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FLIARA-Projekt zeigt: Frauen treiben Innovationen in der Landwirtschaft voran

Ob neue Vermarktungswege, mehr Tierwohl oder soziale Innovationen auf dem Hof – Frauen setzen wichtige Impulse für die Zukunft der Landwirtschaft. Welche Erkenntnisse das EU-Projekt “Female-Led Innovation in Agriculture and Rural Areas” (FLIARA) dazu liefert und wie sich das Innovationspotenzial von Frauen besser fördern lässt, erläutert Dr. Susanne von Münchhausen, wissenschaftliche Leiterin des deutschen Teilprojekts, im Interview.
Anlässlich des “Jahres der Landwirtin” hat Oekolandbau.de mit Dr. Susanne von Münchhausen über die Ergebnisse des EU-Projekts FLIARA gesprochen. Die deutsche Fallstudie zeigt, dass Frauen Innovationen häufig mit einem ganzheitlichen Nachhaltigkeitsverständnis verbinden und wirtschaftliche, ökologische sowie soziale Ziele gemeinsam verfolgen. Im Interview geht es außerdem um die Frage, welche politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihr Engagement künftig noch besser unterstützen können.
Das Wichtigste in Kürze zu den Ergebnissen von FLIARA:
- Frauen verbinden Innovationen häufig mit wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Zielen.
- Hohe Qualifikation, vielfältige Berufswege und ein starkes Werteverständnis prägen viele Innovatorinnen.
- Netzwerke, Mentoring und familiäre Unterstützung sind entscheidende Erfolgsfaktoren.
- Im Ökolandbau spielen Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz sowie gesellschaftliche Verantwortung eine zentrale Rolle.
- Mehr Sichtbarkeit, passgenaue Förderprogramme und bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf können das Innovationspotenzial von Frauen weiter stärken.
- Das Potenzial ist groß: Viele Frauen möchten den Wandel in Landwirtschaft und ländlichen Räumen aktiv mitgestalten.
Oekolandbau.de: Das FLIARA-Projekt hat die Rolle von Frauen als Innovationstreiberinnen in der Landwirtschaft und in ländlichen Räumen untersucht. Welche Erkenntnisse haben Sie aus der deutschen Fallstudie gezogen?
Dr. von Münchhausen: Für die deutsche Fallstudie im FLIARA-Projekt wurden 20 Innovatorinnen ausgewählt, je zur Hälfte aus der Landwirtschaft sowie aus ländlichen Initiativen und Unternehmen. Dabei wurde auf eine gute regionale Verteilung, unterschiedliche Altersgruppen und verschiedene räumliche Kontexte geachtet.
Ein zentrales Ergebnis ist der insgesamt hohe Ausbildungsstand der befragten Frauen. Viele verfügen über einen Hochschulabschluss oder eine Meisterqualifikation. Auffällig ist zudem, dass ihre beruflichen Wege häufig nicht geradlinig verlaufen sind. Kompetenzen aus zunächst fachfremden Ausbildungen erwiesen sich im Nachhinein oft als hilfreich für die Umsetzung ihrer Innovationsideen, etwa Kenntnisse in Buchhaltung oder ländlicher Hauswirtschaft.
Deutlich wurde außerdem, dass sich die meisten Innovatorinnen nicht eindeutig einer einzelnen Nachhaltigkeitskategorie zuordnen lassen, wie es die FLIARA-Methodik vorsieht. Zwar steht häufig die wirtschaftliche Stabilisierung des Betriebs im Vordergrund, gleichzeitig spielen jedoch auch Ziele wie Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz sowie die Stärkung der Dorfgemeinschaft eine wichtige Rolle. Insgesamt zeigt sich ein ganzheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit.
Viele der Frauen verfügen zudem über ein ausgeprägtes Kommunikations- und Weitergabeinteresse. Sie engagieren sich in Netzwerken, laden Schulklassen oder Kindergärten ein und geben ihre Erfahrungen aktiv an andere Frauen weiter, die noch am Anfang ihrer eigenen Umsetzung stehen.
Die Motivation speist sich dabei aus einem starken Wertefundament, das sowohl die Bewahrung von (Familien-)Traditionen als auch nachhaltiges Wirtschaften und die Stärkung von Frauen im ländlichen Raum umfasst. Dazu gehören auch das Hinterfragen und Überwinden eingefahrener Strukturen, die in manchen familiären oder betrieblichen Kontexten noch wirken.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der ausgeprägte Teamgedanke. Alle Frauen betonten die Bedeutung ihres familiären oder betrieblichen Umfelds und waren sich bewusst, dass ihre Innovationsleistung ohne Unterstützung durch Partner, Familie oder Netzwerk kaum möglich gewesen wäre. Vermutlich gilt dies auch für männliche Innovatoren, allerdings wird dort die Rolle familiärer Unterstützung und des “den Rücken Freihaltens” weniger explizit thematisiert.
Oekolandbau.de Welche Unterschiede zeigen sich zwischen der deutschen Fallstudie und den Untersuchungen in anderen EU-Ländern im Rahmen von FLIARA?
Dr. von Münchhausen: Im europäischen Vergleich zeigte sich, dass Frauen in Deutschland insgesamt vergleichsweise gute Möglichkeiten für Aus- und Weiterbildung haben. Zwar spielen auch hier Fragen der Finanzierung oder der Vereinbarkeit mit Familie eine Rolle, grundsätzlich stehen jedoch vielfältige Qualifizierungsangebote zur Verfügung. In einigen anderen EU-Ländern berichteten Frauen aus ländlichen Regionen hingegen häufiger von eingeschränkteren Weiterbildungsmöglichkeiten.
Auch geschlechtsspezifische Benachteiligung wurde in Deutschland nach erfolgreicher Etablierung im Beruf seltener beschrieben. Viele der Befragten berichteten zwar, dass sie sich in einer häufig männlich geprägten Landwirtschaft zunächst beweisen mussten. Wurden sie jedoch als kompetent anerkannt, trat ihr Geschlecht im Berufsalltag meist in den Hintergrund. In anderen Ländern schienen solche strukturellen und kulturellen Hürden stärker fortzubestehen.
Zudem beschrieben Frauen aus anderen EU-Staaten häufiger, dass sie ihre Innovationsvorhaben weitgehend allein umsetzen und sich stärker als Einzelkämpferinnen erleben. Deutsche Innovatorinnen berichteten dagegen häufiger von unterstützenden Netzwerken und Austauschmöglichkeiten, etwa über den Landfrauenverband.
Auch die Vereinbarkeit von Sorgearbeit und beruflichem Engagement wurde in anderen EU-Ländern häufiger als Herausforderung dargestellt als in den deutschen Fallstudien. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass in Deutschland ausschließlich erfolgreiche Innovatorinnen interviewt wurden, die häufig auf familiäre Unterstützung – etwa bei der Kinderbetreuung oder allgemein durch den Partner – zurückgreifen konnten. Dies könnte die Unterschiede zumindest teilweise erklären.
Oekolandbau.de: Welche Rolle spielt der Ökolandbau in diesem Kontext?
Dr. von Münchhausen: Da der Ökolandbau zum Profil der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) gehört, wurden im Rahmen der Fallstudie gezielt auch Ökolandwirtinnen einbezogen. Dabei zeigte sich ein ausgeprägtes Werteverständnis im Kontext des Ökolandbaus. Für die befragten Frauen geht es dabei nicht allein um ökologische Produktionsverfahren oder Haltungsstandards, sondern umfassend um Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz sowie soziale Verantwortung.
Auch politische und gesellschaftliche Aspekte, etwa das Engagement für das “Brudertier” oder für den Ökolandbau insgesamt, spielen neben der wirtschaftlichen Entwicklung des Betriebs eine zentrale Rolle.
Dieses Werteverständnis zeigte sich als deutliches Ergebnis der Untersuchung einer umfassend nachhaltigen Landnutzung. Besonders stark ausgeprägt war dabei das Thema Tierwohl. Dies spiegelte sich auch in konkreten innovativen Ansätzen wider, beispielsweise der kuhgebundenen Kälberaufzucht, mit der sich zwei der ökologisch wirtschaftenden Innovatorinnen in der Vergangenheit intensiv beschäftigt haben.
Oekolandbau.de: Ein zentrales Ziel von FLIARA ist es, das Potenzial von Frauen in der Landwirtschaft sichtbarer zu machen. Welche politischen Maßnahmen braucht es in Deutschland, um frauengeführte Innovationen besser zu unterstützen?
Dr. von Münchhausen: Um das Potenzial von Frauen in der Landwirtschaft stärker sichtbar zu machen, lassen sich verschiedene politische und förderrechtliche Ansatzpunkte identifizieren. Relativ einfach umzusetzen wäre eine konsequent ausgewogene Berücksichtigung von Frauen bei Auszeichnungen, Preisen und öffentlichen Formaten, etwa in Podiumsdiskussionen. Ergänzend könnten gezielte frauenspezifische Auslobungen durch Verbände und Vereine unterstützt werden, beispielsweise im Rahmen geförderter Kommunikations- und Netzwerkveranstaltungen von Landfrauen oder anderen Frauennetzwerken.
Ein weiterer Ansatz liegt in der Weiterentwicklung bestehender Mentorinnenprogramme, die bislang nur einen begrenzten Kreis erreichen. Diese könnten stärker als strukturierte Förderprogramme ausgebaut werden, auf die sich Organisationen gezielt bewerben können.
Auch Angebote zur Stärkung von Kommunikation und öffentlichem Auftreten spielen eine wichtige Rolle für Sichtbarkeit und Wirksamkeit innovativer Frauen. Zwar existieren entsprechende Trainings bereits, werden jedoch häufig nicht in Anspruch genommen, unter anderem, weil sie nicht spezifisch auf Frauen ausgerichtet sind oder weil während mehrtägiger Seminare keine ausreichende Unterstützung bei der Kinderbetreuung vorhanden ist. Hier könnten stärker regionale Angebote im ländlichen Raum sowie Programme mit integrierter Kinderbetreuung erprobt werden.
Oekolandbau.de: Gibt es Fördermechanismen in anderen Ländern, die in Deutschland übernommen werden könnten, um die Innovationskraft von Frauen im ländlichen Raum zu stärken?
Dr. von Münchhausen: In anderen europäischen Ländern gibt es verschiedene Fördermechanismen, die auch für Deutschland interessant sein könnten. Ein Ansatz ist die gezielte Unterstützung von Betriebsangehörigen, die nicht zur Betriebsleitung zählen. Der Zugang zu geförderten Krediten für Betriebszweigentwicklungen durch Ehepartnerinnen oder andere mitarbeitende Familienangehörige gilt als wirksames Instrument zur Stärkung unternehmerischer Initiativen von Frauen. Ein vergleichbares Programm für Nicht-Betriebsleiterinnen gibt es bislang nur in Baden-Württemberg.
In Italien existieren zudem spezifische Förderprogramme für weibliche Unternehmensgründungen im ländlichen Raum. So unterstützt das Programm “Weibliche Unternehmerinnen in Berggebieten” Frauen mit Zuschüssen für innovative und technologisch anspruchsvolle Projekte. Ergänzend fördert das Programm “Mehr Unternehmen – junge und weibliche Unternehmer*innen in der Landwirtschaft” insbesondere Betriebsübernahmen oder Neugründungen durch Frauen und junge Menschen, unter anderem durch zinslose Finanzhilfen zur Erweiterung und Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben.
Ein weiterer Ansatz zeigt sich in Irland, wo das LEADER-Programm in bestimmten Regionen thematisch offen ist und nicht ausschließlich auf klassisch definierte lokalpolitische Ziele begrenzt bleibt. Dadurch erhalten auch Akteursgruppen wie landwirtschaftlich tätige Frauen, die sonst leicht durch Förderraster fallen, besseren Zugang zu Fördermitteln für betriebliche und betriebsnahe Innovationsvorhaben.
Auch die Rahmenbedingungen in skandinavischen Ländern sind relevant. In Schweden etwa ermöglicht eine gut ausgebaute und verlässliche Kinderbetreuung im ländlichen Raum mehr zeitliche Spielräume für berufliche bzw. unternehmerische Aktivitäten von Frauen. Gleichzeitig ist dort – wie auch in Finnland – eine geschlechterdifferenzierte Förderpolitik rechtlich nur eingeschränkt möglich. Schweden gilt zudem als Beispiel für eine konsequent ausgestaltete Elternzeitregelung.
Darüber hinaus zeigt eine Analyse des EU-GAP-Netzwerks, dass in mehreren spanischen Regionen im Förderzeitraum 2023 bis 2027 Geschlechterparität bereits als Auswahlkriterium in verschiedenen Maßnahmen berücksichtigt wird, etwa bei Investitionsförderungen, der Niederlassung von Junglandwirten, LEADER sowie bei Maßnahmen des Wissensaustauschs und der Weiterbildung.

Oekolandbau.de: Können Sie ein konkretes Beispiel aus der deutschen Fallstudie nennen, das zeigt, wie eine Frau durch innovative Ideen im ländlichen Raum positive Veränderungen herbeigeführt hat?
Dr. von Münchhausen: Es gibt zahlreiche konkrete Beispiele aus den deutschen Fallstudien, die zeigen, wie Frauen durch innovative Ideen im ländlichen Raum positive Veränderungen anstoßen.
Dazu gehören etwa eine Hofkäserei mit Direktvermarktung, die sich zugleich zu einem sozialen Treffpunkt im Dorf entwickelt hat, oder der Anbau und die Vermarktung von Hülsenfrüchten, der sowohl zur Biodiversität als auch zur Bodengesundheit beiträgt. Auch neue Vermarktungsansätze in der Milchviehhaltung, etwa für sogenannte “Bruderkälber”, tragen zur wirtschaftlichen Stabilisierung und zu einer tiergerechteren Aufzucht bei.
Weitere Beispiele sind die Entwicklung sozialer Angebote für Menschen mit Behinderungen auf landwirtschaftlichen Betrieben, die Beratungstätigkeit für Ministerien zur Förderung weiblicher Unternehmertätigkeit im ländlichen Raum sowie das Engagement für mehr Sichtbarkeit des Ökolandbaus und nachhaltiger Leistungen von Frauen in der Landwirtschaft.
Oekolandbau.de: Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung der Innovationskraft von Frauen in der Landwirtschaft und ländlichen Räumen in Deutschland ein?
Dr. von Münchhausen: Das Potenzial für die Innovationskraft von Frauen in der Landwirtschaft und im ländlichen Raum in Deutschland ist sehr groß. Frauen verfügen heute häufig über sehr gute praktische und akademische Qualifikationen, auch in ländlichen Regionen. Gleichzeitig zieht es junge Familien verstärkt aufs Land, unter anderem aufgrund hoher Mieten in den Städten und bestehender familiärer oder sozialer Ankerpunkte.
Viele Frauen – über verschiedene Altersgruppen hinweg – sind sich zudem der Notwendigkeit bewusst, dass sich in den Bereichen Wirtschaft, Biodiversität, Klimaschutz und soziale Entwicklung etwas verändern muss und dass dafür auch private Initiative gefragt ist. Wissen, Kompetenzen und ein ausgeprägtes Nachhaltigkeitsverständnis sind grundsätzlich vorhanden.
Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass viele Frauen zwar grundsätzlich bereit sind, innovative Ideen umzusetzen, sich dabei aber noch unsicher fühlen oder nicht genau wissen, wie sie diese konkret realisieren können.
Daraus ergibt sich ein klarer Bedarf an stärkeren Netzwerken von und für Frauen, die gegenseitige Unterstützung ermöglichen, sowie an Mentoring- und Unternehmerinnencoaching-Angeboten. Ergänzend sollte auch die finanzielle Förderung stärker auf die Lebensrealitäten und Bedürfnisse von Frauen zugeschnitten werden.
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Letzte Aktualisierung 09.07.2026




