40 Tonnen an. Viel wichtiger war für das Betriebsleiterpaar beim Gespräch mit dem Keltermeister aber eine andere Erkenntnis: Selbst für einen vermeintlich einfachen Verarbeitungsschritt wie Saftpressen wird sehr viel Know-how benötigt.

"Uns wurde klar, dass wir das gar nicht selbst leisten können und wollen. Auch nicht bei anderen Produkten", erzählt Petra Sandjohann. Deshalb suchte das Betriebsleiterpaar für die erste, bewusst angestoßene Wertschöpfungskette des Gutes gezielt eine passende Mühle und einen Profi-Bäcker in der Region, statt eine eigene Bäckerei auf dem Hof aufzubauen.

Doch wie findet man überhaupt geeignete Verarbeitungsunternehmen in der Region, die aus kleinen Mengen Obst hochwertigen Saft herstellen oder Bio-Getreide vermahlen und zu leckerem Brot verbacken? "Wenn man wirklich anfängt zu suchen, ergibt sich automatisch etwas. Man muss sich nur selber für die Idee öffnen", ist Petra Sandjohanns Erfahrung.

Regionales Bio-Brot

Fündig wurden die beiden bei der nahegelegenen Bäckerei Wolz. Die gemeinsam mit Bäckermeister Thomas Wolz entwickelten Brote, kamen bei den Kundinnen und Kunden so gut an, dass der Bedarf an Öko-Mehl in hoher Qualität schnell wuchs. Bei der Suche nach einer passenden Mühle kamen Schreyer und Wolz mit der Schlossmühle in Kontakt.

Die Schlossmühle von Müllermeister Jochen Schor ist die einzige Mühle im Kreis Schweinfurt, die sich auf das Vermahlen kleinerer Getreidemengen im Lohn spezialisiert hat. Dass es mit den Betriebsleitern und dem Müllermeister auch persönlich sofort harmonierte, machte die Sache aus Sicht des Betriebsleiterpaars perfekt.

Aus dem engen Kontakt zwischen Mühle und Bäcker ergab sich ein weiterer Vorteil für das Gut Obbach. Denn anders als bei Großmühlen, die Mehle verschiedener Erzeugerinnen und Erzeuger für eine einheitliche Mehlqualität vermischen, schlagen Qualitätsunterschiede bei den kleinen Mengen der Lohnvermahlung voll durch. Und gerade bei Bio-Getreide fallen die Qualitäten von Jahr zu Jahr und je nach Sorte zum Teil sehr unterschiedlich aus.

Durch einen engen Dialog mit dem Bio-Bäcker können diese Unterschiede jedoch aufgefangen werden, etwa indem der Mahlgrad angepasst wird. Und auch Schreyer selbst tauscht sich intensiv mit Müllermeister Schor darüber aus, an welchen Schrauben beim Anbau gedreht werden könnte, um die Mehlqualität immer weiter zu verbessern.

In der Regel liefert Bernhard Schreyer etwa alle zwei Wochen eine Tonne Bio-Getreide zum Vermahlen an, um durchgehend frisches Mehl anbieten zu können. Die Mühle mahlt die Charge und verpackt das Mehl in 25-Kilo-Säcke. Für den Hofladen wird das Mehl dann nochmal in verbraucherfreundliche Ein- und 2,5-Kilo-Gebinde abgepackt.

Etwa 60 Prozent des Mehls gehen an den Bäcker, der inzwischen als reiner Bio-Bäcker arbeitet und sich mit der Verarbeitung von regionalen Mehlen bei seinen Kundinnen und Kunden profilieren kann. Der Rest des selbst erzeugten Bio-Mehls wird über den Hofladen verkauft oder geht mit dem Logo des Gutes an den regionalen Naturkosthandel und an konventionelle Lebensmittelfilialen.

Vertrauen als Basis für die Zusammenarbeit

Die Erzeugnisse mit der Silhouette des Gutes sind in der Region sehr bekannt und gefragt. Dank der hohen Nachfrage kann das Gut Obbach die höheren Kosten kompensieren, die bei den klein strukturierten Verarbeitern wie der Schlossmühle durch die geringen Verarbeitungsmengen entstehen.

Die Zusammenarbeit mit der Mühle ist absolut unkompliziert und gut eingespielt. "Das geht alles immer kurzfristig mit der Lohnvermahlung fürs Gut Obbach", sagt Müllermeister Schor. "Wir vertrauen einander. Schon beim ersten Treffen vor vielen Jahren haben wir uns in die Augen gesehen und haben beide sofort gewusst: Das passt."

Dieses Vertrauen geht sogar so weit, dass die beiden schon seit langem ohne Vertrag auskommen. Selbst die Preise werden ganz einfach per Handschlag besiegelt. Bei Problemen mit der Qualität der Rohware oder dem fertigen Mehl suchen beide sofort das Gespräch und finden immer schnell eine gemeinsame Lösung. Für Bernhard Schreyer ist das ganz selbstverständlich: "Wir sind ja schließlich keine Gegner, sondern sitzen im gleichen Boot."

Neues Bio-Bier kommt gut an

Auch die jüngste Wertschöpfungskette, die Produktion von Bier aus betriebseigener Gerste, baut laut Schreyer auf Vertrauen und Partnerschaftlichkeit auf. Bei der Mälzerei Schubert in Schweinfurt liefen die beiden offene Türen ein, als sie die Idee zum Brauen eines lokalen Bio-Bieres vortrugen. Und dass, obwohl sie nach eigenen Aussagen sehr naiv an die Sache herangingen. "Ich wusste ja nicht mal, dass man für unterschiedliche Biere verschiedene Malzarten braucht", erzählt Petra Sandjohann.

Mit an Bord war Braumeister Ulrich Martin, ein guter Bekannter, der auch den Kontakt zur Mälzerei herstellte. Wie die Mälzerei arbeitet auch die Brauerei Martin in einer Nische mit kleinen Mengen und qualitativ hochwertigen Produkten, die ausschließlich regional vermarktet werden. Um Bio-Bier brauen zu können, nahm er sogar den Aufwand für eine Bio-Zertifizierung seiner Brauerei in Kauf. Denn seine anderen Biere sind alle konventionell.

Nach zwei Jahren fällt das Fazit der Zusammenarbeit positiv aus. Knapp ein Drittel des Guts-Bieres wird über den Hofladen des Betriebs verkauft, den Rest vermarktet Braumeister Martin selbst an die örtlichen Getränkemärkte. Preise und Mengen sind vertraglich geregelt.

Obwohl das Bio-Bier etwa 50 Prozent teurer ist als seine konventionellen Biere, ist Martin mit den abgesetzten Mengen zufrieden. Etwa zehn Prozent des Umsatzes erwirtschaftet er inzwischen mit dem Guts Bier – Tendenz steigend. "Aber die Leute schauen leider schon sehr auf den Preis", ist Martins Erfahrung.

Auch Bernhard Schreyer ist mit dem Einstieg in die Wertschöpfungskette Bier zufrieden. Der Abverkauf stimmt und die Kunden Kundschaft schätzen das Produkt. Dennoch ist auch hier eine enge Abstimmung notwendig. Eine große Herausforderung war zum Beispiel, die ungewohnt großen Mengen von mindestens 25 Tonnen Braugerste in einheitlicher Qualität bereitzustellen, die die Mälzerei für einen Durchgang verlangte. Denn Schreyer fehlte es an Erfahrung mit der neuen Braugerstensorte. Hinzu kommen die stark wechselnden Bodenbedingungen des Gutes, auf denen sich die Braugerste unterschiedlich gut entwickelte.

"Aber die Mälzerei hat dann direkt das Gespräch mit uns gesucht und wir haben uns auf einen angepassten Preis geeinigt. So etwas geht eigentlich nur, wenn die Chemie zwischen den Beteiligten stimmt und man das Gefühl hat, dass alle Seiten wollen", sagt Bernhard Schreyer.

Ohne Partnerschaften kein Erfolg

Für das erfolgreiche Konzept der regionalen Wertschöpfungsketten wurde das Schloss Gut Obbach von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner mit einem Preis beim diesjährigen Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau ausgezeichnet.

Trotzdem sieht Schreyer diesen Ansatz nicht als Heilmittel für die Landwirtschaft. "Man kann es nicht erzwingen, dass es immer gut passt mit den Partnern. Aber es kann ein interessanter Weg sein für Betriebe, bei denen das Umfeld stimmt." Aus seiner Sicht ließen sich solche Wertschöpfungsketten im Grunde überall und mit allen Produkten aufbauen. Ein Patentrezept dafür gibt es aus seiner Sicht allerdings nicht.

Letztlich sei diese Art der Zusammenarbeit nur möglich, wenn alle Seiten partnerschaftlich und vertrauensvoll miteinander umgehen. "Wir müssen uns aber beeilen, weil uns in der Verarbeitung die kleineren Strukturen immer weiter wegbrechen", gibt Schreyer zu Bedenken. "Wenn es nur noch eine große Brauerei und eine große Mühle in einer Region gibt, ist es zu spät für eine kleine lokale Wertschöpfungskette."


Letzte Aktualisierung 01.12.2020

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