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Gemengeanbau in der Praxis

Trotz vieler Vorteile ist Gemengeanbau auch im ökologischen Anbau noch ausbaufähig. Wir haben Fachleute aus Praxis und Forschung gefragt, welche Entwicklungen es derzeit gibt, wann sich Gemenge lohnen und wie Betriebe geeignete Gemenge für ihren Standort finden.
Die Vorteile des Gemengeanbaus sind seit langem bekannt und wissenschaftlich belegt. Neben höheren Gesamterträgen von 5 bis 15 Prozent ermöglichen Gemenge eine bessere Unkrautunterdrückung als Reinsaaten, bieten mehr Biodiversität und senken das Anbaurisiko, was im Hinblick auf die zunehmenden Wetterextreme immer wichtiger wird. Dennoch haben deutsche Bio-Betriebe im Jahr 2022 nur auf 57.000 Hektar Gemenge angebaut (ohne Kleegras). Das entspricht etwa sechs Prozent ihrer Ackerflächen.
Der Grund: Vielen Betrieben fehlt es an Erfahrung mit dem zum Teil anspruchsvollen Anbau von Gemengen. Welche Arten passen am besten zum Standort? Mit welchen Anteilen werden die Gemengepartner gesät und mit welcher Sätechnik? Und wie lassen sich die Gemengepartner nach der Ernte kostengünstig trennen?
Aufreinigung bleibt Herausforderung beim Gemengeanbau
Das bestätigt auch Peer Urbatzka vom Kompetenzzentrum Ökolandbau der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL). "Gerade bei Speiseware ist die Aufreinigung nach wie vor das Nadelöhr, weil die Abnehmer für die Ware in der Regel sehr anspruchsvoll sind", meint der Experte. "So haben viele Betriebe zum Beispiel beim Linsenanbau Probleme mit Steinen. Zudem steigt beim Drusch häufig der Bruchkornteil von Getreide."
In Bayern sieht er den Anbau von Gemengen auf gleichbleibendem Niveau. Dafür verändert sich die Zusammensetzung der Gemengepartner. "Zwar bleibt es bei der klassischen Kombination von Körnerleguminosen und Getreide wie Erbse mit Gerste oder Hafer. Aber nach den zuletzt sehr trockenen Jahren mit größeren Ausfällen setzen viele Betriebe bei Erbse und Ackerbohne verstärkt auf die Winterformen, bei Erbse meist mit Wintertriticale", sagt Urbatzka.
Getreidemischungen bieten Vorteile
Zudem gibt es auch einen Trend zu reinen Getreidemischungen mit zwei oder mehr Getreidearten oder mehreren Sorten einer Art, obwohl sich damit in der Regel kein Mehrertrag erzielen lässt. Dafür spricht nach Einschätzung des Öko-Experten ein geringerer Krankheitsdruck als bei Reinsaat, vor allem bei Rostkrankheiten, und insgesamt stabilere Erträge.
Eine leichte Zunahme beobachtet er zudem beim Anbau von Sommerlinsen mit Hafer oder auch Gerste als Stützfrucht. Denn Linsen aus regionalem Bio-Anbau sind vor allem für die Direktvermarktung sehr interessant.
Studie zur Wirtschaftlichkeit
Eine zentrale Frage ist, ob sich der gleichzeitige Anbau von zwei oder mehr Kulturen auf einer Fläche rechnet. Ein Studie des Thünen-Instituts (PDF-Dokument) zur Wirtschaftlichkeit von verschiedenen Gemengen aus dem Jahr 2021 zeigt, dass die Gemengeerträge in allen Fällen höher sind als bei Reinsaaten. Unter norddeutschen Standortbedingungen in Trenthorst erreichten Gemenge aus Hafer mit Erbsen- beziehungsweise Ackerbohnen bis zu zehn Dezitonnen Mehrertrag pro Hektar gegenüber dem Anbau als Einzelkultur.
Aufgrund der zum Teil deutlich höheren Flächeneffizienz sind Gemenge aus Gründen der Nachhaltigkeit zu empfehlen. Doch die bessere Flächeneffizienz führt nicht automatisch zu höheren Erlösen. Das liegt zum Teil am Mehraufwand für den aufwendigeren Anbau, der laut Thünen-Studie bis zu 200 Euro pro Hektar betragen kann.
Noch wichtiger sind jedoch die aktuellen Marktpreise für die einzelnen Gemengepartner. Dabei gilt: Je größer der Unterschied zwischen den erlösten Preisen der beiden Kulturen, desto wirtschaftlicher die Reinsaat.
BÖL-Forschungsergebnisse zum Gemengeanbau:
Marktpreise der Gemengepartner sind entscheidend
Bei den aktuell niedrigen Preisen für Bio-Getreide ist es deshalb für viele Marktfrucht-Betriebe vorteilhafter, Körnerleguminosen wie Erbse oder Ackerbohne in Reinsaat anzubauen. Interessant wird ein Gemenge, wenn es den Anbau einer anspruchsvollen, hochpreisigen Bio-Kultur wie Raps erleichtert.
Dafür hat Hermann Künsemöller Mühlenhof auf einem leichten Standort bei Bielefeld den Mischanbau mit Wicke und Rohrschwingel entwickelt. Raps wird hier ab September in Reihe mit Wicke und Rohrschwingel gesät. Die Wicke liefert bis zum Absterben im Winter noch bis zu 30 Kilogramm Stickstoff pro Hektar, während der Rohrschwingel nach der Rapsernte den Reststickstoff bindet. Im Schnitt werden so über drei Tonnen Raps pro Hektar erreicht. Eine Unkrautkontrolle ist in der Regel nicht notwendig.
Zudem kombiniert der Marktfruchtbetrieb den zur Stickstoffbindung notwendigen Kleegrasanbau mit Roggen. Damit gelingt es dem Betrieb noch bis zu vier Tonnen Roggen pro Hektar zu ernten, ohne die Vorfruchtwirkung des Kleegrases zu beeinträchtigen. Außerdem bildet das Roggenstroh nach der Ernte eine Mulchdecke, die das Kleegras bei zunehmender Sommertrockenheit vor Austrocknung schützt.
Gemengeanbau – ökologisch wie ökonomisch sinnvoll
Bestätigt wird diese Erkenntnis durch eine Metastudie aus den Niederlanden, die erstmalig im großen Umfang weltweit Studien zu diesem Thema analysiert hat. In der Studie wurden nicht nur extensive Landwirtschaftssysteme, wie man sie vor allem im Öko-Landbau findet, untersucht, sondern auch intensive mit hohem Nährstoffinput. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass der Gemengeanbau – anders als häufig erwartet – auch im intensiven (konventionellen) Pflanzenbau zu höheren Erträgen pro Fläche führt.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden heraus, dass Gemenge pro Hektar durchschnittlich rund 1,5 Tonnen mehr Ertrag liefern als wenn man die gleichen Pflanzen in Reinkultur anbaut. Außerdem kann die eingesetzte Düngermenge durch den Anbau von Gemengen um bis zu 36 Prozent gesenkt werden. Das liegt daran, dass in Gemengen überwiegend Leguminosen als Mischungspartner zum Einsatz kommen. Leguminosen binden, wenn sie im Gemenge mit Nicht-Leguminosen angebaut werden, nachweislich mehr Stickstoff als in Reinkultur.
Die Betreiberinnen und Betreiber der Studie sehen daher im Gemengeanbau eine effiziente und nachhaltige Möglichkeit, den steigenden Nahrungsmittelbedarf einer wachsenden Weltbevölkerung zu decken. Gleichzeitig können damit die negativen Umweltauswirkungen der landwirtschaftlichen Praxis verringert werden.
Laut dem Bundesamt für Naturschutz hat der Gemengeanbau zahlreiche positive ökologische Effekte. So führt der Anbau von Gemengen zu strukturreicheren Ackerbeständen. Damit werden einerseits zusätzliche Rückzugsmöglichkeiten und Nahrungsquelle für Insekten geschaffen und gleichzeitig das Nahrungsangebot für andere Tierarten erweitert. Wegen des deutlich geringeren Unkrautdrucks in Gemengen, kann auf mechanische oder chemische Maßnahmen zur Unkrautregulierung weitestgehend verzichtet werden. Das wirkt sich förderlich auf Bodenbrüter wie Kiebitz, Feldlerche und Fasan sowie junge Feldhasen aus.
Trotz der guten Unkrautunterdrückung führt der Gemengeanbau jedoch nicht zu einer Veränderung der Wildkrautzusammensetzung. Somit werden auch seltene und schützenswerte Wildkrautarten nicht verdrängt. Durch die strukturreichen Bestände und das zusätzliche Nahrungsangebot werden Nützlinge gefördert und können damit verstärkt zu einer natürlichen Regulation von Schädlingen beitragen. Im Gemengeanbau von Leguminosen und Nicht-Leguminosen besteht außerdem eine deutlich geringere Nitratauswaschungsgefahr als in Leguminosen-Reinbeständen.
Flächeneffizienz macht Gemenge im Futterbau attraktiv
Bei Betrieben mit Tierhaltung und/oder Biogasanlage lohnt es sich besonders auf Gemenge zu setzen, um den Ertrag zu maximieren. Das macht sich zum Beispiel Wolfram Wiggert auf dem Haslachhof im Hochschwarzwald zu Nutze, der auf seinem Bio-Betrieb mit Biogasanlage und Mutterkuhhaltung überwiegend Gemenge anbaut.
Im Ackerbau kombiniert er unter anderem Hafer als Speiseware mit Leindotter, den er als Saatgut und zur Speiseölherstellung verkauft. "Leindotter ist für uns der perfekte Gemengepartner, weil er sich immer optimal an die Entwicklung des Hafers anpasst. Zudem können wir die Körner mit unserem Farbsortierer gut trennen", berichtet Wiggert. Für Leindotter spricht aus seiner Sicht auch der geringe Mehraufwand mit Saatgutkosten von nur 30 Euro pro Hektar.
Leindotter baut er zum Teil auch im Gemenge mit Buchweizen oder Hirse an. Damit kann er das Anbaurisiko durch die häufigen Wetterextreme am Betriebsstandort im Hochschwarzwald besser absichern. Während der kältetolerante Leindotter gut mit wechselhaftem Wetter umgehen kann, brauchen vor allem Hirse, aber auch Buchweizen eher hohe Temperaturen und kommen besser mit längeren Trockenphasen zurecht.
Weiterführende Infos zum Gemengeanbau mit Leindotter:
Leindotter: Anbau in Mischkulturen, FiBL-Infos unter bioaktuell.ch
Biodiversität bei Kleegras verbessern
Beim Anbau von Energiepflanzen für die Biogasanlage arbeitet er ausschließlich mit Gemengen. Statt Mais baut Wiggert vor allem Luzerne-Kleegras an, weil es unter den Bedingungen der Mittelgebirgslage auf bis zu 900 Meter Höhe bessere Erträge verspricht. Das Luzerne-Kleegras ergänzt er um bis zu 20 weitere Arten wie Spitzwegerich und Wegwarte. "So kann ich die Biodiversität deutlich erhöhen, ohne größere Einbußen beim Energiegehalt der Silage zu haben", erklärt Wiggert.
Auch die Zwischenfrüchte, die er ebenfalls als Biogassubstrat nutzt, baut er ausschließlich als Gemenge an. Ideal für seinen Standort ist das klassische Landsberger Gemenge aus Weidelgras, Zottelwicke und Inkarnatklee. Bei sehr hohen Erträgen von bis zu 45 Tonnen Silage pro Hektar (Ernte im Frühjahr und Herbst) braucht das Gemenge laut Wiggert keine Pflege nach der Aussaat, liefert eine gute Energiedichte und hinterlässt eine perfekte Krümelstruktur im Boden.
Viel Spielraum bei Ganzpflanzensilagen
Als weiteres Zwischenfruchtgemenge hat Wiggert eine sogenannte Doppel-Ganzpflanzensilage entwickelt. Um Zeit und Kosten zu sparen, sät er nach der Getreideernte Hafer, Sommerwicke, Grünroggen und Wintererbse gleichzeitig aus und kann den Aufwuchs so im Herbst und Frühjahr je einmal nutzen.
Praktiker Wolfram Wiggert und Bio-Experte Peer Urbatzka sind beide überzeugt, dass sich der Mehraufwand für den Gemengeanbau lohnt – ackerbaulich und wirtschaftlich. Deshalb raten sie Betrieben dazu, häufiger auf Gemenge zu setzen und die Möglichkeiten zum Anbau auszutesten.
Welches Gemenge passt zu meinem Betrieb?
Vorab sollte man sich laut Urbatzka klarmachen, wie gut sich ein Gemenge in die Betriebsstruktur einfügt. Wie kann ich die Komponenten vermarkten oder innerbetrieblich verwerten? Wie gut passen die Gemengepartner in die bestehende Fruchtfolge, vor allem bei höheren Leguminosen- und Getreideanteilen? Habe ich die geeignete Technik für die Aussaat und Aufreinigung?
"Für den Einstieg lohnt es sich auch einfach mal zu schauen, was der Nachbarbetrieb macht, und Empfehlungen bei der zuständigen Beratungskraft einzuholen", sagt Urbatzka. Bio-Landwirt Wiggert rät außerdem zu einem ganz praktischen Ansatz: "Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was auf dem eigenen Standort funktioniert, sollte man am besten auf kleinen Schlägen verschiedene Varianten ausprobieren. Versuch und Irrtum, das gehört auch dazu."
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Letzte Aktualisierung 05.09.2024








