Die Erwartungen an Insekten als neue Eiweißquelle für die Tierfütterung sind groß. Auf EU-Ebene werden derzeit Regeln für eine ökologische Insektenzucht diskutiert. Damit rückt der Einsatz von Insekten als Futtermittel in greifbare Nähe – doch bis zu seiner Umsetzung bleiben noch einige Fragen zu klären.
Die Eiweißversorgung zählt nach wie vor zu den großen Herausforderungen der ökologischen Nutztierhaltung – insbesondere bei Schweinen und Geflügel. Die Ausnahmeregelung, nach der Ferkel und Junggeflügel konventionelle Eiweißträger erhalten dürfen, läuft Ende 2026 aus. Geeignete Eiweißquellen aus ökologischem und regionalem Anbau sind jedoch nach wie vor knapp. Folglich richtet sich das Augenmerk verstärkt auf alternative Proteinquellen.
Welche Insekten dürfen in Futtermitteln verwendet werden?
Per Gesetz sind in der EU bislang die folgenden Insektenarten zugelassen: die Schwarze Soldatenfliege, die Stubenfliege, der Mehlkäfer, der Getreideschimmelkäfer, verschiedene Grillenarten wie Heimchen, Kurzflügel- und Steppengrille sowie der Seidenspinner.
Diese Arten zeichnen sich durch kurze Mastzeiten, hohen Reproduktionsraten und eine ausgeprägte Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheitserregern aus. Bei Käfern und Fliegen werden meist die Larven genutzt, während bei den Grillen die ausgewachsenen Tiere zum Einsatz kommen.
Insekten im Ökolandbau: Noch keine Zulassung
Nach EU-Öko-Verordnung dürfen Nutztiere im Ökolandbau grundsätzlich nur mit ökologisch erzeugten Futtermitteln gefüttert werden. Da Insekten aber keine anerkannte Tierkategorie im Sinne der Verordnung sind, fehlen verbindliche Regelungen zu Haltungsbedingungen, Fütterung, Substraten und Verarbeitung – und damit auch die Grundlage für eine ökologische Zertifizierung.
Eine Möglichkeit, konventionelle Insekten zu verfüttern, besteht im Rahmen der bis 2026 geltenden Ausnahmeregelungen für Ferkel und Junggeflügel. Denn die Herkunft der zulässigen konventionellen Eiweißfuttermittel für diese Tiergruppen ist nicht näher spezifiziert. Solange die Insekten bzw. deren Eiweiß also futtermittelrechtlich zugelassen sind und die Bedingung "ohne chemische Lösungsmittel produziert oder aufbereitet" eingehalten wird, bestehen derzeit keine Beschränkungen für deren Verfütterung.
Auf dem Weg zur Öko-Zulassung
Inzwischen rückt aber auch eine ökologische Regulierung der Insektenzucht in greifbare Nähe. Die EU-Kommission stimmt derzeit mit den Mitgliedstaaten mögliche Regelungen für die ökologische Insektenzucht ab. Eine Empfehlung des EU-Expertengremiums EGTOP (Expert Group for Technical Advice on Organic Production) von April 2025 schlägt vor, Insekten als neue Tierkategorie in die EU-Öko-Verordnung aufzunehmen. Vorgesehen ist, spezifische Erzeugungsregeln für Insekten zu schaffen – ähnlich wie sie heute bereits für Bienen, Fische oder Geflügel gelten.
Naturland hat bereits Richtlinien
Während auf EU-Ebene noch über eine Aufnahme der Insektenzucht in die Öko-Verordnung diskutiert wird, ist Naturland schon weiter. Er hat als erster deutscher Anbauverband schon 2019 seine eigenen Richtlinien für die ökologische Insektenzucht verabschiedet. Ohne entsprechende Produktionsvorschriften auf EU-Ebene nutzt das aber wenig. Denn als "öko" oder "bio" gilt in der EU ausschließlich das, was in der EU-Öko-Verordnung als solches definiert und in verbindlichen Produktionsstandards konkret geregelt ist. Und genau diese Regelungen fehlen bislang.
Grenzen und Herausforderungen der Insektenzucht
Nicht alle sehen in der Insektenzucht den erhofften Alleskönner: Forschende mahnen, dass Anspruch und Wirklichkeit bislang auseinanderliegen. Die Wissenschaftler Tom Bry-Chevalier von der Universität Lorraine und Corentin Biteau, Mitgründer und Direktor des Französischen Observatoriums für Insektenzucht (ONEI), analysieren in ihrem Beitrag für das Fachjournal Welternährung der Welthungerhilfe die ökonomischen und ökologischen Grenzen der Insektenzucht. Sie zeigen auf, dass die Insektenproduktion nach derzeitigem Stand weit hinter ihren eigenen Nachhaltigkeitsansprüchen zurückbleibt.
Nach Einschätzung der beiden Autoren werden in der Praxis nur in geringem Umfang tatsächliche Lebensmittelabfälle als Substrat eingesetzt. Stattdessen beruht die Fütterung überwiegend auf landwirtschaftlichen Nebenprodukten wie Weizenkleie, Maisnebenerzeugnissen oder Biertrebern – Stoffen, die bereits anderweitig in der Tierfütterung Verwendung finden und somit keinen zusätzlichen Beitrag zu einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft leisten. Diese Einschränkung sei im Wesentlichen auf geltende rechtliche Vorgaben zurückzuführen: In der EU wie auch in den USA ist der Einsatz von Lebensmittelabfällen oder tierischen Nebenprodukten als Substrat weitgehend untersagt, wodurch – so Bry-Chevalier und Biteau – rund 70 Prozent des theoretisch nutzbaren Reststoffpotenzials verloren gehen.
Darüber hinaus verweisen sie auf den zunehmenden wirtschaftlichen Wettbewerb um organische Reststoffe, da viele dieser Materialien bereits durch bestehende Industriezweige beansprucht werden – etwa durch Biogasanlagen, Kompostierungsbetriebe oder die direkte Verfütterung in der Nutztierhaltung. Versuche, Insekten mit echten Lebensmittelabfällen oder Mischungen aus solchen Reststoffen zu füttern, führten zudem zu geringeren Wachstumsraten und höheren Verlusten, was die Effizienz und Wirtschaftlichkeit der Produktion zusätzlich begrenze.
Auch unter ökonomischen Gesichtspunkten bewerten Bry-Chevalier und Biteau die Insektenzucht derzeit als kaum wettbewerbsfähig: Die Produktionskosten lägen deutlich über denen etablierter Futtermittel, und selbst erhebliche Skaleneffekte dürften nach ihrer Einschätzung nicht ausreichen, um diese Kostendifferenz zu kompensieren. Entsprechend hätten sich einige der führenden Unternehmen bereits teilweise aus dem Futtermittelsektor zurückgezogen.
Insgesamt kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Insektenzucht trotz ihres zweifellos bestehenden Potenzials derzeit noch erhebliche technologische, regulatorische und ökonomische Hürden überwinden müsse, um als nachhaltige und kosteneffiziente Alternative in der Futtermittelproduktion gelten zu können.