Interview mit Prof. Jürgen Heß zur Lage des Ökolandbaus in Deutschland

Interview mit Prof. Jürgen Heß zur Lage des Ökolandbaus in Deutschland

Wie ist die aktuelle Situation im Ökolandbau, wo besteht Optimierungsbedarf und welche Rolle spielt das Bundesprogramm Ökologischer Landbau (BÖL) für die Branche? Zu diesen und weiteren Themen haben wir Prof. Jürgen Heß befragt, Vorstandsvorsitzender des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) Deutschland.

Oekolandbau.de: Herr Heß, Sie waren vor 25 Jahren dabei, als ein Konzept für das heutige Bundesprogramm Ökologischer Landbau (BÖL) erstellt wurde. Welche Bedeutung hat das BÖL für den Ökolandbau?

Jürgen Heß: Ich würde schon sagen, dass das BÖL eine Erfolgsgeschichte ist. Auch und gerade, wenn man sich die Entwicklung des Ökolandbaus seit der Gründung vor Augen führt: Die Bio-Anbaufläche ist in dieser Zeit um das 2,5-fache gestiegen, der Umsatz für Bio-Lebensmittel sogar um das Achtfache. Das ist natürlich nicht eins zu eins dem BÖL zuzuschreiben. Aber es hat unbestreitbar einen erheblichen Anteil daran.

Oekolandbau.de: Worauf beruht dieser Anteil aus Ihrer Sicht?

Jürgen Heß: Ein wesentlicher Faktor ist der extrem hohe Praxisbezug, auf den wir schon bei der Konzepterstellung großen Wert gelegt haben. Meines Erachtens hat das BÖL hier ein echtes Alleinstellungsmerkmal unter den Forschungsprogrammen im Agrarbereich. Praxis und Beratung sind intensiv eingebunden. Das beginnt schon bei der Themenfindung. Zudem wurden viele neue Kommunikations- und Beteiligungsformate entwickelt. Es gibt in vielen Projekten einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch mit Beteiligten aus Wissenschaft, Praxis und Beratung. Das sichert Synergien und die Anschlussfähigkeit sowie den Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis.

Oekolandbau.de: Wie nehmen Sie aktuell die Stimmung in der Bio-Branche wahr?

Jürgen Heß: Zwiespältig, würde ich sagen. Die Nachfrage hat wieder angezogen, erfreulicherweise auch im Naturkosthandel. Nach langer Zeit reden wir sogar wieder über einen Nachfrageüberhang. Allerdings ist die Bereitschaft zur Umstellung bei den Betrieben sehr verhalten. Deshalb werden vermehrt Bio-Produkte importiert, vor allem aus dem europäischen Ausland. Das hat zwei Nachteile: Zum einen geht Wertschöpfung ins Ausland verloren. Zum anderen lagern wir damit sozusagen die Ökosystemleistungen des Ökolandbaus aus. Leistungen zum Gewässerschutz oder zur Förderung der Biodiversität werden im Ausland erbracht, nicht bei uns.

Oekolandbau.de: Warum tun sich Betriebe mit der Umstellung so schwer? Immerhin sind 2025 die Umsätze im Bio-Handel um geschätzte zehn Prozent gestiegen und es gibt, wie Sie sagten, einen Nachfrageüberhang.

Jürgen Heß: Ja, das klingt zunächst einmal paradox. Ist es aber nicht. Meines Erachtens gibt es dafür mehrere Gründe. Wir leben gerade in einer Zeit allgemeiner Verunsicherung durch multiple Krisen wie Krieg und Klimakrise. Dazu kommen Sparhaushalte in den Ministerien und auf europäischer Ebene zeichnet sich eine Art Kehrtwende ab – weg von zusätzlichen Maßnahmen für eine nachhaltigere Landwirtschaft und mehr Biodiversität. Davon hätte der Bio-Landbau profitiert. Das verunsichert Landwirtinnen und Landwirte. Außerdem muss man feststellen, dass die Erzeugerpreise für Bio einfach zu niedrig sind. Ganz offenbar lohnt es sich nicht, auf Bio umzustellen. Nachhaltig zu wirtschaften ist derzeit eher ein Wettbewerbsnachteil, obwohl der Erhalt der Artenvielfalt, der Grundwasser- und der Klimaschutz dringlicher denn je sind. Wir brauchen hier einen neuen Impuls.

Oekolandbau.de: Wie kann der aussehen?

Jürgen Heß: Potenzielle Umstellerbetriebe brauchen Planungssicherheit und auskömmliche Preise. Dafür ist es notwendig, die Umweltleistungen der ökologischen Landwirtschaft auch angemessen zu honorieren. Das geschieht leider immer noch viel zu wenig. Die Boston Consulting Group hat in einer Metastudie berechnet, dass die jährlichen ökologischen Folgekosten der landwirtschaftlichen Produktion in Deutschland bei etwa 90 Milliarden Euro liegen. Das sind immerhin 5.400 Euro pro Hektar und Jahr, die von der Gesellschaft getragen werden. Insbesondere im Gewässer- und Bodenschutz ließen sich durch vermehrte Umstellung auf ökologische Bewirtschaftung erhebliche Summen einsparen. Aber das muss politisch und gesellschaftlich gewollt sein. Unabhängig davon werden uns die planetaren Grenzen ohnehin mittelfristig in diese Richtung zwingen.

Oekolandbau.de: Aus der Praxis ist häufiger zu hören, dass sich potenzielle Nachfolgerinnen und Nachfolger nicht mehr so stark mit den Ideen des Ökolandbaus identifizieren. Nehmen Sie das auch so wahr?

Jürgen Heß: Ja und Nein. Es gibt sie sehr wohl noch, die jungen und engagierten Bio-Landwirtinnen und -landwirte. Aber sie haben es nicht leicht. Wer heute einen Hof übernehmen will, muss meist einen siebenstelligen Geldbetrag mitbringen. Innerfamiliär ist das etwas einfacher, aber auch nicht ganz ohne. Gleichzeitig ist Bio in den letzten beiden Jahrzehnten zum Mainstream geworden. Das hat ein Stück weit zu einer Art Konventionalisierung des Ökolandbaus geführt, und zwar bei Erzeugung, Verarbeitung und Handel. Die junge Generation sucht verstärkt neue Herausforderungen und wendet sich Themen wie der regenerativen Landwirtschaft oder agrarökologischen Ansätzen zu. Das ist kein Widerspruch, im Gegenteil. Das Konzept "regenerativ" wurde 1982 von einem Promotor des Bio-Landbaus in den USA geprägt. Der hiesige Ökolandbau ist gut beraten, diese Impulse aufzunehmen und für sich zu nutzen. Er kann aber auch selbstbewusst auftreten. Denn in den letzten Jahrzehnten wurde hier viel erreicht: Der Ökolandbau ist klar definiert, staatlich anerkannt, zertifiziert, glaubwürdig und verfügt über etablierte Erzeugungs-, Verarbeitungs- und Handelsstrukturen. All das bieten regenerative Landwirtschaft und Agrarökologie nicht oder nur im Kontext des Ökolandbaus.

Oekolandbau.de: Ein Problem des Ökolandbaus sind stagnierende Erträge auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Warum gibt es hier keine Fortschritte, trotz intensiver Forschung?

Jürgen Heß: Das Thema hat zwei Seiten. So gibt es Betriebe, die bei vergleichbaren Standortbedingungen sehr unterschiedliche Durchschnittserträge erzielen. Hier kann man tatsächlich von einer Ertragslücke sprechen, die es zu schließen gilt. Auf der anderen Seite wird der Begriff Ertragslücke häufig im Vergleich zur Ertragslage konventionell wirtschaftender Betriebe benutzt. Das ist aus meiner Sicht unangebracht. Spitzenerträge von über zehn Tonnen Winterweizen pro Hektar sind nur mit hohem Einsatz leichtverfügbarer Stickstoff-Dünger und chemisch-synthetischem Pflanzenschutz erreichbar. Damit sind jedoch viele unerwünschte Effekte verbunden. So verursachen die Erzeugung und der Einsatz von synthetischem Stickstoff enorme Mengen an Treibhausgas-Emissionen. Ganz zu schweigen davon, dass wir nach wie vor sehr viel synthetischen Stickstoff aus Russland importieren. Außerdem geben die extrem hohen Bestandsdichten keinen Raum für die Ackerflora, die Nahrungsgrundlage für viele Vogel- und Insektenarten ist.

Oekolandbau.de: Eine weitere Herausforderung sind die hohen Kosten der ökologischen Erzeugung. Wo könnte hier ein Hebel liegen, die Betriebe zu entlasten? Sollte man zum Beispiel die Standards senken?

Jürgen Heß: Ohne Frage sind die Unterschiede in den Standards der Verbände ein Problem. Einen Wettbewerb "nach unten", wer den EU-Vorgaben am nächsten kommt, sollte es aber nicht geben. Denn das würde das Image der Verbandsware als das "besseres" Bio gefährden. Was man allerdings stärker noch vorantreiben sollte, ist die Schließung regionaler Nährstoffkreisläufe. Hier liegen noch enorme Potenziale, die zur Stabilisierung und auch Steigerung der Erträge beitragen können und damit auch zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit der Betriebe.

Oekolandbau.de: Die Bio-Branche ist ja nach wie vor relativ klein und hat zudem noch viele Einzelverbände mit unterschiedlichen Ansätzen und Interessen. Sind diese Strukturen noch zeitgemäß, um etwa gegenüber dem Handel und der Politik geschlossen aufzutreten?

Jürgen Heß: Ja das stimmt. Wir haben viele Bio-Verbände, die wenigen, aber sehr mächtige Handelskonzerne gegenüberstehen. Sicher gibt es da Effizienzpotenzial. Deshalb gibt es in der Branche auch schon Bemühungen, näher zusammenzurücken und Mehrgleisigkeiten zu reduzieren. Allerdings muss man auch sehen, dass die Verbandsstrukturen über Jahrzehnte gewachsen sind. Es ist schwer, da von außen Ratschläge zu geben. Reformimpulse müssen von innen kommen.

Oekolandbau.de: Die Bio-Strategie 2030 und die frühere Zukunftsstrategie Ökolandbau sieht eine Ausweitung der Ökoflächen auf 30 Prozent bis 2030 vor. Macht es aus Ihrer Sicht Sinn, solche Ziele vorzugeben oder sollte man die Entwicklung nicht einfach dem Markt überlassen?

Jürgen Heß: Politisches Eingreifen ist in einer Marktwirtschaft nur bei sogenanntem Marktversagen zu rechtfertigen. Und man kann sagen, dass es im Bio-Markt von Anfang an ein solches Marktversagen gab. Nachhaltig zu wirtschaften ist mit massiven Wettbewerbsnachteilen verbunden, wie die bereits angesprochene Studie der Boston Consulting Group zeigt. Denn die entstehenden Kosten durch die intensive Produktion, etwa für die Grundwasseraufbereitung, schlagen sich nicht in den Preisen nieder, sondern werden von der Gesellschaft getragen. Zwar ist es nicht so, dass im Ökolandbau keine Kosten ausgelagert werden. Aber die sind im Vergleich sehr gering. Würde man die entstehenden Umweltkosten bei allen Lebensmitteln einpreisen, hätten wir eine faire Marktsituation und konventionelle Produkte wären wahrscheinlich nicht günstiger.

Oekolandbau.de: Ein Blick in die Zukunft: Was glauben Sie, wie der Ökolandbau in Deutschland im Jahr 2030 aussehen wird?

Jürgen Heß: Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen erwarte ich in den nächsten fünf Jahren ein verhaltenes Wachstum. Für mehr bräuchte es starke Impulse der Politik, ideell und ökonomisch. Denn wie gesagt, nachhaltiges Wirtschaften wird nur sehr unzureichend honoriert und dadurch zu einem Wettbewerbsnachteil. Das ist angesichts des Überschreitens der planetaren Grenzen nur schwer nachvollziehbar, aber eben Realität. Es wäre sehr bedauerlich, wenn erst die negativen Folgen einer weiteren Überschreitung der planetaren Grenzen zu den notwendigen politisches Weichenstellungen führen würden.

Das Interview führte Jürgen Beckhoff.


Letzte Aktualisierung 04.03.2026

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