"WertesBrutei": Neue Wege für Zweinutzungshühner

Wie lassen sich ökologisch gezüchtete Zweinutzungshühner besser vermarkten – regional, national und international? Im abgeschlossenen Projekt “WertesBrutei” hat die ÖTZ dafür Wertschöpfungsketten aufgebaut, Partnerschaften gestärkt und eine zweisprachige Vermarktungsplattform etabliert. Im Interview blickt Projektleiterin Inga-Günther-Bender auf die wichtigsten Ergebnisse und die nächsten Herausforderungen für die ökologische Zweinutzungszucht.

Kurzinfo

  • Produkte: Bruteier, Eintagsküken und Junghennen aus ökologischer Züchtung
  • Wertschöpfungskettenbereich: Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel
  • Bundesland: Deutschlandweit

Projektsteckbrief

Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten

Ziel des Projekts war es, die Verwendung von Zweinutzungshühnern aus ökologischer Züchtung im ökologischen Landbau zu erhöhen und dafür regionale, nationale und internationale Wertschöpfungsketten aufzubauen.

Im Mittelpunkt stand die Vernetzung der verschiedenen Akteure entlang der Wertschöpfungskette – von der ökologischen Elterntierhaltung über Brütereien und Jungtieraufzucht bis hin zu den landwirtschaftlichen Betrieben. Bestehende regionale und nationale Partnerschaften sollten weiterentwickelt und neue Kooperationen aufgebaut werden.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Verbesserung der Vermarktungsstrukturen. Dazu sollten die Verfügbarkeit von Küken und Junghennen verbessert, Bestell- und Abstimmungsprozesse vereinfacht und Voraussetzungen für eine überregionale und internationale Vermarktung geschaffen werden.

Darüber hinaus sollten gemeinsame Grundlagen für die Qualitätssicherung entwickelt und die Zusammenarbeit der beteiligten Betriebe entlang der Wertschöpfungskette gestärkt werden.

Das Projekt wurde in Kooperation mit national und regional tätigen Brütereien, Aufzuchtbetrieben und weiteren Partnern umgesetzt.

Hintergrund

Die Ökologische Tierzucht gGmbH arbeitete bereits mit mehreren kleinen und mittleren Brütereien zusammen, die regional Eintagsküken vermarkten. Für eine stärkere regionale Versorgung fehlten jedoch teilweise geeignete Aufzuchtstrukturen. Auch für die nationale Vermarktung standen nur begrenzte Aufzucht- und Brutkapazitäten zur Verfügung.

Zudem bestand Bedarf, die Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen Elterntierhaltung, Brütereien, Aufzuchtbetrieben und landwirtschaftlichen Betrieben weiterzuentwickeln.

Die internationale Vermarktung von ökologisch gezüchteten Zweinutzungshühnern befand sich zu Projektbeginn noch im Aufbau. Bestehende Kontakte und erste Lieferbeziehungen boten jedoch die Grundlage, um internationale Absatzwege weiterzuentwickeln.

Mehr Infos zum Projekt

Interview mit Projektleiterin Inga Günther-Bender

Inga Günther-Bender

Inga Günther-Bender ist die Geschäftsführerin der Ökologischen Tierzucht gGmbH und Leiterin des Projekts Wertes Brutei. 

Das Wichtigste in Kürze zu "Wertes Brutei":

  • Neue Wertschöpfungsketten aufgebaut: Regionale, nationale und internationale Strukturen für die Vermarktung ökologisch gezüchteter Zweinutzungshühner wurden weiterentwickelt.
  • Internationale Märkte erschlossen: Die ÖTZ-Zucht wird inzwischen unter anderem in der Schweiz, Frankreich, Österreich, England und weiteren europäischen Ländern vermarktet.
  • Vermarktungsplattform etabliert: Die zweisprachige Plattform erleichtert die Bestellung und bündelt die Vermarktung von Bruteiern, Küken und Junghennen.
  • Zusammenarbeit professionalisiert: Geregelte Bestellprozesse, Jahresgespräche mit Bruteiererzeugern und neue digitale Systeme verbessern Planung und Koordination.
  • Qualitätsmanagement vorangebracht: Gemeinsame Qualitätsstandards und Vorgaben für Bruteier und Jungtiere wurden entwickelt.
  • Grundlage für weiteres Wachstum geschaffen: Die Strukturen sollen künftig weiter ausgebaut werden – mit dem Ziel, Verfügbarkeit und Absatz von ÖTZ-Zweinutzungstieren nachhaltig zu steigern.

Oekolandbau.de: Welche Ergebnisse des Projekts haben aus Ihrer Sicht den größten Beitrag zum Aufbau regionaler, nationaler und internationaler Wertschöpfungsketten für Zweinutzungshühner geleistet?

Günther-Bender: Der intensive persönliche Austausch mit den relevanten Stakeholdern, die Teilnahme an Fachveranstaltungen sowie der Aufbau der zweisprachigen Vermarktungsplattform in Deutsch und Englisch haben aus unserer Sicht den größten Beitrag zum Erfolg des Projekts geleistet. Dadurch konnten wichtige regionale, nationale und internationale Netzwerke aufgebaut und die Grundlage für eine nachhaltige Wertschöpfungskette für Zweinutzungshühner geschaffen werden.

Besonders hervorzuheben ist dabei die zunehmende internationale Vermarktung und Vernetzung. Die Produkte und das Konzept werden inzwischen auch in der Schweiz, Frankreich, Slowenien, Rumänien, Tschechien, Schweden, den Niederlanden, Österreich und England vermarktet. Damit konnten über die nationalen Grenzen hinaus neue Absatzmärkte erschlossen und weitere Akteure entlang der Wertschöpfungskette eingebunden werden.

Oekolandbau.de: Welche Faktoren waren entscheidend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Brütereien, Aufzuchtbetrieben, landwirtschaftlichen Betrieben und Forschung – und wo bestanden die größten Herausforderungen?

Günther-Bender: Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit waren vor allem die offene Kommunikation und die fachliche Expertise der beteiligten Partner entscheidend. Wichtig war, dass Brütereien, Aufzuchtbetriebe, landwirtschaftliche Betriebe und die Forschung ihre Erfahrungen und Anforderungen miteinander geteilt haben und gemeinsam nach praktikablen Lösungen gesucht wurde.

Die größte Herausforderung bestand zunächst darin, geeignete und verbindliche Abläufe zu entwickeln. Gerade bei der Bedarfs- und Ressourcenplanung sowie bei der Abstimmung der Verfügbarkeiten über das gesamte Jahr hinweg war eine enge Koordination notwendig. Im Laufe des Projekts haben wir deshalb zunehmend geregelte und definierte Prozesse eingeführt, beispielsweise für die Bestellung. Auch der Aufbau eines Shops auf der Homepage hat dazu beigetragen, die Bestellabläufe zu vereinfachen und transparenter zu gestalten.

Ein weiterer wichtiger Punkt waren die regelmäßigen Jahresgespräche mit den Erzeugerinnen und Erzeugern der Bruteier. Dadurch konnten Mengen, Bedarf und Verfügbarkeiten frühzeitig besprochen und besser aufeinander abgestimmt werden.

Zum Ende des Projekts wurde außerdem mit der Einführung eines Warenwirtschaftssystems begonnen. Damit möchten wir die Prozesse weiter professionalisieren und insbesondere die Planung und Koordination zukünftig noch effizienter gestalten.

Oekolandbau.de: Welche Veränderungen konnten durch das Projekt bereits in der Praxis erreicht werden, beispielsweise hinsichtlich Vermarktung, Qualitätssicherung, Zusammenarbeit oder Tierverfügbarkeit?

Günther-Bender: Durch das Projekt wurde ein tragfähiges Grundgerüst für den weiteren Ausbau der Wertschöpfungskette geschaffen. Es konnten Elterntierstandorte zur Vermehrung identifiziert, Zertifizierungsprozesse weiterentwickelt und gemeinsame Qualitätsstandards definiert werden.

Ein wichtiger Schwerpunkt lag dabei auf der Tierseuchenschutzverordnung. Wir haben uns intensiv damit befasst und geprüft, welche Standorte die jeweiligen Kriterien erfüllen können und welche nicht. Gleichzeitig wurde betrachtet, wie Mengen und Bedarfe so abgestimmt werden können, dass die jeweiligen Zertifizierungen vorliegen, um beispielsweise auch ins Ausland liefern zu können.

Auch im Bereich der Qualitätssicherung wurden konkrete Grundlagen geschaffen. Es gibt unter anderem Dokumente, die die akzeptierten Bruteiqualitäten beschreiben, sowie grundsätzliche Bedingungen bezüglich Reklamationen, wenn die Plattform beliefert wird. Dadurch kann die Plattform ungenügende Qualitäten entsprechend bemängeln. Hier besteht allerdings noch der Bedarf, diese Qualitätsvorgaben auch vertraglich mit den Lieferanten festzuhalten.

Oekolandbau.de: Wer sind die Zielgruppen?

Günther-Bender: Bei den relevanten Zielgruppen unterscheiden wir im Grunde zwei Gruppen: Zum einen das Hobby Farming, also private Kundinnen und Kunden, die etwa 10 bis 100 Eier bestellen und die Tiere zur Selbstversorgung im eigenen Garten halten. Zum anderen sind es professionelle landwirtschaftliche Strukturen, also landwirtschaftliche Betriebe, Brütereien und Aufzuchtbetriebe. Diese Zielgruppen und auch Nachfragespitzen wurden im Projekt entsprechend betrachtet.

Oekolandbau.de: Wo besteht nach Projektende weiterer Forschungs- und Entwicklungsbedarf bei der Züchtung und Haltung von Zweinutzungshühnern?

Günther-Bender: Für die weitere Entwicklung ist vor allem eine kontinuierliche Förderung der Basiszucht erforderlich. Ohne die Basiszucht kann kein Produkt erzeugt werden, das anschließend vermarktet werden kann: Sie ist die Grundlage für die Elterntierhaltung, und die Elterntierhaltung wiederum erzeugt die Bruteier. Gleichzeitig besteht das Ziel, über eine stetige Selektion in der Basiszucht die Tiere weiter zu verbessern, beispielsweise hinsichtlich ihrer Anfälligkeit für Würmer, Parasiten und andere klassische Krankheiten, insbesondere im Jungtierstadium wie Kokzidien. Das ist allerdings ein sehr aufwändiger und langfristiger Prozess.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Entwicklung ressourcenschonender und regionaler Fütterungsstrategien. Landwirtinnen und Landwirte, die konsequent heimisches und regionales Futter einsetzen und vor allem Reststoffe aus Stoffnebenströmen nutzen, beispielsweise Kartoffeln, Hafer, PAP, Lebensmittelreste oder Insekten, die aus Reststoffen aufgezogen wurden, sollten dafür auch entsprechend honoriert werden. Dafür müssen insbesondere die rechtlichen Rahmenbedingungen im Futtermittelrecht so gestaltet werden, dass es überhaupt möglich ist, legal das zu verfüttern, was in der Region wächst oder ansonsten weggeworfen wird, anstatt Futtermittel aus Übersee einzusetzen.

Gerade für solche Fütterungsstrategien sind Zweinutzungshühner sehr gut geeignet. Da sie weniger Eier legen und langsamer wachsen, kommen sie auch mit schwankenden Futterqualitäten gut zurecht.

Oekolandbau.de: Wie kann der besondere Mehrwert von Zweinutzungshühnern künftig besser vermarktet und für die landwirtschaftlichen Betriebe wirtschaftlich nutzbar gemacht werden?

Günther-Bender: Die Produkte von Zweinutzungshühnern sind zwar geschmacklich besser, aber dieser Vorteil wird bislang nicht durch höhere Preise honoriert. Gleichzeitig legen die Tiere etwa 30 bis 50 Eier weniger und wachsen langsamer als herkömmliches Geflügel. Auf der anderen Seite gibt es deutlich weniger Probleme mit “berufsbedingten” Krankheiten, beispielsweise kaputten Gelenken bei Masthähnchen oder sehr empfindlichen Reaktionen auf weniger gutes Futter bei Legehennen. Auch diese Vorteile werden den Landwirten bislang nicht entsprechend bezahlt.

Der Mehrwert muss deshalb stärker vermittelt und auch wirtschaftlich honoriert werden. Der Geschmack der Produkte ist besser, das Tierwohl ist besser und auch kleinbäuerliche und handwerkliche Strukturen werden unterstützt. Eine Tierhaltung ist aus unserer Sicht besonders sinnvoll, wenn sie möglichst wenig Ressourcen verschwendet, die auch der Mensch direkt essen könnte.

Ein wichtiger Schritt wäre deshalb ein Projekt zur Entwicklung der Wertschöpfungskette für Fleisch aus handwerklicher Verarbeitung und zum Wiederaufbau kleiner Geflügelschlachthöfe. Gleichzeitig sollten Mensen und Kantinen gezielt gefördert werden, die Fleisch von Zweinutzungstieren aus solchen Strukturen einsetzen. Ein Beispiel ist die Mensa von HDI bei Hannover, die seit Jahren Zweinutzungsfleisch einkauft. Das müsste aus unserer Sicht überall so sein. Dadurch würde ein verlässlicher Absatzmarkt entstehen und den Landwirten ermöglicht, Zweinutzungstiere zu halten.Ein weiteres Beispiel ist REWE in Süddeutschland mit der Bürger Maultasche mit Geflügel. Solche Vermarktungswege zeigen, wie die Produkte in bestehende Strukturen integriert werden können.

Oekolandbau.de: Welche Botschaft oder Empfehlung möchten Sie anderen Akteurinnen und Akteuren mitgeben, die vergleichbare regionale Wertschöpfungsketten im Bereich der ökologischen Tierzucht aufbauen möchten?

Günther-Bender: Fundierte Branchenkenntnisse sind von Beginn an ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die Laufzeit von drei Jahren ist vergleichsweise kurz. Wenn ein großer Teil dieser Zeit für die Einarbeitung benötigt wird, bleibt nur wenig Spielraum für die Umsetzung. Daher ist eine geeignete personelle Besetzung von Anfang an von entscheidender Bedeutung.

Oekolandbau.de: Wenn Sie in drei Jahren auf das Projekt WertesBrutei zurückblicken – woran würden Sie erkennen, dass das Projekt nachhaltig erfolgreich war?

Günther-Bender: Ein nachhaltiger Erfolg wäre für uns daran zu erkennen, dass sich die Plattform dauerhaft etabliert hat und eine zuverlässige Verfügbarkeit von Bruteiern in Profi-Qualität besteht – sowohl für landwirtschaftliche Betriebe als auch für das Hobby Farming.

Gleichzeitig sollte die Plattform ein zuverlässiger Partner für die internationale Belieferung sein und für eine schnelle und professionelle Abwicklung stehen. Unser Ziel ist es, den Absatz über die Plattform in den kommenden Jahren kontinuierlich um 25.000 bis 50.000 Bruteier und Küken pro Jahr zu steigern.

Wenn das gelingt und wir dauerhaft verlässliche Strukturen für die nationale und internationale Vermarktung aufgebaut haben, wäre das für uns ein klares Zeichen für den nachhaltigen Erfolg des Projekts.

Im Rahmen der Richtlinie zur Förderung von Bio-Wertschöpfungsketten (RIWERT) fördert das Bundesprogramm Ökologischer Landbau den Aufbau und die Weiterentwicklung von tragfähigen Wertschöpfungskettenpartnerschaften für heimische Bio-Produkte.

Mehr Informationen über die Förderrichtlinie


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Letzte Aktualisierung 09.09.2026

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