Brunnenhof Bio-Geflügel: Austausch zur Perspektive auf Landwirtschaft in der heutigen Zeit
74653 Künzelsau-Mäusdorf

Virtuelle Weidezäune gelten als zukunftsweisende Lösung für ein flexibles, zeitsparendes und kosteneffizientes Weidemanagement. Statt physischer Barrieren definieren digitale Systeme die Weidegrenzen. In Deutschland ist der Einsatz dieser Technik bislang nicht erlaubt, in anderen europäischen Ländern wird sie allerdings schon erfolgreich eingesetzt.
Die Grundlage sogenannter Virtual fencing-Systeme bildet ein GPS-fähiges Halsband, das jedes Tier um den Hals trägt. Über eine App oder Webanwendung legen Halterinnen und Halter auf einer Karte die virtuellen Weidegrenzen fest. Nähert sich ein Tier dieser definierten Linie, ertönt zunächst ein akustisches Warnsignal, das in Lautstärke und/oder Frequenz zunimmt, je näher das Tier der virtuellen Zaunlinie kommt. Für die Tiere ist dieses anschwellende Tonsignal ein klarer Hinweis auf eine Grenze, vergleichbar mit dem Anblick eines physischen Zauns.
Ignoriert das Tier die akustische Warnung und überschreitet die unsichtbare Grenze, gibt das Halsband einen kurzen elektrischen Impuls ab. Dieser Impuls ist so konzipiert, dass er abschreckend, aber harmlos ist. Zum Vergleich: Die Impulsstärke der Geräte ist um das 20 bis 25-fache schwächer als bei üblichen Elektro-Weidezäunen. Zudem trifft der Reiz den Hals des Tiers (via Halsband) und nicht empfindlichere Körperstellen wie die Nase.
Das System setzt also auf das Lernverhalten der Tiere. Die Tier verknüpfen den Ton mit dem bevorstehenden unangenehmen Reiz und kehren um, noch bevor der Stromreiz ausgelöst wird. Studien belegen, dass sich die Tiere binnen weniger Tage an das System gewöhnen. Das zeigte sich daran, dass die elektrischen Impulse ab- und die akustischen Signale zunahmen.
Überschreitet ein Tier trotz aller Warnsignale und Stromreize die virtuelle Grenze, deaktiviert das System automatisch weitere Impulse, um zu verhindern, dass das Tier dauerhaft den Stromreizen ausgesetzt ist. Außerdem werden die Halterinnen oder Halter informiert. Über die App bekommen sie die genaue Position des Tiers live angezeigt und können entsprechende Maßnahmen in die Wege leiten.
Virtuelle Zaunsysteme benötigen eine zuverlässige Datenverbindung. Die Datenübertragung auf die App erfolgt meist über das Mobilfunknetz. Alternativ bieten manche Anbieter eine Verbindung über lokal aufgestellte Funkstationen, die auf dem Betrieb installiert werden. Diese Option eignet sich besonders für entlegene Gebiete mit unzuverlässigem Handynetz, da sie nur punktuell Internet benötigt.
Um eine stabile Energieversorgung zu gewährleisten, sind die meisten Halsbandsysteme mit langlebigen Akkus ausgestattet und werden oft noch durch Solarzellen am Halsband unterstützt, um die Laufzeit zu verlängern. Die Systeme enthalten zudem Warnsysteme, die frühzeitig darüber informieren, wenn die Akkuleistung der Geräte zur Neige geht.
Virtuelle Zäune eignen sich besonders gut für Weidesysteme, bei denen Weidezäune häufig umgesetzt werden müssen – etwa bei der Portionsweide oder beim Mob Grazing. Hier kann der tägliche Aufwand für das Setzen und Versetzen von Zäunen erheblich reduziert werden. Statt mit Litzen und Pfählen wird die neue Weideparzelle einfach und schnell per App eingerichtet.
Auch in entlegenen oder topographisch schwierigen Regionen kann virtuelles Zäunen Vorteile bringen. So ist zum Beispiel das Setzen und Kontrollieren physischer Zäune auf Almen, in Hanglagen, auf Feuchtwiesen oder Waldweiden besonders arbeitsintensiv und zum Teil unpraktikabel.
Ein weiterer Vorteil: Sensible Bereiche wie Vogelbrutplätze, Wildpflanzenbestände oder junge Bäume (zum Beispiel in Agroforstsystemen) lassen sich gezielt auszäunen. Auch erosionsgefährdete oder überweidete Flächen können zeitweise ausgespart werden – zum Schutz von Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit.
Aktuell richten sich viele Systeme primär an Milchvieh- und Mutterkuhbetriebe. Doch auch Ziegen und Schafe lassen sich virtuell hüten: So hat das norwegische Unternehmen Nofence seine ersten Systeme speziell für Ziegen entwickelt. Kleinere Halsbänder sorgen hier für angepassten Tragekomfort bei gleichem Funktionsprinzip.
Heutige Systeme bieten oft noch mehr als "nur" die digitale Weidezäunung. Sie ermöglichen zum Teil GPS-Tracking und erfassen Bewegungsmuster sowie Vitaldaten der Tiere. So lassen sich zum Beispiel auffälliges Verhalten oder auch Hinweise auf die Brunst erkennen.
Erste Systeme erlauben sogar ein digitales "Treiben". In einem niederländischen Pilotprojekt konnte ein Landwirt seine Kühe allein mit Vibrationssignalen zu bestimmten Weideparzellen lotsen oder in den Stall zum Melkroboter dirigieren. Die Tiere müssen dafür entsprechend trainiert werden.
Laut §3 Nr. 11 des deutschen Tierschutzgesetzes ist der Einsatz von Stromreizen zur Verhaltenssteuerung verboten, wenn dadurch Schmerzen, Leiden oder Schäden entstehen können. Auch wenn Studien keine langfristigen negativen Auswirkungen zeigen, fällt die Technik derzeit unter dieses Verbot. Ein rechtssicherer Einsatz in Deutschland wäre also nur über eine Gesetzesanpassung oder ausdrückliche Ausnahmegenehmigung möglich.
In anderen Ländern Europas ist der Einsatz hingegen bereits erlaubt. Norwegen,Irland und die Niederlande setzen die Technik bereits in der Praxis ein. Schweden hat angekündigt, virtuelle Zäune ab 2026 unter bestimmten Auflagen zuzulassen. Auch in Australien, Neuseeland und den USA ist die Technik bereits in der Praxis angekommen.
Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Tiere die Technik nach kurzer Eingewöhnung gut akzeptieren und es zu keinerlei Einschränkungen in Sachen Tierschutz kommt. In einer dreijährigen Studie der Schweizer Forschungsanstalt Agroscope zeigten die Kühe keine Hinweise auf chronischen Stress oder Leistungseinbußen. Auch im deutschen Projekt GreenGrass der Universität Göttingen wurden keine negativen Auswirkungen auf Verhalten, Aktivität oder Tiergesundheit festgestellt.
Mehrere Studien belegen zudem, dass die Tiere sich zuverlässig innerhalb der virtuellen Grenzen halten. Dennoch wird empfohlen, an sensiblen Stellen, zum Beispiel in Straßennähe, zusätzlich physische Zäune einzusetzen.
Virtuelle Weidezäune können das Management auf Weidebetrieben erheblich erleichtern und dynamisieren. Gerade für ökologisch Höfe, die regelmäßigen Weidegang sicherstellen müssen, bietet die Technik interessante Möglichkeiten: flexiblere Parzellierung, Reduktion des Arbeitsaufwands und Schonung sensibler Flächen.
Voraussetzung für eine breite Anwendung ist eine rechtliche Klärung. Internationale Erfahrungen zeigen, dass eine tiergerechte und sichere Nutzung möglich ist. Für Deutschland wäre ein gesetzlich klar geregelter Rahmen ein erster Schritt, um das Potenzial dieser Technologie nutzbar zu machen. Bis dahin bleibt interessierten Betrieben, sich durch Studienergebnisse und Austausch mit Pionieren im Ausland auf dem Laufenden zu halten.
Autor: Jörg Planer
Letzte Aktualisierung 15.08.2025