Waldweide

Waldweide: Mehr Biodiversität – und Chancen für die Landwirtschaft

Sie möchten Ihre Rinder oder Schweine im Wald weiden lassen? Waldweiden gelten als effektives Naturschutzinstrument, das nicht nur lichte Waldstrukturen schafft, sondern auch wertvolle Lebensräume für spezialisierte Arten fördert. Für welche Betriebe ein solches Konzept in Frage kommt und welche Voraussetzungen es dafür braucht, lesen Sie hier.

Lichte Wälder gelten als Hotspots der Biodiversität, sind heute jedoch in Mitteleuropa selten geworden. Moderne Waldweiden setzen hier an: Sie nutzen die Gestaltungskraft von Weidetieren, um vielfältige Wald-Offenland-Flächen zu schaffen und wertvolle Lebensräume wiederherzustellen. Gleichzeitig bieten sie landwirtschaftlichen Betrieben die Möglichkeit, sich an naturschutzfachlich getragenen Pflegekonzepten zu beteiligen und regionale Wertschöpfung zu stärken.

Der folgende Beitrag erläutert, wie moderne Waldweide funktioniert, warum sie für den Naturschutz so bedeutsam ist und in welcher Form landwirtschaftliche Betriebe Teil solcher Projekte werden können.

Was ist eine Waldweide?

Waldweide bezeichnet die Beweidung von Waldflächen durch Nutztiere wie Rinder, Pferde, Schafe oder Ziegen. Laut dem Leitfaden "Moderne Waldweide" der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt /(FVA) Baden-Württemberg, ist dabei entscheidend, dass die Tiere so lange und so deutlich auf den Bestand einwirken, dass ihre Spuren – etwa durch Verbiss, Tritt, Fegen oder Koteintrag – auch in der folgenden Vegetationsperiode sichtbar bleiben.

Historisch hatten Waldweiden eine zentrale Bedeutung als natürliche Futterquelle für Nutztiere und prägten über Jahrhunderte ein Mosaik aus offenen, halboffenen und bewaldeten Bereichen. Mit den forstlichen Reformen des 18. und 19. Jahrhunderts, bei denen traditionelle Nutzungsrechte wie Waldweide, Laubstreu- und Mastrechte aufgehoben wurden, setzte sich eine neue, geordnete Form der Forstwirtschaft durch. Wälder sollten nun geschlossen wachsen, planmäßig verjüngt und vor Störungen geschützt werden. Dadurch – und durch die gleichzeitige Intensivierung der Landwirtschaft mit Stallhaltung, Kunstdünger und Pestiziden – verlor die Waldweide vielerorts ihre rechtliche sowie funktionale Grundlage und wurde weitgehend eingestellt.

Was ist ein Hutewald?
Ein Hutewald ist eine historisch bedeutsame Sonderform der Waldweide. Vor allem Schweine wurden im Herbst in den Hutewald getrieben, um sich von den herabfallenden Früchten der Bäume – meist Bucheckern und Eicheln – zu ernähren. Diese Früchte dienten als Hauptnahrungsquelle für die Mast. Hutewälder zeichneten sich durch eine offene, park-ähnliche Struktur mit alten, fruchttragenden Bäumen aus, die eigens zur Fütterung des Viehs erhalten und gepflegt wurden.

Im heutigen Verständnis dient Waldweide in erster Linie dem Erhalt der Biodiversität von standortspezifischen Ökosystemen und nicht mehr landwirtschaftlichen Interessen. Das "Merkblatt Waldweide" des Landesbetriebs ForstBW hebt hervor, dass moderne Waldweiden ein wichtiges Naturschutzinstrument darstellen. Durch sie lassen sich lichte Waldstrukturen schaffen, ökologische Prozesse anstoßen und Lebensräume für spezialisierte Arten entwickeln.

Mit Blick auf den Naturschutz ist eine sorgfältige Standortwahl besonders wichtig. Bestehende, dichte (Wald-)Ökosysteme sollten auf jeden Fall erhalten bleiben, um deren ökologische Wertigkeit zu sichern. Geeignet sind lichte Waldflächen, die in der Vergangenheit bereits beweidet wurden und im besten Fall zwischen Offenland und geschlossenem Wald liegen. 

Warum spielt Waldweide so eine besondere Rolle im Naturschutz?

Heute weiß man, dass lichte, beweidete Wälder zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas gehören und dass viele ihrer spezialisierten Pflanzen- und Tierarten mit dem Rückgang der Waldweiden stark abgenommen haben und zum Teil sogar ganz verschwunden sind.

Weidetiere wirken auf vielfältige Weise auf die Vegetation ein: Durch Verbiss, Tritt, Fegen und Koteintrag entstehen offene Stellen, kleinräumige Unterschiede im Nährstoffangebot des Bodens sowie Wechsel zwischen Grasland, Junggehölzen und Altbäumen. Diese mosaikartige Struktur schafft auf engem Raum eine hohe Habitatvielfalt. Naturschutzexpertinnen und -experten heben hervor, dass genau diese kleinteilige Dynamik ein zentraler Faktor für die Förderung der Biodiversität ist.

Unter der Beweidung entstehen Übergangszonen zwischen offenen und bewaldeten Bereichen – sogenannte Säume oder Ökotone –, die als Hotspots der Artenvielfalt gelten. Von ihnen profitieren unter anderem Insekten, Reptilien, Blütenpflanzen sowie zahlreiche Vogelarten, die lichte Waldstrukturen benötigen. Durch die Öffnung des Bestandes verbessern Waldweiden auch die Bedingungen für licht- und wärmeliebende Arten und ermöglichen gleichzeitig das Heranwachsen langlebiger Altbäume, die in geschlossenen Wäldern kaum eine Chance hätten.

Laut FVA könnten solche Strukturen durch maschinelle Pflege allein kaum geschaffen werden, da diese meist gleichförmig wirkt und weniger Mikrohabitate hinterlässt. Insbesondere große Maschinen verdichten zudem den Waldboden und zerstören damit die Bodenstruktur. Praxisbeispiele aus Baden-Württemberg zeigen, dass sich unter Waldweidebedingungen Pflanzen- und Tiergemeinschaften entwickeln können, die in unbewirtschafteten oder rein forstlich gepflegten Wäldern kaum mehr vorkommen.

Wie kommen Landwirtschaft und Naturschutz bei Waldweideprojekten zusammen?

Obwohl Waldweide heute nicht mehr primär der Futterbereitstellung dient, braucht es für ihre Umsetzung das Wissen und die Erfahrung landwirtschaftlicher Betriebe. Sie führen die Tiere, kontrollieren Besatzdichten und Weidezeiten, achten auf das Tierwohl und passen die Nutzung an die naturschutzfachlichen Vorgaben an. Forstliche Akteurinnen und Akteure bringen ihre Kenntnisse zu Waldökologie, Standortbedingungen und Schutzzielen ein, während Na-turschutzbehörden den fachlichen Rahmen setzen und die Zielerreichung prüfen. Damit Waldweideprojekte gelingen, müssen diese drei Bereiche – Landwirtschaft, Forst und Naturschutz – eng abgestimmt zusammenarbeiten.


Film ab: Waldweide | Ziegen, Rinder und Schafe weiden für den Waldnaturschutz

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Interview mit Marc Morell von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg

Das Interesse am Thema Waldweide ist bei einzelnen landwirtschaftlichen Betrieben deutlich spürbar. Das zeigte sich etwa auf den Öko-Feldtagen 2025 auf Gut Canitz, wo ein Waldweideprojekt auf großes Echo stieß. Interessierte Landwirtinnen und Landwirte möchten wissen, welche Voraussetzungen sie selbst mitbringen müssen, welche Anforderungen in der Praxis entstehen und wie sich eine Beteiligung an solchen Projekten konkret gestaltet.

Um diese Fragen zu klären, haben wir mit Marc Morell gesprochen. Er arbeitet an der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA-BW) im Bereich Waldnaturschutz und gilt als Experte für moderne Waldweiden. Seit vielen Jahren begleitet er entsprechende Projekte und berät Praxisträger, Forstbehörden und landwirtschaftliche Betriebe.

Oekolandbau.de: Herr Morell, was sollten landwirtschaftliche Betriebe über Waldweide wissen, bevor sie sich näher mit diesem Ansatz befassen?

Marc Morell: Grundsätzlich gilt: Es gibt bei der Waldweide kein Standardrezept. So wie kein landwirtschaftlicher Betrieb dem anderen gleicht, unterscheiden sich auch Waldweideprojekte teils erheblich. Die Voraussetzungen können je nach Standort, Zielsetzung, Eigentumsverhältnissen und beteiligten Akteurinnen und Akteuren sehr unterschiedlich sein.

Es macht beispielsweise einen großen Unterschied, ob ein Betrieb seinen eigenen Wald nach einem eigenen Konzept beweidet oder ob er als Beweidungsdienstleister in einem Naturschutzprojekt tätig ist. Kommen zusätzlich ein Naturschutzverband oder eine öffentliche Einrichtung als Projektträger hinzu, steigt der Abstimmungsbedarf weiter.

Aus meiner Sicht ist deshalb Kommunikation der zentrale Erfolgsfaktor. In Waldweideprojekten treffen Landwirtschaft, Forst und Naturschutz aufeinander. Alle Beteiligten sind Profis in ihrem Bereich, kennen aber nicht zwangsläufig die Zwänge der jeweils anderen Seite. Umso wichtiger ist es, frühzeitig miteinander zu sprechen, Erwartungen zu klären und getroffene Vereinbarungen auch festzuhalten.

Oekolandbau.de: Welche Voraussetzungen sollten landwirtschaftliche Betriebe denn mitbringen, wenn Sie sich an einem Waldweideprojekt beteiligen möchten?

Marc Morell: Neben Interesse und Eigenmotivation braucht es vor allem die Bereitschaft, sich auf ein neues und teilweise schwer kalkulierbares System einzulassen. Waldweide ist kein klassischer Betriebszweig, sondern verlangt Offenheit und Lernbereitschaft.

Waldweide kann damit auch für Einsteigerinnen und Einsteiger eine Möglichkeit sein, sich in einem Nischenbereich zu etablieren – etwa dann, wenn das Einkommen nicht vollständig aus der Landwirtschaft stammen muss. Für manche Betriebe kann das ein "Fuß in der Tür" sein, um sich langfristig auch in anderen Pflege- oder Beweidungsprojekten zu positionieren.

In der Regel entspricht Waldweide einer extensiven Nutzungsform, sodass Tierart und Rasse zum Standort passen sollten. Ich vertrete allerdings die Auffassung, dass Waldweiden unter bestimmten Voraussetzungen auch für Jungvieh intensiverer Milchviehrassen geeignet sein können – vergleichbar mit der Jungviehhaltung im Alpenraum, auch wenn sich die Systeme nicht eins zu eins übertragen lassen.

Oekolandbau.de: Welche Anforderungen kommen im laufenden Betrieb auf die Tierhalterinnen und Tierhalter zu?

Marc Morell: Der konkrete Aufwand hängt stark von der Lage der Waldweide ab. Ist sie nicht arrondiert zum Betrieb, müssen sämtliche Weideeinrichtungen – von Zäunen über Fang- und Verladeeinrichtungen bis hin zu befahrbaren Zuwegen – mitgedacht werden. Das kann zu einem nicht zu unterschätzenden Kostenfaktor werden. Hinzu kommt der zusätzliche zeitlicher Aufwand: Tiertransport, die täglichen Kontrollen sowie das Separieren oder Abholen einzelner Tiere müssen realistisch eingeplant werden.

Beim Tierwohl gelten auf der Waldweide dieselben Maßstäbe wie in anderen Haltungsformen. Regelmäßige Kontrollen sind unerlässlich. Wer unsicher ist, sollte frühzeitig fachliche Leitlinien oder das Veterinäramt in die Planung einbeziehen.

Oekolandbau.de: Welche Besonderheiten gibt es gegenüber der klassischen Offenlandweide?

Marc Morell: Waldweide ist in vielerlei Hinsicht ein eigener Betriebszweig. Während Landwirtinnen und Landwirte ihre Grünlandflächen meist sehr gut kennen, müssen sie auf der Waldweide vieles neu lernen. Der Futteraufwuchs ist schwerer einzuschätzen, und es gibt deutlich weniger Erfahrungswerte als im Grünland.

Hinzu kommt, dass sich Waldweiden – insbesondere in der Anfangsphase – in einer Sukzession befinden. Durch zusätzliche Lichtverfügbarkeit und Nährstofffreisetzung können sich zunächst Hochstauden oder auch Brombeeren stark ausbreiten. Das System pendelt sich erst mit der Zeit ein. Entsprechend braucht es in den ersten Jahren eine intensive Begleitung und eine flexible Anpassung des Managements.

Außerdem müssen Weidetore für Mensch und Wild eingeplant werden. Dabei spielen rechtliche Vorgaben ebenso eine Rolle wie ein gutes Verhältnis zum Jagdpächter. Auch das freie Betretensrecht des Waldes ist zu berücksichtigen.

Oekolandbau.de: Welche Fördermöglichkeiten oder finanziellen Unterstützungen gibt es der-zeit für Waldweideprojekte?

Marc Morell: In Baden-Württemberg sind die Fördermöglichkeiten bislang sehr begrenzt. Teilweise lassen sich initiale Maßnahmen, etwa der Zaunbau, über Landschaftspflegerichtlinien fördern, eine dauerhafte Unterstützung gibt es jedoch nicht. Auch aus dem Forstbereich fehlen entsprechende Programme, obwohl die naturschutzfachliche Bedeutung der Waldweide anerkannt ist.

Daneben gibt es jedoch indirekte Unterstützungswege. So können Waldweideprojekte im Rahmen von Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahmen für Eingriffe finanziert werden, etwa bei Bauvorhaben. Auch Kooperationen mit Naturschutzverbänden, Stiftungen oder über Naturschutzfonds sind möglich, bringen aber häufig zusätzlichen Abstimmungs- und Planungsauf-wand mit sich.

In Einzelfällen können auch indirekte Vorteile entstehen, etwa wenn Kommunen Flächen zu günstigen Konditionen bereitstellen, Vermarktung unterstützen oder bestimmte Infrastrukturmaßnahmen übernehmen. Insgesamt bleibt Waldweide jedoch – betrachtet man sie rein wirtschaftlich – meist ein Zuschuss- oder Nullsummenmodell.

Oekolandbau.de: Wie kann sich Waldweide für Tierhalterinnen und Tierhalter dennoch lohnen?

Marc Morell: In Baden-Württemberg ist die Waldweide klar als Instrument des Waldnaturschutzes definiert und darf somit nicht primär der landwirtschaftlichen Produktion dienen. Nichtsdestotrotz muss sich natürlich die Beteiligung an der Waldweide für Tierhalterinnen und Tierhalter lohnen.

Chancen liegen hier weniger in klassischen Ertragskonzepten als vielmehr in ergänzenden Vermarktungswegen, etwa über Tierwohlaspekte, besondere Haltungsbedingungen oder Direktvermarktung. Das erfordert zusätzlichen Aufwand und Engagement und muss bewusst gewollt sein.

Die Eichelmast von Schweinen kann – wie einzelne Beispielbetriebe zeigen – gelingen, ist rechtlich und organisatorisch aber besonders anspruchsvoll und dürfte eher eine ergänzende Komponente als ein eigenständiges System sein.

Oekolandbau.de: Welche besondere Rolle kann der Ökolandbau bei Waldweideprojekten spielen?

Marc Morell: Aus Sicht des Naturschutzes ist zunächst weniger entscheidend, ob ein Betrieb ökologisch oder konventionell wirtschaftet. Wichtiger sind die grundsätzliche Herangehens-weise und die Bereitschaft, sich auf die Ziele des Projekts einzulassen.

Viele Öko-Betriebe bringen jedoch günstige Voraussetzungen mit, etwa durch den Einsatz robuster Rassen und standortangepasste Zucht. Auch das Arbeiten in Kreisläufen, was eine gute Beobachtungsgabe erfordert, ist von Vorteil.

Herausfordernd kann sein, dass Waldflächen in der Regel nicht bio-zertifiziert sind. Hier ist eine Abstimmung mit dem jeweiligen Verband erforderlich, um mögliche Ausnahmen zu erwirken.

Oekolandbau.de: Wo entstehen in Waldweideprojekten die häufigsten Missverständnisse – und wie lassen sie sich vermeiden?

Marc Morell: Die meisten Probleme entstehen durch unzureichende Kommunikation. Zuständigkeiten, Erwartungen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sollten frühzeitig geklärt werden – sowohl zwischen den Projektpartnern als auch gegenüber Behörden und Öffentlichkeit.

Wichtig ist außerdem, realistische Erwartungen zu formulieren. Waldweiden entfalten ihren ökologischen Wert oft erst über längere Zeiträume. Wer ein solches Projekt startet, sollte in Zeiträumen von fünf, zehn oder mehr Jahren denken.

Ebenso wichtig ist es, das Umfeld frühzeitig einzubinden – etwa Spaziergänger, Jäger oder Anwohner –, um Akzeptanz zu schaffen und Konflikte zu vermeiden.

Oekolandbau.de: Wenn Betriebe grundsätzlich Interesse haben: Wo können sie heute ansetzen, um in ein Waldweideprojekt einzusteigen?

Marc Morell: In der Praxis läuft es häufig andersherum. Oft gibt es zunächst Flächen mit ökologischem Aufwertungspotenzial oder alte Hutewälder, die reaktiviert werden sollen. Erst danach wird ein landwirtschaftlicher Betrieb gesucht, der die Beweidung übernehmen kann.

Für interessierte Betriebe lohnt es sich daher, den Kontakt zu Forstverwaltungen, Natur-schutzbehörden, Landschaftserhaltungsverbänden oder Naturschutzorganisationen zu suchen. Auch Naturparke oder Biosphärengebiete können wichtige Ansprechpartner sein.

Text und Interview: Jörg Planer


Letzte Aktualisierung 10.03.2026

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