Bürgermolkerei Weimar – Milchproduktion in Bürgerhand

Bürgermolkerei Weimar – Milchproduktion in Bürgerhand

In Weimar wird eine Molkerei aufgebaut, die in der Hand derjenigen liegt, die die Milchprodukte am Ende auch konsumieren: den Bürgerinnen und Bürgern. Mit der Beschaffung und Verarbeitung regionaler Milch sowie einer gläsernen Produktion sollen regionale, transparente und faire Kreisläufe geschaffen werden. Oekolandbau.de hat bei Anne Wetzel, Vorständin der Genossenschaft, nach den Beweggründen für die Gründung sowie den Chancen und Herausforderungen einer Bürgermolkerei nachgefragt.

Bio-Milch kann mehr! Unter diesem Motto startete vor einigen Jahren eine Projektkooperation in Weimar. Ihr Ziel: Die Milch der Kühe von der Landgut Weimar Bio GmbH lokal zu verarbeiten. Die Kooperationspartner, darunter der Öko-Anbauverband Gäa e.V. und die Bio-Bäckerei Brotklappe, haben ihre Idee einer verbrauchergetragenen Molkerei Schritt für Schritt umgesetzt. Im Juli 2024 wurde dafür die Genossenschaft Bürgermolkerei Weimar eG gegründet. Die Mitgliederanzahl wächst kontinuierlich. Im November 2025 zählte sie bereits 130 Mitglieder.

Nun wird mitten in Weimar, auf dem Gelände der Alten Feuerwache, eine Halle in eine Molkerei verwandelt. Dort soll ab dem Sommer 2026 die Bio-Milch des Landgut Weimar zu handwerklich hergestelltem Käse und anderen Milchprodukten veredelt werden.

Bis zu 3.000 Liter Bio-Milch in der Molkerei Genossenschaft

Sobald die Produktion in Weimar angelaufen ist, werden bis zu 3.000 Liter Bio-Milch täglich in Käse, Joghurt und andere Milchprodukte verwandelt. Sie werden vor Ort in einem kleinen Ladengeschäft erhältlich sein. Und nicht nur das: Besucherinnen und Besucher können dem Käser durch Glasfenster beim Käsen zuschauen. Die Bürgermolkerei, fußläufig zur Weimarer Innenstadt gelegen, soll auch ein Bildungsort werden und die Wertschätzung für die heimische Bio-Landwirtschaft stärken.

Eine zentrale Säule für die Entstehung und Entwicklung der Molkerei ist das bürgerschaftliche Engagement: Mit einem Mindestanteil in Höhe von 100 Euro können alle, die das Konzept unterstützen wollen, Mitglied in der Genossenschaft werden.

Oekolandbau.de hat bei Anne Wetzel, Vorständin der Genossenschaft, über die Beweggründe zur Gründung einer Bürgermolkerei, der Gläsernen Produktion und der Entwicklung des Ökolandbaus in der Region nachgefragt.

Oekoelandbau.de: Warum eine Bürgermolkerei und nicht die klassische, landwirtschaftliche Genossenschaft?

Anne Wetzel: Wir haben Ende 2020 aus einer Betriebsentwicklungsberatung heraus als regionale Akteurinnen und Akteure zusammengefunden, um eine zukunftsfähige Wertschöpfungskette für die Bio-Milch der Landgut Weimar Bio GmbH aufzubauen. Das heißt: Anders als bei klassischen Molkereigenossenschaften geht es bei uns im Kern um die am Stadtrand von Weimar erzeugte Milch, die wir in Weimar verarbeiten und möglichst regional vermarkten möchten. Die Genossenschaft stellt sozusagen die ausgelagerte Verarbeitung und Vermarktung des Betriebes in gemeinschaftlicher Trägerschaft da.

Es ist aktuell nicht geplant, die Verarbeitungsmengen über die im Landgut Weimar Bio erzeugte Rohmilchmenge hinaus zu steigern. Ob und wie später andere Betriebe eingebunden werden, wird der Bedarf zeigen. Die Bürgermolkerei verfolgt den Ansatz, dass vor allem Verbraucherinnen und Verbraucher aktiv Verantwortung für "ihre" Lebensmittelproduktion übernehmen. So entsteht eine Möglichkeit für interessierte Unterstützerinnen und Unterstützer, sich aktiv für die regionale Wertschöpfung und Wertschätzung mit allen entstehenden Mehrwerten einzusetzen.

Oekolandbau.de: Sie machen eine "gläserne Produktion" und wollen auch Bildungsort werden – warum braucht es das aus Ihrer Sicht?

Anne Wetzel: Wie viele von uns kennen denn wirklich noch eine Landwirtin oder einen Landwirt, eine Käserin oder einen Käser persönlich und haben Berührung mit deren Arbeit und Wirken? Oder wissen, wie Milchkühe wirklich gehalten werden? Oft entscheiden wir heute am Regal im Supermarkt im schlechtesten Fall nur nach stylischer Verpackung oder Preis des Lebensmittels.

Die Bürgermolkerei ist ein Versuch, dies auf regionaler Ebene exemplarisch für Milchprodukte und deren Koppelerzeugnisse, wie Molke und Fleisch, zu ändern und sich proaktiv für Landwirtschaft, Kulturlandschaft, Umwelt, Tierwohl und werthaltige Lebensmittel vor der eigenen Weimarer oder auch weiter gefasst Thüringer Haustür einzusetzen. Viele Landwirtinnen und Landwirte leisten da Großartiges nach Kräften auf ihren Höfen, öffnen ihre Produktion und stehen Rede und Antwort in ihren Hofläden oder direkt im Stall. Molkereien und Käsereien gibt es nur noch wenige und oft sind sie eher industriell und damit für die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht greifbar.

Die Bürgermolkerei bringt die Landwirtschaft mit der Tierhaltung ein Stück weit mit in die Stadt, informiert darüber. Vor allem aber zeigt sie mitten in der Stadt, wie aus dem "weißen" Gold leckere Milch- und Käseprodukte handwerklich entstehen. Genau das wollen wir bieten, einen leicht zu erreichenden Ort mitten in der Stadt, an welchem Jung und Alt sehen und erleben können, wie diese Produkte ohne versteckte Zusätze entstehen und über was man ganz nebenbei noch mitentscheidet, wenn man ein Lebensmittel erwirbt.

Oekoelandbau.de: Wie sehen Sie die Zukunft des Ökolandbaus beziehungsweise von Bio-Milch und Bio-Käseprodukten? Was braucht es, um Bio noch erfolgreicher zu machen?

Anne Wetzel: Das ist eine sehr gute Frage: Wir glauben natürlich alle an die Zukunft des Ökolandbaus und auch an die Bedeutung der tierischen Lebensmittel – nicht als ein Relikt alter Zeiten, sondern als Potenzial für eine resiliente Land- und Lebensmittelwirtschaft für die Zukunft. Aktuell ist das manchmal nicht ganz so einfach. Gewachsene Landwirtschaftsbetriebe und handwerkliche Verarbeiter geben zunehmend auf. Der Kostendruck steigt und die industrielle Lebensmittelproduktion scheint die richtigen Antworten für Verbraucherinnen und Verbraucher zu haben? Mit Sorge betrachten wir, dass der Umsatz mit Biolebensmitteln zwar steigt, er sich aber auf den konventionellen Lebensmitteleinzelhandel verlagert. Steigt dort die Marktmacht weiter ungebremst, steigt auch die Abhängigkeit von immer zentraleren Strukturen mit fatalen Folgen. Vielfältige Landwirtschaft braucht verlässliche Partnerinnen und Partner und einen guten Mix von Vermarktungswegen.

Ohne aufgeklärte und interessierte Verbraucherinnen sowie Verbraucher kann es nicht gehen. Die Politik allein wird es nicht regeln. Lebensmittel und deren Herkunft sollten wieder mehr Wertschätzung erfahren. Die landwirtschaftliche Urproduktion ist ohne Zweifel eine kritische Infrastruktur. Wir sollten alle großes Interesse daran haben, dass sie gut funktioniert.

So sollte es aus unserer Sicht gelingen, abseits schöner Bilder auf Plakaten und Verpackungen wieder eine wirkliche Verbindung zu den Verbrauchenden zu schaffen. Dazu braucht es Angebote – seien es Einblicke in die Landwirtschaft bei Führungen oder Hoffesten oder auch mehr Transparenz in der Verarbeitung. Hier will die Bürgermolkerei mit Transparenz und der geschaffenen Stadt-Land-Verbindung einen klaren Beitrag leisten. Letztlich sollte es Verbraucherinnen und Verbrauchern wieder mehr Spaß machen, gar sinnstiftend sein, sich mehr für Lebensmittel und deren Herkunft zu interessieren. Solche Verbindungen lassen sich lokal oder regional natürlich am ehesten herstellen, sind aber auch eine Herausforderung für die Betriebe, diese Leistungen nebenbei zur Verfügung zu stellen. Hier kann die Politik Unterstützung liefern. Für uns in Thüringen kann ich sagen, dass wir hier schon eine tolle Unterstützung durch eine ELER-Förderung erfahren. Das hilft uns enorm, die Bürgermolkerei und deren Mehrwerte zu entwickeln.


Letzte Aktualisierung 10.12.2025

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