Was unterscheidet die Bio-Tierhaltung von der Freilandhaltung?

Was unterscheidet die Bio-Tierhaltung von der Freilandhaltung?

Mit Haltungsform 4 können im Handel Produkte aus Freiland- oder Weidehaltung gekennzeichnet werden. Wodurch unterscheiden sich diese von Bio-Produkten? Gudrun Plesch vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) erklärt die Unterschiede im Interview.

Oekolandbau.de: Freilandhaltung klingt für viele Verbraucherinnen und Verbraucher nach maximalem Tierwohl. Ist das so?

Plesch: Wenn sich die Tiere draußen frei bewegen können, garantiert dies nicht automatisch ein hohes Tierwohlniveau. Lassen Sie mich dies am Beispiel von Freiland-Eiern und Bio-Eiern erläutern.

Aus welcher Haltungsform das Ei stammt, kann man seit 2004 EU-weit leicht am Eierstempel erkennen: Die erste Ziffer "0" auf dem Aufdruck steht für ökologischen Landbau, die "1" für Freilandhaltung.

Sowohl Bio- als auch Freilandhühner haben tagsüber Zugang zu einem Auslauf. In beiden Haltungsformen muss die Größe des Auslaufs so bemessen sein, dass jedem Tier mindestens 4 m2 zur Verfügung stehen. Ein entscheidender Unterschied ist, dass in der Bio-Haltung der Auslauf überwiegend begrünt und mit Bäumen und Büschen strukturiert sein muss. Die Hennen müssen sich verstecken können. Sonst trauen sie sich aus Angst vor Raubvögeln nicht, den Auslauf zu benutzen.

Unterschiede gibt es auch bei der Größe des Stalles. Bei Freiland-Hühnern teilen sich im Stall neun Hühner einen Quadratmeter, auf Bio-Betrieben sind es nur sechs Hühner.

Außerdem ist deren Herdengröße beschränkt: Maximal 3.000 Legehennen sind pro Stallabteil erlaubt. Da ein präventiver Medikamenteneinsatz im Ökolandbau verboten ist, muss alles getan werden, um Bio-Hühner gesund zu halten.

Oekolandbau.de: Wie sieht das bei anderen Tierarten aus?

Plesch: Bei Schweinen unterscheiden sich die Vorgaben zum Platzangebot deutlich: Bei Haltungsform 4 (Auslauf/Weide) haben 50 bis 120 kg schwere Tiere 1,5 m² Platz (Stall und Auslauf) pro Tier. Bei unter 110 kg schweren Bio-Schweinen sind es im Stall und Auslauf zusammen 2,3 m². Schwerere Bio-Schweine bekommen 2,7 m². In der Bio-Schweinemast ist außerdem Wühlmaterial im Auslauf vorgeschrieben.

Oekolandbau.de: Aber Platz allein ist ja nicht alles – wo gibt es noch Unterschiede zwischen den Stufen 4 (Auslauf/Weide) und 5 (Bio)?

Plesch: Da fallen mir deutliche strengere Vorgaben bei schmerzhaften Eingriffen ein. Beispielsweise ist das Kupieren der Schwänze oder auch das Schleifen der Zähne bei Ferkeln im ökologischen Landbau grundsätzlich verboten. Bei Bio-Puten ist das Kürzen der Schnäbel, anders als bei Puten der Haltungsform 4, nicht zulässig. Die Bio-Haltungssysteme werden hier noch besser an die Bedürfnisse des Tieres angepasst und nicht die Tiere an das Haltungssystem.

Bei der Haltungsform-Kennzeichnung des Handels läuft die Freilandhaltung unter Auslauf/Weide (Haltungsform 4), Bio unter Haltungsform 5. Mehr dazu lesen Sie in unserem Artikel über die Kennzeichnung.

Oekolandbau.de: Wie viele Medikamente dürfen Bio-Tiere bekommen?

Plesch: So wenig wie nötig. Verboten ist es vor allem, chemisch-synthetische Arzneimittel vorbeugend zu verabreichen. Bei Verbandsbio-Betrieben gibt es on top starke Einschränkungen bei Reserve-Antibiotika und Antiparasitika. Hier spielt die Umweltwirkung mit rein. Werden die Tiere zum Beispiel mit bestimmten Mitteln gegen Parasiten wie Würmer behandelt, wirken deren Ausscheidungen auf der Weide oftmals toxisch für Insekten. Deswegen ist der Einsatz dieser Mittel stark eingeschränkt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das explizite Verbot von Hormonen und Leistungsförderern in der Bio-Tierhaltung. Dazu muss man wissen: Zwar dürfen seit 1988 EU-weit nicht mehr Hormone im Futter eingesetzt werden, die dafür sorgen, dass die Tiere das Futter besser verwerten können. Aus Therapie- oder Tierzuchtgründen ist eine Hormonbehandlung aber weiterhin in der konventionellen Tierhaltung erlaubt und wird auch praktiziert.

Oekolandbau.de: Bio-Tiere müssen ja auch Futter aus dem ökologischen Anbau und vom eigenen Betrieb erhalten. Was bringt das?

Plesch: Mehr Futter vom eigenen Betrieb bedeutet weniger Futtertransporte und Importe von Soja und Co. Bio-Futter nützt vor allem auch der Umwelt. Wenn keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel und leicht lösliche Mineraldünger auf Äckern landen, wirkt sich das positiv auf die Artenvielfalt aus. Außerdem sollten Flächengröße und Tierzahl des Betriebes zusammenpassen. Bei der Haltungsform 4 für Schweine liegt der Mindestanteil von Futter aus dem Betrieb oder der Region bei 20 Prozent, bei der Bio-Stufe sind es 30 Prozent. Bei Bio-Verbandsbetrieben sind es mindestens 50 Prozent. Insgesamt bietet Bio also den größten Mehrwert für Tier und Natur.

Interview: Nina Weiler


Letzte Aktualisierung 17.09.2025

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