Tiny Forest: Mini-Wälder nach der Miyawaki-Methode für mehr Biodiversität

Tiny Forests sind im Trend. Die winzigen Wälder schaffen neue Lebensräume für heimische Tiere und Pflanzen, binden Kohlendioxid, kühlen in ihrer Nachbarschaft. Eine Wunderwaffe gegen den Klimawandel sind sie nicht, aber ein wunderbares Betätigungsfeld für Bürgerinnen und Bürger sowie Initiativen und Unternehmen für mehr Grün vor ihrer Haustür: Pflanzen fürs Klima sowie Flora und Fauna macht glücklich.

Das Wichtigste in Kürze zu Tiny Forests:

  • Tiny Forests sind kleine, dichte Stadtwälder nach der Miyawaki-Methode, die auf Flächen ab 150 Quadratmetern angelegt werden und schnell artenreiche Lebensräume schaffen.
  • Vorteile: Förderung der Biodiversität, Verbesserung des Mikroklimas, CO2-Bindung, soziale Wirkung durch gemeinschaftliches Pflanzen und Bildung.
  • Miyawaki-Methode: Dichte Pflanzung (3-4 Pflanzen pro Quadratmeter), mindestens 25 heimische Arten, Bodenverbesserung vorab, schnelle Entwicklung zu einem Wald.
  • Geeignete Baumarten: vor allem heimische Laubbäume wie Buche, Eiche, Linde, Ahorn, aber auch regionale Nadelbäume wie Kiefer.
  • Kosten: circa 100 Euro pro Quadratmeter (inklusive Bodenaustausch, Pflanzen, Pflanzaktion); günstiger, wenn Boden nur gelockert wird.
  • Kritik: Kein Ersatz für artenreiche Wiesen, sondern für versiegelte Flächen in  Städten; CO2-Bindung begrenzt, aber hoher ökologischer und sozialer Wert. 
  • Beispiele: Zahlreiche Projekte in Deutschland, zum Beispiel in Darmstadt, Oldenburg, Berlin und  Stuttgart, oft mit Schulen und Unternehmen als Partner. 

Was ist ein Tiny Forest oder Miyawaki Wald?

Ein Tiny Forest – deutsch Miniwald oder Kleinstwald – ist ein dichter, mehrschichtiger Stadtwald auf kleinem Raum – inspiriert von natürlichen Ökosystemen. Von Menschenhand gepflanzt, entwickelt sich in kurzer Zeit ein artenreicher Lebensraum für Insekten, Vögel und Bodenlebewesen. Die niederländische Organisation IVN hat das Prinzip zur Marke gemacht. Nur wer bestimmte technische und soziale Kriterie(PDF-Dokument) erfüllt, darf seinen Wald Tiny Forest® nennen.

Aber auch ohne Markenschutz hat sich der Name Tiny Forest in der Praxis durchgesetzt. Die Idee für diese winzigen Wälder wurzelt in Japan. Dort hat der Botaniker Prof. Dr. Akira Miyawaki in den 1970er-Jahren eine Pflanzmethode entwickelt, um Flächen mit stark degradierten Böden mit standortgerechten, heimischen Pflanzenarten wieder aufzuforsten. Nach ihrem Erfinder heißen Tiny Forest auch Miyawaki-Wälder.

Was ist die Miyawaki-Methode und warum wird sie für Tiny Forests eingesetzt?

Bei der Miyawaki-Methode werden auf kleinen Flächen ab 150 Quadratmetern vielfältige, standortgerechte Junggehölze dicht nebeneinander angepflanzt. Auf einem Quadratmeter stehen drei bis vier Pflanzen. Die Dichte ahmt die Naturverjüngung im Wald nach. Wenn die Jungbäume auf engem Raum miteinander konkurrieren, wachsen sie schnell in die Höhe, um genug Licht abzubekommen. In der Regel entsteht nach drei Jahren ein sich selbst pflegender Wald.

Damit alles gut wächst, wird der Boden vor der Pflanzung bis zu einer Tiefe von einem Meter komplett ausgetauscht und das Pflanzloch mit Mutterboden und Stroh wieder aufgefüllt. Soweit die reine Lehre. Manchmal reicht es jedoch, den Boden nur zu fräsen und zu lockern sowie mit Kompost zu verbessern. 

Wenn wir dann noch Pflanzenkohle einbringen, entsteht ein fruchtbarer, humusreicher Boden, 

so Caspar Möller, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Miya Forest e.V.. In Städten sind solche gesunden Böden die Ausnahme.

Grundprinzipien der Miyawaki-Methode

  • Hohe Pflanzdichte
  • Heimische und standortgerechte Arten
  • Bodenaustausch oder -verbesserung vor der Pflanzung
  • Mindestens 25 verschiedene einheimische und standorttypische Arten

Welche Vorteile bietet ein Miyawaki Forest?

Den größten Gewinn für Mensch und Natur bringen Tiny Forests, wenn sie ein Stück Ödnis in der Stadt (zugebaute, vermüllte Fläche oder verdichteter Boden) wiederbeleben und in ein Biotop verwandeln. Einmal gepflanzt, erreicht ein Tiny Forest schon nach wenigen Jahren gute ökologische und klimatische Effekte, wie eine Untersuchung des Miya Forest e.V. (PDF-Dokument) ergeben hat.

Hier einige beispielhafte Ergebnisse:

  • Reiche Insektenwelt: je nach Fläche wurden zwischen gut 100 und knapp 400 Individuen mit bis zu über 70 Arten nachgewiesen. Die höchste Biodiversität erreichen Standorte mit benachbarten Wiesen, Weiden, Hecken oder anderen Gehölzen.
  • Hohe mikrobielle Diversität im Boden: Nachweis von ca. 8.300 bakteriellen und 2.400 pilzlichen Einheiten, signifikante Unterschiede im Vergleich zu Referenzflächen
  • Kühlende Effekte: Lufttemperatur in Tiny Forests lag etwa 0,5 Grad unter der Umgebung.
  • Starke soziale Wirkung: mehr Naturverbundenheit durch Bildungs- und Beteiligungsformate

Wie entwickelt sich ein Tiny Forest?

Genau wie im Wald entfaltet sich im Tiny Forest eine natürliche Dynamik. Einzelne Gehölzarten, Kräuter und Gräser verschwinden im Laufe der Jahre und damit auch viele Insekten des Offenlandes. Dafür siedeln sich dann mehr Baumbewohner an. 

Natur ist kein Produkt, sondern ein Prozess. In hundert Jahren stehen dann vielleicht nur noch ein oder zwei große Bäume auf der Fläche, 

erklärt Caspar Möller. Die spenden dann Schatten, beherbergen Insekten und Vögel und binden Kohlendioxid.

Tiny Forests in Deutschland – von der Idee zur Bewegung

Der erste deutsche Tiny Forest keimte im Herbst 2020 im Rahmen einer Masterarbeit der Hochschule Eberswalde im brandenburgischen Zichow. Das Pilotprojekt stieß auf eine große Resonanz und so gründete sich MIYA Forest e.V. als Fachverband zur Förderung der Miyawaki Methode. Seitdem hat der Verein diverse Kommunen, Schulen und Bürgerinitiativen unterstützt, neue Tiny Forests anzulegen: Bereits 2021 hat MIYA mitten in Darmstadt gemeinsam mit sechzig Schülerinnen und Schülern auf einer zweihundert Quadratmeter großen Fläche 630 jungen Bäumen und Sträuchern ein neues Zuhause gegeben. 2025 sind acht neue Wälder mit 8000 Bäumen entstanden. Inzwischen schießen die Initiativen wie Pilze aus dem Boden.

Die Berliner Sozialgenossenschaft Karuna plant in Berlin, gleich zwanzig Miniwälder anzulegen. Die Uni Oldenburg hat 2024 eine Pflanzaktion durchgeführt. Auf der Wiese nahe der Aula wurden auf 180 Quadratmeter rund 450 Setzlinge gepflanzt.

Die Anlage eines Tiny Forest ist gut machbar. Ich rate für den Zaun, handwerklich begeisterte Menschen mit ins Boot zu holen, die parallel zum Setzen der Pflanzen mit dem Zaunbau beginnen können,

Anna Sarah Krämer von der Universität Oldenburg.

Tiny Forest anlegen - die wichtigsten Schritte

  1. Die Fläche kann grundsätzlich jede Form und Ausrichtung haben, sollte jedoch nicht schmaler als vier Meter sein, der Standort sollte öffentlich gut und sicher erreichbar sein, ein Wasseranschluss in der Nähe ist zwingend erforderlich, da in den ersten drei Jahren das Gießen verpflichtend ist, der Standort sollte außerdem gut sichtbar sein, damit möglichst viele Menschen auf das Projekt aufmerksam werden.
  2. Boden untersuchen: Ist er frei von Schadstoffen, sind ausreichend Nährstoffe und Humus vorhanden? Kann er gegebenenfalls bis zu einer Tiefe von einem Meter ausgehoben werden?
  3. Boden verbessern: je nach Bodenbeschaffenheit Boden komplett erneuern oder nur lockern und mit Stroh, Kompost und Co. verbessern
  4. Pflanzplan aufstellen: Pflanzliste mit vielfältigen und standortgerechten Arten erstellen
  5. Pflanzlöcher ausheben, drei Setzlinge (Jungbäume oder junge Sträucher) auf einem Quadratmeter anpflanzen und gut angießen
  6. Pflegen: drei Jahre lang mähen, gießen, beobachten und eventuell Gräser und Kräuter entfernen

FAQ zum Tiny Forest anlegen

Welche Baumarten eignen sich für den Miniwald?

Die Wahl der Baumarten orientiert sich an den natürlichen Waldgesellschaften in der jeweiligen Region. Welche Bäume und Sträucher wachsen hier üblicherweise? Die natürliche Baumart Nummer 1 in Deutschland ist die Buche. Weitere typische Gehölze sind: Stieleiche, Traubeneiche, Roterle, Hainbuche, Baumhasel, Gewöhnliche Eberesche, Winterlinde, Birke, Spitzahorn, Faulbaum, Waldhasel, Salweide und Besenginster. Fast alles Laubbäume, aber regional machen auch Nadelbäume Sinn. Zum Beispiel gehören Kiefern in Brandenburg zur potenziell natürlichen Vegetation.

Dagegen gehört unsere häufigste Baumart – die Fichte – nicht in einen städtischen Tiny Forest. Fichten stammen aus höheren Lagen und sind in Mittelgebirgen heimisch. Mit dem Klimawandel wandern hier auch neue Baumarten ein. Beim Tiny Forest gilt genau wie im Wald: klimaangepasste Bäume setzen sich durch.

Sind Tiny Forests immer sinnvoll?

Tiny Forests eignen sich vor allem für Städte und Siedlungsräume. Sie schaffen ein besseres Mikroklima und setzen ein lebendiges Zeichen für mehr Grün in der Stadt. Aber es gibt auch Kritik am Konzept. Beispielsweise wendet der Naturgartenverein ein, dass sich durch die dichte Bepflanzung die Menschen nicht in einem Tiny Forest aufhalten können. Außerdem sei die CO2-Bindung gering, da die meisten Bäume im Tiny Forest nach und nach absterben und der Tiny Forest im heiß umkämpften Siedlungsraum vermutlich wieder verschwinde. Überdies hätten offene Landschaften wie Wiesen eine höhere Artenvielfalt.

Allerdings entstehen die Miniwälder nicht anstelle von artenreichen Wiesen, sondern in städtischen Asphaltwüsten.

Tiny Forests stehen nicht in Konkurrenz zu anderen Grünflächen, sondern zu Parkplätzen und anderen bebauten Flächen. Im Gegenteil: Wenn es der Platz hergibt, legen wir auch Säume mit Gras und Kräutern um den Wald herum an,

betont Caspar Möller.

Wie kann ich einen Tiny Forest im Garten anlegen oder mitmachen?

Wer einen Garten besitzt, kann natürlich in seinem Garten einen Tiny Forest nach der Miyawaki-Methode anlegen. Gut für die Natur, nur das gemeinschaftliche Pflanzen fehlt. Mehr im Sinne der Idee wäre es, seine Fläche einer lokalen Initiative zur Verfügung zu stellen oder selbst ein Gemeinschaftsprojekt zu initiieren.

Die Initiative Citizens Forests hilft Unternehmen, Schulen und Kommunen dabei, neue Projekte zu starten und durchzuführen. “Wir wollen ein deutschlandweites Netzwerk von lokalen Aufforstungsprojekten etablieren”, heißt es auf der Homepage. Dazu beraten sie kostenlos und fördern auch finanziell. Die Initiative sucht immer wieder geeignete Grundstücke für neue Projekte und Freiwillige für Pflanzaktionen. Auch Fördermitgliedschaften und Spenden sind mehr als willkommen.

Mittlerweile gibt es in ganz Deutschland Aktionen zur Aufforstung. Einen guten Überblick bietet die Homepage vom Verein “Baumpflanzende Gesellschaft”.

Jeder neu gepflanzte Baum zählt

Die Waiblinger Tiny Group verwandelt im Südwesten ungenutzte Flächen in lebendige Waldökosysteme. Geschäftsführer Frank Geggus erklärt, wie und warum er das macht. 

Oekolandbau.de: Was macht die Tiny Group?

Frank Geggus: Wir sind ein Rentner Start-Up. Mein Kollege und ich wollen nach unseren Berufsleben noch mal was bewegen und möglichst viele Tiny Forests in Baden-Württemberg anlegen. Gerade planen wir in Stuttgart hinter der Agentur für Arbeit einen fünfhundert Quadratmeter großen Tiny Forest. Die Fläche stellt die Stadt, das Geld kommt von der Firma Stihl und wir kümmern uns um die Durchführung mit einer benachbarten Grundschule. Solche Kooperationen sind ideal.

Oekolandbau.de: Wie aufwändig ist es, Tiny Forests anzulegen?

Frank Geggus: Das Pflanzen ist das wenigste. Entscheidend ist die Aufbereitung des Bodens. Wenn die Fläche in einem Neubaugebiet liegt, ein ehemaliger Acker war, geht das schnell und leicht. 

Aber mitten in der Stadt müssen wir zunächst den Platz entsiegeln. Das ist sehr aufwändig, da im Untergrund viele Bauruinen aus dem zweiten Weltkrieg oder sogar Kampfmittel liegen könnten. 

Dafür brauchen wir schweres Gerät, spezielle Genehmigungen und Fachfirmen. Erst dann können wir den Boden verbessern. Dafür upcyceln wir unter anderem den alten Stadionrasen vom VFB Stuttgart zu Terra Preta, einem hochwertigen Substrat.

Oekolandbau.de: Ist so ein kleiner Tiny Forest denn den großen Aufwand wert?

Frank Geggus: Auf jeden Fall. Jeder gepflanzte Baum ist ein Schritt in Richtung Klimaneutralität. 

Ab 200 Quadratmeter hat ein Tiny Forest einen kühlenden Effekt auf die Umgebung. Das messen wir und lassen es wissenschaftlich begleiten. Außerdem macht es einen großen Unterschied, ob ich auf einen grauen, zubetonierten Platz schaue oder zusehe, wie ein Wald entsteht. 

Da wir immer mit Schulen pflanzen, haben wir auch langfristige Effekte. Die Schülerinnen und Schüler lernen, dass sie selbst etwas tun können. Und viele Unternehmen wollen nicht mehr für Wälder im Amazonas spenden, sondern sich vor Ort engagieren.


Letzte Aktualisierung 17.08.2026

Autorin: Jutta Schneider-Rapp

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