Interview: Kommunale Nachhaltigkeitsstrategie

"Dieses Nachhaltigkeitsverständnis geht über die Stadtgrenzen hinaus"

Reiner Lennemann, Leiter des Amts für Umweltschutz und Energiefragen der Stadt Erlangen, spricht über die Rolle von Bio-Lebensmitteln im Rahmen einer kommunalen Nachhaltigkeitsstrategie, die Mitgliedschaft im Bio-Städtenetzwerk und die globalen Nachhaltigkeitsziele der UN.

BioBitte: Herr Lennemann, wieso ist die Stadt Erlangen 2018 dem Bio-Städte-Netzwerk beigetreten?

Reiner Lennemann: Die Themen Ökolandbau und Bio-Lebensmittel stehen in Erlangen schon viel länger auf der politischen Agenda. Und wir sind noch lange nicht da angekommen, wo wir hinwollen. Aber wir wollen von anderen Städten lernen, in einen Erfahrungsaustausch treten und uns besser vernetzen. Deshalb sind wir dabei.

BioBitte: Wo wollen Sie denn hin? Welche Ziele haben Sie sich als Bio-Stadt gesetzt?

Lennemann: In dem Beschluss aus dem Jahr 2017 haben wir uns vier Ziele gesetzt: Erstens will die Stadt den Bio-Anteil von Lebensmitteln bei Erlanger Veranstaltungen und Märkten kontinuierlich erhöhen. Zweitens soll dies auch in Kitas, Schule und öffentlichen Einrichtungen passieren. Drittens soll die Bildungsarbeit zum Thema ökologische Landwirtschaft und Biolebensmittel verstärkt werden. Und viertens wollen wir die Kooperationen mit lokalen und regionalen Bio-Landwirtinnen und -Landwirten und -Betrieben verstärken.

BioBitte: Wo stehen Sie bei der Umsetzung?

Lennemann: Wir haben in letzter Zeit verstärkt für das Thema geworben und mehrere Veranstaltungen organisiert. Die Veranstaltenden unserer Wochenmärkte sind schon sehr viel offener und versuchen vermehrt Teilnehmende zu finden, die entweder teilweise oder vollständig ihr Angebot mit Bio-Lebensmitteln füllen. Derzeit haben wir zwei zertifizierte Bio-Händler, die komplett biologische Lebensmittel anbieten. Als Anreiz für weitere Händlerinnen und Händler, die biologisch anbauen, bieten wir eine Gebühren-Ermäßigung von 20 Prozent an.

In unseren Spiel- und Landstuben, einer Tageseinrichtung für Schulkinder, wird der Bio-Anteil von 20 Prozent gewährleistet. Es gibt zwar an manchen Schnittstellen noch keine verbindlichen Prozentzahlen, aber das ist eine Herausforderung, an der die Stadt weiterarbeiten muss.

BioBitte: Verfolgen Sie in Erlangen eine ganzheitliche Strategie, die sich an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen orientiert?

Lennemann: Eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie ist eine Herausforderung, da sich nicht immer alle Kriterien schnell erfüllen lassen. Wir versuchen es aber und sind auch sehr froh über den Erfolg der Erlanger Nachhaltigkeitstage, die bereits seit fünf Jahren stattfinden und von den Bürgerinnen und Bürgern mit viel Interesse angenommen werden. Durch die Nachhaltigkeitstage sind mehrere Verwaltungsbereiche wie zum Beispiel die städtische Fachstelle Nachhaltige Beschaffung mit Nichtregierungsorganisationen, die sich für nachhaltige Themen einsetzen, in einen sehr engen Austausch getreten.

BioBitte: Welchen Beitrag leistet der verstärkte Einsatz von Bio-Lebensmitteln hin zu mehr Nachhaltigkeit in der Kommune?

Lennemann: Der direkte Handlungsspielraum einer Kommune ist natürlich begrenzt. Auch bei der Produktion von Lebensmittel-Produkten, da sie im direkten Stadtgebiet nur sehr wenig hergestellt oder angebaut werden. Aber eine Stadt hat mit ihren Entscheidungen sehr wohl einen hohen indirekten Einfluss, auch wenn die Produzenten tatsächlich nicht im Stadtgebiet ansässig sind. Je mehr Städte sich zu einem bestimmten Qualitätsmerkmal bekennen, desto mehr können wir auch die Märkte beeinflussen. Dieses Nachhaltigkeitsverständnis geht über die Stadtgrenzen hinaus.

BioBitte: Wie schärfen Sie das Bewusstsein für dieses Nachhaltigkeitsverständnis bei den Bürgerinnen und Bürgern?

Lennemann: Nehmen wir als Beispiel unsere Rathauskantine. Hier werden täglich aus regionalen und biologischen Lebensmitteln unter anderem vegetarische und vegane Gerichte gekocht. Oft bestehen noch Vorurteile bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: Vegan, Vegetarisch, ökologisch, biologisch – das wird häufig in einen Topf geworfen und kritisch diskutiert. An bestimmten Thementagen versuchen wir gezielt, Bio- und vegetarische oder vegane Lebensmittel miteinander zu kombinieren, um zu zeigen: Das schmeckt und ist nicht teuer!

BioBitte: Arbeiten Politik und Verwaltung bei Ihnen gut zusammen, wenn es um Nachhaltigkeitsthemen geht?

Lennemann: Das hängt natürlich vom Thema ab. Manchmal fließen Themen aus der Stadtverwaltung in die Politik, manchmal andersrum. Es zeigt sich aber: das Thema Nachhaltigkeit ist ja überhaupt nicht neu, es hat nur in den letzten Jahren eine enorme Beschleunigung entwickelt und wird auch von den Bürgerinnen und Bürgern in steigendem Maße eingefordert. Dementsprechend müssen Politik und Verwaltung hier konstruktiv und zukunftsorientiert zusammenarbeiten.

BioBitte: Ein höherer Einsatz von Bio-Lebensmitteln ist eng verzahnt mit Maßnahmen zum Klimaschutz. Welche Maßnahmen ergreift die Stadt Erlangen?

Lennemann: Das Thema Klimaschutz wird die nächsten Jahre unser Schwerpunktthema sein und hängt eng zusammen mit der Produktion von Bio-Lebensmitteln, da die ökologische Landwirtschaft klimaschonend ist. Die Stadt Erlangen war 2019 die erste Stadt Bayerns, die den Klimanotstand ausgerufen hat. Gerade sind wir dabei, einen entsprechenden Maßnahmenplan zu entwickeln mit dem Ziel, dass Erlangen klimaneutral wird. Ein wichtiger Baustein ist dabei die Unterstützung ökologischer Landwirtschaft und der verstärkte Konsum von biologisch erzeugten Lebensmitteln.

BioBitte: An welchen Stellen wollen Sie das Bio-Thema noch anpacken?

Lennemann: Da stellt sich immer die Frage, in welchen Bereichen die Stadtverwaltung oder die Kommunalpolitik direkten Einfluss hat. In bestimmten Bereichen kann man nur informieren, motivieren und dafür werben. In anderen Bereichen haben wir als Einkäuferinnen und Einkäufer direkte Einflussmöglichkeiten.

Außerdem beobachten wir, dass Kinder eine enorme Multiplikatoren-Funktion in der Familie einnehmen. Das sieht man sehr gut an der Fridays-For-Future-Bewegung. Deshalb ist die Kita- und Schulverpflegung ein ganz wesentlicher Umsetzungsbereich für Bio-Lebensmittel. Da wollen wir den Anteil weiter erhöhen.

BioBitte: Wie haben Sie von BioBitte erfahren und was versprechen Sie sich davon?

Lennemann: Erfahren haben wir von BioBitte durch unsere Zusammenarbeit mit den Bio-Städten. Ein Austausch bietet immer wieder sehr gute Möglichkeiten, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Eines dieser Ziele lautet: Mehr Bio-Lebensmittel in öffentlichen Küchen!


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