Enderhof: Hofkistensaisoneröffnung
02894 Vierkirchen

Was sind Microgreens – und warum sind sie so gefragt? Können sie biologisch angebaut werden? Was ist bei Sortenwahl, Substraten und Vermarktung zu beachten? Der Beitrag gibt Einblicke in den Bio-Anbau – ergänzt durch ein Interview mit einem Betrieb aus der Praxis.
Microgreens liegen im Trend - und das nicht nur, weil sie zahlreiche Gerichte mit ihrem tollen Geschmack verfeinern, sondern auch, weil sie voller Vitamine und Nährstoffe stecken. Die jungen Keimpflanzen enthalten – je nach Art – besonders hohe Konzentrationen an Vitaminen, Mineralstoffen, sekundären Pflanzenstoffen und Antioxidantien. Aufgrund dieser Nährstoffvielfalt gelten Microgreens als wertvolle Ergänzung einer ausgewogenen Ernährung.
Microgreens sind junge, essbare Pflänzchen, die aus den Samen von Gemüse-, Kräuter- oder Getreidearten gezogen werden. Sie werden meist innerhalb von 7 bis 21 Tagen nach der Keimung geerntet.
Im Gegensatz zu Sprossen, bei denen die gesamte Pflanze inklusive Wurzel verzehrt wird, wird bei Microgreens nur der oberirdische Teil – bestehend aus Stängel und Blättern – geerntet. Häufige Sorten sind Rucola, Radieschen, Brokkoli, Rotkohl, Senf oder Erbsengrün.
Im Handel werden Microgreens in der Regel in Pappboxen auf Vlies angeboten.
Der Begriff "Microgreens" wird in der EU-Öko-Verordnung nicht explizit verwendet. Sie unterliegen den allgemeinen Bestimmungen für den Pflanzenbau zum Beispiel im Hinblick auf Saatgut, Anbaumethoden und Düngung.
Die EU-Öko-Verordnung schreibt vor:
"Ökologische/biologische Kulturen, ausgenommen solche, die auf natürliche Weise im Wasser wachsen, werden in lebendigem Boden oder in lebendigem Boden, der mit in der ökologischen/biologischen Produktion zugelassenen Materialien und Produkten gemischt oder gedüngt ist, in Verbindung mit dem Unterboden und dem Untergrund erzeugt."
Pflanzen müssen also in der Regel in lebendigem, mit dem Unterboden verbundenem Boden wachsen.
Eine Ausnahme sieht die EU-Bio-Verordnung für Sprossen vor. Sie betrifft zum Beispiel Kresse oder andere Pflänzchen, die ausschließlich von den im Samen enthaltenen Nährstoffen leben und in sehr kurzer Zeit, also noch im „Sprossenstatus“ geerntet werden.
Die Erzeugung von Sprossen ist auch ohne Erde möglich, wenn ausschließlich klares Wasser verwendet wird und keine Nährlösung eingesetzt wird. Zulässig ist nur ein inertes Medium, das rein der Feuchtigkeitsregulierung dient und dessen Bestandteile gemäß Artikel 24 zugelassen sind (zum Beispiel Hanfmatten, Zellulosevliese).
Bio-Microgreens können erdlos unter den folgenden Bedingungen hergestellt werden:
Im professionellen Bio-Anbau gilt: Microgreens erfordern keine große Fläche, aber hohe Präzision in der Durchführung.
Ob der Anbau von Microgreens wirtschaftlich ist, hängt stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen wie Produktionssystem, Betriebsgröße, Vertriebsweg und Zielgruppe ab.
Grundsätzlich gilt: Microgreens erzielen auf dem Markt vergleichsweise hohe Preise pro Gramm bzw. pro Schale. Gleichzeitig ist ihr Flächenbedarf gering, und die Kulturdauer ist extrem kurz – beides spricht für eine gute Flächeneffizienz.
Durch ihre geringe Wuchshöhe und kurze Kulturdauer eignen sich Microgreens ideal für den Anbau in Vertical-Farming-Systemen. Dabei werden Pflanzen auf mehreren Ebenen übereinander kultiviert – unter gut kontrollierbaren Bedingungen wie Licht, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und CO₂-Gehalt.
Allerdings sind die Arbeitskosten nicht zu unterschätzen. Die Aussaat, Ernte, Verpackung und Vermarktung erfolgen oft manuell oder halbautomatisch. Auch Investitionen in Anzuchtsysteme, Beleuchtung, Hygiene und gegebenenfalls Kühlung können ins Gewicht fallen.
Besonders attraktiv ist der Anbau wenn direkt vermarktet wird, beispielsweise über den Hofladen oder an die regionale Gastronomie. Hier lassen sich mit kleinen Mengen gute Margen erzielen. Die Rentabilität hängt also stark vom Vermarktungskonzept und der Betriebsstruktur ab.
Interview mit Johanna Heim, Product Development and Market Support bei Klasmann-Deilmann, einem Hersteller von Substraten und wachstumsfördernden Materialien für den professionellen Gartenbau.
Oekolandbau.de: Wie kommt der Substrathersteller Klasmann-Deilmann dazu, Microgreens zu kultivieren?
Johanna Heim: Vor rund zwei Jahren haben wir begonnen, Microgreens für den Endkundenmarkt anzubauen. Die Idee entstand im Rahmen eines Projekts und der Freude daran, die Microgreens in so schneller Zeit wachsen zu sehen. Unser Ziel war es, ein möglichst nachhaltiges Produkt anzubieten: in Bio-Qualität, regional erzeugt und mit minimaler Verpackung.
Schnell ergab sich die Gelegenheit, unsere Microgreens - unter dem Namen "Krauz" - über den regionalen Biokisten-Lieferservice Biobote Emsland zu vertreiben. So nahm alles seinen Lauf: Seitdem beliefern wir jede Woche Haushalte im Emsland mit unseren Pappschälchen, gefüllt einer bunten Auswahl an frischen Microgreens.
Oekolandbau.de: Wie werden die Microgreens produziert?
Johanna Heim: Die Microgreens werden in unserem Gewächshaus auf Tischen kultiviert. Die Aussaat auf Hanfmatten und das Gießen erfolgen von Hand. Nach fünf bis sieben Tagen – je nach Sorte, von Kresse bis Kohlrabi – sind die Pflanzen erntereif und werden in liebevoller Handarbeit abgefüllt und verpackt.
Da Microgreens lediglich ein einziges Wachstumsmedium für die Stabilität und Wasseraufnahme benötigen und ihre Nährstoffe direkt aus dem Samen beziehen, ist der Anbau vergleichsweise unkompliziert. Für uns war von Anfang an klar, dass wir die Krauz-Microgreens nach EU-Öko-Verordnung zertifizieren lassen. Das entspricht nicht nur unserer eigenen Überzeugung, sondern war auch Voraussetzung dafür, unsere Produkte über den Bioboten vertreiben zu können.
Oekolandbau.de: Welche Herausforderungen gibt es beim Anbau der Microgreens?
Johanna Heim: Zunächst ist es wichtig, die richtigen Bedingungen für die Keimung der Microgreens zu schaffen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass es sogenannte Licht- und Dunkelkeimer gibt. Wie die Begriffe schon verraten, benötigen manche Samen Licht, andere Dunkelheit, um die Keimung anzustoßen. Je nach Sorte müssen die Samen daher für zwei bis vier Tage entweder abgedeckt oder in einen dunklen Raum gestellt werden. Auch eine hohe Luftfeuchtigkeit ist entscheidend, um eine gleichmäßige Keimung zu gewährleisten. Wie genau man diese Bedingungen schafft, hängt stark von den jeweiligen Gegebenheiten ab – und ist definitiv ein Lernprozess.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Wahl des richtigen Substrats. Es muss den Wurzeln Halt bieten und eine gute Wasserkapazität haben, um den Gießaufwand möglichst gering zu halten und Trockenstress zu vermeiden. Hier kommt uns unsere Expertise als Substrathersteller zugute: Wir haben viel ausprobiert und uns für unsere eigene Microgreens-Produktion schließlich für bestimmte Hanfmatten entschieden. Diese lassen sich gut verarbeiten und ermöglichen es uns, die Microgreens am Ende der Wachstumsphase mitsamt Substrat in die Verkaufsschalen zu setzen.
Gleichzeitig nutzen wir unsere Erfahrungen auf diesem Gebiet auch, um Substrate für die Anbauerin oder den Anbauer zu entwickeln und zu testen, die ihre Microgreens in Trays kultivieren. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf torffreien für den biologischen Anbau geeigneten Substraten. Zum Einsatz kommen unter anderem Rohstoffe wie Holzfasern, Kokos oder Grünkompost. In Kombination schaffen sie eine nachhaltige Grundlage für den professionellen Anbau von Bio-Microgreens.
Autorinnen: Dr. Jennifer Ritzenthaler und Dr. Ines Hensler, Ecocert
Letzte Aktualisierung 12.08.2025