Oekoelandbau.de: Warum eine Bürgermolkerei und nicht die klassische, landwirtschaftliche Genossenschaft?
Anne Wetzel: Wir haben Ende 2020 aus einer Betriebsentwicklungsberatung heraus als regionale Akteurinnen und Akteure zusammengefunden, um eine zukunftsfähige Wertschöpfungskette für die Bio-Milch der Landgut Weimar Bio GmbH aufzubauen. Das heißt: Anders als bei klassischen Molkereigenossenschaften geht es bei uns im Kern um die am Stadtrand von Weimar erzeugte Milch, die wir in Weimar verarbeiten und möglichst regional vermarkten möchten. Die Genossenschaft stellt sozusagen die ausgelagerte Verarbeitung und Vermarktung des Betriebes in gemeinschaftlicher Trägerschaft da.
Es ist aktuell nicht geplant, die Verarbeitungsmengen über die im Landgut Weimar Bio erzeugte Rohmilchmenge hinaus zu steigern. Ob und wie später andere Betriebe eingebunden werden, wird der Bedarf zeigen. Die Bürgermolkerei verfolgt den Ansatz, dass vor allem Verbraucherinnen und Verbraucher aktiv Verantwortung für "ihre" Lebensmittelproduktion übernehmen. So entsteht eine Möglichkeit für interessierte Unterstützerinnen und Unterstützer, sich aktiv für die regionale Wertschöpfung und Wertschätzung mit allen entstehenden Mehrwerten einzusetzen.
Oekolandbau.de: Sie machen eine "gläserne Produktion" und wollen auch Bildungsort werden – warum braucht es das aus Ihrer Sicht?
Anne Wetzel: Wie viele von uns kennen denn wirklich noch eine Landwirtin oder einen Landwirt, eine Käserin oder einen Käser persönlich und haben Berührung mit deren Arbeit und Wirken? Oder wissen, wie Milchkühe wirklich gehalten werden? Oft entscheiden wir heute am Regal im Supermarkt im schlechtesten Fall nur nach stylischer Verpackung oder Preis des Lebensmittels.
Die Bürgermolkerei ist ein Versuch, dies auf regionaler Ebene exemplarisch für Milchprodukte und deren Koppelerzeugnisse, wie Molke und Fleisch, zu ändern und sich proaktiv für Landwirtschaft, Kulturlandschaft, Umwelt, Tierwohl und werthaltige Lebensmittel vor der eigenen Weimarer oder auch weiter gefasst Thüringer Haustür einzusetzen. Viele Landwirtinnen und Landwirte leisten da Großartiges nach Kräften auf ihren Höfen, öffnen ihre Produktion und stehen Rede und Antwort in ihren Hofläden oder direkt im Stall. Molkereien und Käsereien gibt es nur noch wenige und oft sind sie eher industriell und damit für die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht greifbar.
Die Bürgermolkerei bringt die Landwirtschaft mit der Tierhaltung ein Stück weit mit in die Stadt, informiert darüber. Vor allem aber zeigt sie mitten in der Stadt, wie aus dem "weißen" Gold leckere Milch- und Käseprodukte handwerklich entstehen. Genau das wollen wir bieten, einen leicht zu erreichenden Ort mitten in der Stadt, an welchem Jung und Alt sehen und erleben können, wie diese Produkte ohne versteckte Zusätze entstehen und über was man ganz nebenbei noch mitentscheidet, wenn man ein Lebensmittel erwirbt.