Oekolandbau.de: Eine weitere Herausforderung sind die hohen Kosten der ökologischen Erzeugung. Wo könnte hier ein Hebel liegen, die Betriebe zu entlasten? Sollte man zum Beispiel die Standards senken?
Jürgen Heß: Ohne Frage sind die Unterschiede in den Standards der Verbände ein Problem. Einen Wettbewerb "nach unten", wer den EU-Vorgaben am nächsten kommt, sollte es aber nicht geben. Denn das würde das Image der Verbandsware als das "besseres" Bio gefährden. Was man allerdings stärker noch vorantreiben sollte, ist die Schließung regionaler Nährstoffkreisläufe. Hier liegen noch enorme Potenziale, die zur Stabilisierung und auch Steigerung der Erträge beitragen können und damit auch zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit der Betriebe.
Oekolandbau.de: Die Bio-Branche ist ja nach wie vor relativ klein und hat zudem noch viele Einzelverbände mit unterschiedlichen Ansätzen und Interessen. Sind diese Strukturen noch zeitgemäß, um etwa gegenüber dem Handel und der Politik geschlossen aufzutreten?
Jürgen Heß: Ja das stimmt. Wir haben viele Bio-Verbände, die wenigen, aber sehr mächtige Handelskonzerne gegenüberstehen. Sicher gibt es da Effizienzpotenzial. Deshalb gibt es in der Branche auch schon Bemühungen, näher zusammenzurücken und Mehrgleisigkeiten zu reduzieren. Allerdings muss man auch sehen, dass die Verbandsstrukturen über Jahrzehnte gewachsen sind. Es ist schwer, da von außen Ratschläge zu geben. Reformimpulse müssen von innen kommen.
Oekolandbau.de: Die Bio-Strategie 2030 und die frühere Zukunftsstrategie Ökolandbau sieht eine Ausweitung der Ökoflächen auf 30 Prozent bis 2030 vor. Macht es aus Ihrer Sicht Sinn, solche Ziele vorzugeben oder sollte man die Entwicklung nicht einfach dem Markt überlassen?
Jürgen Heß: Politisches Eingreifen ist in einer Marktwirtschaft nur bei sogenanntem Marktversagen zu rechtfertigen. Und man kann sagen, dass es im Bio-Markt von Anfang an ein solches Marktversagen gab. Nachhaltig zu wirtschaften ist mit massiven Wettbewerbsnachteilen verbunden, wie die bereits angesprochene Studie der Boston Consulting Group zeigt. Denn die entstehenden Kosten durch die intensive Produktion, etwa für die Grundwasseraufbereitung, schlagen sich nicht in den Preisen nieder, sondern werden von der Gesellschaft getragen. Zwar ist es nicht so, dass im Ökolandbau keine Kosten ausgelagert werden. Aber die sind im Vergleich sehr gering. Würde man die entstehenden Umweltkosten bei allen Lebensmitteln einpreisen, hätten wir eine faire Marktsituation und konventionelle Produkte wären wahrscheinlich nicht günstiger.
Oekolandbau.de: Ein Blick in die Zukunft: Was glauben Sie, wie der Ökolandbau in Deutschland im Jahr 2030 aussehen wird?
Jürgen Heß: Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen erwarte ich in den nächsten fünf Jahren ein verhaltenes Wachstum. Für mehr bräuchte es starke Impulse der Politik, ideell und ökonomisch. Denn wie gesagt, nachhaltiges Wirtschaften wird nur sehr unzureichend honoriert und dadurch zu einem Wettbewerbsnachteil. Das ist angesichts des Überschreitens der planetaren Grenzen nur schwer nachvollziehbar, aber eben Realität. Es wäre sehr bedauerlich, wenn erst die negativen Folgen einer weiteren Überschreitung der planetaren Grenzen zu den notwendigen politisches Weichenstellungen führen würden.
Das Interview führte Jürgen Beckhoff.