AgiL: Agentur für regionale Wertschöpfung in Sachsen

AgiL: Agentur für regionale Wertschöpfung in Sachsen

Das sächsische Landwirtschaftsministerium fördert mit einer eigens dafür gegründeten Agentur den Aufbau und die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten. Projektleiterin Heike Delling berichtet im Interview mit Oekolandbau.de von ihrer Arbeit und den aktuellen Herausforderungen, die es zu meistern gilt.

Die sächsische Agentur für Regionale Lebensmittel unterstützt Betriebe in Sachsen beim Aufbau und der Weiterentwicklung regionaler Lebensmittel-Wertschöpfungsketten. Als Initiative des sächsischen Landwirtschaftsministeriums informiert, berät und vernetzt die Agentur seit 2021 alle interessierten Akteurinnen und Akteure entlang der regionalen Wertschöpfungsketten.

Heike Delling ist studierte Landwirtin, führt nebenberuflich den familieneigenen Hof nähe Chemnitz und ist als Beraterin und Projektleiterin bei der AgiL Sachsen tätig. Sie ist ganz vorne dabei, wenn sich die Landwirtschaft nach außen öffnet, in den Austausch geht und die gesellschaftlichen Diskurse begleitet. Wir sprachen mit ihr über die Arbeit der Agentur AgiL.

Oekolandbau.de: Die AgiL Sachsen ist eine Maßnahme des sächsischen Landwirtschaftsministeriums, um die regionale Wertschöpfung zu stärken. Wie kam es zur Gründung der Agentur?

Delling: Es gab schon lange einen Austausch zwischen der Branche und dem Ministerium. 2017 wurde dann eine Machbarkeitsstudie für solch eine unterstützende Institution erstellt. Auf Grundlage der Studienergebnisse und zahlreicher runder Tische mit allen Beteiligten – denn das war von Anfang an wichtig, die gesamte Wertschöpfungskette ins Boot zu holen – wurde dann eine vierjährige Ausschreibung für die Agentur erstellt. Ohne den politischen Willen wäre das nicht möglich gewesen.

Oekolandbau.de: Welche Erfahrungen wurden in der Zeit gesammelt?

Delling: Wir haben eine bestimmte Zielgruppe sehr gut miteinander vernetzt, was mit den zuvor bestehenden Instrumenten nicht möglich war. Besonders bei Existenzgründungen und Produktentwicklungen in der Verarbeitung konnten wir die Akteurinnen und Akteure dabei unterstützen, das Unternehmen auf regionale Ressourcen auszulegen. Aber auch Investitionsfragen in Bereichen der Schlachtung, Milchverarbeitung oder Aufbereitung von veganen Lebensmitteln konnten wir sehr eng begleiten. Ein aktuelles Handlungsfeld bei AgiL ist die Befähigung und Leistungsstärke der liefernden Landwirtinnen und Landwirte zur dauerhaften Platzierung von Lebensmitteln in einem Lebensmittelhandel. Der Weg in den Handel ist möglich und können wir gut unterstützen. Die darauffolgende Kundenbetreuung ist eine zu lösende Herausforderung.

Oekolandbau.de: Gibt es Beispiele für eine erfolgreiche Begleitung von Bio-Unternehmen in Sachsen?

Delling: Die Lerchenbergmühle ist sehr aktiv in der Erzeugung und Verarbeitung. Und wir konnten sie mit dem Verarbeitungsunternehmen Hülsenreich zusammenbringen. Für einen Kichererbsen-Salat werden die regionalen Kichererbsen von der Mühle aufbereitet und von Hülsenreich weiterverarbeitet. Darüber hinaus hatten wir das Glück, eng mit der Gründungsküche in Leipzig zusammenzuarbeiten. Diese Gründungsplattform spricht ganz spezifisch die Lebensmittelwirtschaft an. Dort konnten wir Hilfestellungen für Produktentwicklungen und Verpackungen anbieten, wo dann wirklich coole Produkte entstanden sind.

Das Leipziger Unternehmen Hülsenreich engagiert sich für eine regionale Wertschöpfungskette von Hülsenfrüchten. Im Interview erklärt Katharina Hayn die Besonderheiten regionaler Kichererbsen-Snacks.

Oekolandbau.de: Vertrauen spielt eine sehr wichtige Rolle in der Zusammenarbeit entlang der WSK. Wie können Sie dazu beitragen, dass dieses Vertrauen entsteht und gestärkt wird?

Delling: Vertrauen ist etwas, was gelebt werden muss. Deswegen schaffen wir immer wieder Angebote, damit die Akteurinnen und Akteure sich austauschen und kennenlernen können. Denn häufig werden Veränderungen mit gewissen Ängsten verbunden, wenn zum Beispiel ein großes Verarbeitungsunternehmen in den regionalen Bio-Vertragsanbau einsteigen will. Das ist nur menschlich, schließlich denken die Unternehmerinnen und Unternehmer als erstes an den eigenen wirtschaftlichen Erfolg. Da ist es unser Vorteil, dass wir keinerlei wirtschaftliche Eigeninteressen haben. Denn unser Auftrag ist es, mehr regionale Lebensmittel möglich zu machen. So können wir die Beteiligten begleiten und über die Ängste, aber auch die Chancen sprechen.

Oekolandbau.de: Was für Angebote hat die AgiL für die Praxis?

Delling: Neben der individuellen Beratung bieten wir auf unserer Webseite Antworten auf immer wiederkehrende Fragen, beispielsweise rund um die Kennzeichnung oder rechtliche Rahmenbedingungen. Mit unserer Vermarktungs-Anleitung finden die Akteurinnen und Akteure in fünf Schritten hilfreiche Tipps für die Verarbeitung bis zur Vermarktung von Lebensmitteln. Darüber hinaus haben wir mit der "Regionalen Marketingakademie" und "AgiL bespricht" zwei Webinarreihen, in denen wir beispielsweise über die korrekte Verpackung oder Direktvermarktung von Eiern reden.

Oekolandbau.de: Was sind aktuell die größten Herausforderungen für die Bio-Wertschöpfungskette in Sachsen?

Delling: Tatsächlich sind aus unserer Erfahrung die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen das größte Hemmnis, sowohl für die ökologischen als auch die konventionellen Betriebe. Sowohl die marktwirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, aber auch Situation auf dem Arbeits- und Fördermarkt sind mit großen Unsicherheiten verbunden. Gleichzeitig fehlt eine breite gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung der Leistungen von Bio-Unternehmen und das Bewusstsein bei vielen Betrieben, dass es sich lohnt ökologisch zu wirtschaften – sei es nur in Teilbereichen des Unternehmens.

Darüber hinaus fehlt eine umfassende und professionell aufgestellte Logistik zwischen den einzelnen Stufen der Wertschöpfungskette. Die einzelnen Akteurinnen und Akteure sind spezialisiert auf ihr Gewerk, aber verlieren Zeit und Geld, wenn sie zusätzlich ihre Produkte selbst von A nach B bringen müssen.

Oekolandbau.de: Wenn Sie einen Ausblick wagen: Wie steht es um die Bio-Branche in Sachsen in zehn Jahren?

Delling: Die Bio-Branche hat den Generationenwechsel erfolgreich hinter sich gebracht und die jungen Ökos sind mehr in der Verantwortung. All die vielen Projekte und Initiativen, die jetzt bio-regionale Wertschöpfung aufbauen, sind ein voller Erfolg und Bio-Produkte haben auf allen Ebenen eine große Relevanz. Gleichzeitig ist es normal und in Ordnung, wenn Unternehmen sowohl ökologische als auch konventionelle Lebensmittel verarbeiten und die vorhandenen Ressourcen sinnvoll genutzt werden.

Oekolandbau.de. Und zum Abschluss: Wenn Sie einen Wunsch hätten, der morgen in Erfüllung geht, welcher wäre das?

Delling: In der Politik wünsche ich mir viel mehr interdisziplinäres Denken und Handeln, was über die einzelnen Ressorts und Ministerien hinausgeht. Im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung wünsche ich mir, dass wir nicht nur von den jungen Menschen Lernbereitschaft erwarten, sondern alle bereit sind Fehler zu machen und sich weiterzubilden. Denn wir werden alle ein Stückchen schlauer, wenn wir zusammenarbeiten.


Letzte Aktualisierung 25.09.2025

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