Die Ökomarktgemeinschaft: Bio als Basis – die Region im Herzen

Die Ökomarktgemeinschaft: Bio als Basis – die Region im Herzen

Drei Initiativen im Grenzgebiet Thüringen-Sachsen bringen Bio näher: Die Ökomarktgemeinschaft mit Bio-Kisten, Michas Naturbackstube als Bio-Bäckerei und das Café Hof19 mit Bio und Kultur. Verbunden handeln sie aus Überzeugung, mit Bio als Basis und der Region im Herzen. Oekolandbau.de hat mit den drei Unternehmungen über ihre Motivation und ihre Wahrnehmung von Bio im Osten gesprochen.

Die Verarbeitung von Bio-Lebensmitteln hat sich in Ostdeutschland in den vergangenen Jahren dynamisch entwickelt. Zwischen traditionellen Handwerksbetrieben und modernen Produktionsstätten entstehen vielfältige Strukturen, die regionale Rohstoffe veredeln und den wachsenden Bedarf an ökologischen Produkten decken. Ob Molkereien, Bäckereien oder Gemüseverarbeiter – viele Unternehmen setzen auf Qualität, Transparenz und kurze Wege. Dabei spielt nicht nur die regionale Wertschöpfung eine Rolle, sondern auch die Frage, wie sich Betriebe auf veränderte Marktbedingungen und die steigende Nachfrage einstellen.

Bio-Verarbeitung im Osten ist ausbaufähig

Die Strukturdaten des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) zeigen, dass die Bio-Verarbeitung in den ostdeutschen Bundesländern noch Potenzial nach oben hat. Sachsen hat mit vier Prozent den höchsten Anteil an Bio-Verarbeitern, genau wie der Stadtstaat Berlin. Die anderen Bundesländer im Osten liegen bei circa zwei bis drei Prozent Anteil. Gleichzeitig muss sich der Bio-Anteil an landwirtschaftlicher Fläche in den ostdeutschen Bundesländern im Bundesvergleich nicht verstecken. Zwischen 8 (Thüringen) und 18 (Brandenburg) Prozent Flächenanteil des Ökolandbaus gibt es auch für die regionale Verarbeitung noch viele Potenziale.

Drei Initiativen bringen Bio den Menschen näher

Die Ökomarktgemeinschaft (ÖMG) an der Grenze von Thüringen zu Sachsen ist eine soziokratisch organisierte Unternehmung, welche Bio-Kisten anbietet. Die Produkte in der Kiste stammen teils vom eigenen Hof und teils von sorgfältig ausgewählten Partnerbetrieben. Wie zum Beispiel von Michas Naturbackstube im knapp 20 Kilometer entfernten Lichtentanne. Die kleine Handwerks-Bäckerei verarbeitet seit 1998 ausschließlich Bio-Rohstoffe. Auf dem Hof der ÖMG findet sich zudem noch das Café Hof 19, welches 2023 gegründet wurde und gute regionale und ökologische Lebensmittel mit Kultur verbindet. Alle drei Unternehmungen haben Bio als Basis, die Region im Herzen und Genuss auf der Tagesordnung. Oekolandbau.de hat mit allen dreien über ihre Motivation, ihren Erfolg und Bio im Osten gesprochen.

Interview mit Christian Schöfer, Anne Häßelbarth, Michael Eichler und Falko Martin

Oekolandbau.de: Wer ist die Ökomarktgemeinschaft?

Christian Schöfer: Wir sind die Ökomarktgemeinschaft Thüringen und Sachsen (ÖMG), ein regionaler Bio-Lieferservice und Erzeugerverbund mit Sitz in Braunichswalde. Wir liefern wöchentlich frische, überwiegend regionale Bio-Lebensmittel – unter anderem Obst und Gemüse aus eigener Gärtnerei – direkt an Haushalte sowie an Büros, Kitas und Schulen in Ostthüringen/Westsachsen. Kern unseres Angebots sind flexible Abokisten und der ÖMG-Onlineshop. Ausgeliefert wird mit eigenen Fahrzeugen bis vor die Haustür. Wir arbeiten langfristig und fair mit persönlich bekannten Bio-Partnerbetrieben und ergänzen Regionales nur durch zertifizierte Zukäufe – so stärken wir den Bio-Anbau in der Region. Das Unternehmen ist als GmbH & Co.KG strukturiert und gehört neben den Mitarbeitenden, acht Bio-Bauern und -Bäuerinnen, einem Bioladen und zwei verarbeitenden Bio-Betrieben.

Christian Schöfer koordiniert den Arbeitskreis Büro, ist Teil des Marketingteams und für Sortimentsplanung verantwortlich.

Oekolandbau.de: Was macht eure Arbeit besonders und warum macht ihr Bio?

Anne Häßelbarth: Unsere Motivation ist enkeltaugliches Wirtschaften in der Region. Wir wollen die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Enkel sichern – mit Lebensmitteln, die wieder "Mittel zum Leben" sind: gesund, genussvoll und fair erzeugt. Deshalb stärken wir regionale Wertschöpfungskreisläufe mit kurzen Transportwegen, kennen unsere Lieferbetriebe persönlich und arbeiten partnerschaftlich, transparent und langfristig zusammen. Auch intern leben wir Kooperation (unter anderem nach soziokratischen Prinzipien), weil gutes Essen und gutes Wirtschaften nur gemeinsam gelingen.

Für unsere Kundschaft bedeutet Bio zugleich nachvollziehbare Herkunft, hohe Frische und Qualität sowie konsequente Ressourcenschonung. Konkret setzen wir das um mit "regional first" beim Einkauf, engen Beziehungen zu Erzeugerinnen und Erzeugern, eigener Gärtnerei für erntefrische Ware und einem Logistik- und Verpackungskonzept, das Umwelt und Ressourcen schont. So verbinden wir Geschmack, Gesundheit und regionalen Mehrwert.

Anne Häßelbarth ist Teil der Geschäftsführung der Ökomarktgemeinschaft und koordiniert den allgemeinen Arbeitskreis, moderiert Entscheidungsfindungen in den Meetings und ist Teil des Teams Marketing.

Oekolandbau.de: Wie lässt sich eine soziokratische Arbeit im Unternehmensalltag organisieren?

Christian Schöfer und Anne Häßelbarth: Wir organisieren uns in Kreisen mit klaren Domänen, Rollen und Entscheidungsrechten und entscheiden im Konsent ("gut genug und sicher genug", solange kein begründeter Einwand besteht). Strategische Verantwortung bündelt der Topkreis; operative Entscheidungen fallen im jeweils zuständigen Kreis, zum Beispiel im Arbeitskreis Packen für Touren-, Frische- und Packprozesse. So bleibt Verantwortung dort, wo die Expertise sitzt.

Wichtig: Soziokratie ist keine Basisdemokratie – ein wirtschaftliches Unternehmen muss schnell reagieren. Deshalb entscheidet nicht "alle über alles", sondern der zuständige Kreis.

Soziokratie braucht Moderationskompetenz, Timeboxing und Disziplin; Schnittstellen zwischen Kreisen müssen sauber geregelt sein, besonders in Saisonspitzen. Wenn formelle Macht abgebaut wird, bleibt informelle Macht – damit umzugehen ist die hohe Schule und braucht Aufmerksamkeit, Reflexion und klare Vereinbarungen. Zugleich muss die Praxis mit den formalen Pflichten der Geschäftsführung (Recht, Haftung, Zeichnungsbefugnisse) gut verzahnt sein. Soziokratie ermöglicht also fokussiertes Arbeiten und echte Beteiligung, ohne die unternehmerische Handlungsfähigkeit zu verlieren. Wir reden nicht nur über partizipatives Leadership – wir machen es.



Oekolandbau.de: Herr Eichler, Sie haben eine kleine Bäckerei in Sachsen und beliefern unter anderem die ÖMG. Warum macht ihr Bio?

Michael Eichler: Als kleiner Handwerksbetrieb setzten wir es uns zum Ziel, hochwertige Lebensmittel in liebevoller Kleinstarbeit herzustellen und unter die Leute zu bringen. So wurde das Unternehmen im gleichen Atemzug auf den Grundsätzen der biologischen Lebensweise, Landwirtschaſt und Ernährung aufgebaut. Der Zeitpunkt hätte nicht günstiger sein können, denn mit der Gründung von Michas Naturbackstube Ende der 90er stieg die Nachfrage nach hochwertigeren Lebensmitteln und gesünderen sowie nachhaltigeren Lebensweisen rasant an. So kommt es, dass wir seit Beginn unseres Tuns, ausschließlich mit Rohstoffen aus kontrolliert biologischem Anbau arbeiten und auf jede Form von Halbfertigprodukten verzichten. Diese Einstellung halten wir auch heute noch so und stehen dazu. Bio ist für uns eine Lebenseinstellung, keine Geschäſtsidee! Dahinter stehen ein wenig Lebenserfahrung und gesunder Menschenverstand.

Michael Eichler ist Bäckermeister und Gründer, sowie Inhaber von Michas Naturbackstube, einer Bio-Bäckerei in Sachsen.

Oekolandbau.de: Wie wichtig sind regionale Konzepte und Kooperationen, zum Beispiel zwischen Backstube und der Ökomarktgemeinschaſt für euren Betrieb?

Christian Schöfer und Anne Häßelbarth: Wir wählen unsere Produkte und Partnerbetriebe nach einem klaren Konzept aus: Bio-Qualität ist zwingend, wir arbeiten ausschließlich mit zertifizierten Betrieben zusammen, Verbandszertifizierungen werden ausdrücklich angestrebt. Priorität haben Erzeugnisse aus Thüringen und Sachsen, mit kurzen Transportwegen. Leute im Ländlichen freuen sich, dass sie durch uns überhaupt an bioregionale Ware kommen. Unsere Kundinnen und Kunden in den Städten lassen sich durch uns ihren Einkauf abnehmen. Supermärkte und Bio-Ketten haben zwar auch Bio, nur eben oft aus "industrieller" Landwirtschaft, selten regional. Deswegen kaufen Leute bei einem Kistenbetrieb wie bei uns ein.

Michael Eichler: Am Verkaufstresen bei all unseren Kundinnen und Kunden – nicht nur in der Ökomarktgemeinschaſt – schließt sich der Kreis des guten Geschmacks, der Regionalität, der Umweltverträglichkeit und der Nachhaltigkeit.



Oekolandbau.de: Herr Martin, Sie haben 2023 das Café Hof 19 gegründet, was war die Motivation dazu?

Falko Martin: Der Grundgedanke für das Cafe war, dass es ein Begegnungsort für Jung und Alt sein soll und demnach an Wochenenden und Feiertagen geöffnet hat. Ich betreibe es auf dem elterlichen Hof, wo ich seit über 50 Jahren lebe. Das Café ist am Wochenende und an Feiertagen geöffnet und es soll ein Begegnungsort sein für Jung und Alt. Wir wollen die Kultur aufs Land holen, zum Beispiel mit Konzerten verschiedenster Art, mit regionalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Aber auch mit Workshop-Angeboten, Lesungen, einem Platz zum Feiern und Entspannen. In unserer Küche werden meist regionale Lebensmittel verarbeitet, oftmals direkt vom Feld hinterm Haus, es gibt hier fast ausschließlich Bio-Produkte. Wochentags bin ich in der Ökomarktgemeinschaft aktiv und liefere die Regiokiste aus.

Falko Martin ist Teil der Geschäftsführung der Ökomarktgemeinschaft, fährt für die ÖMG Kisten aus und ist Gründer des Cafés Hof 19. Beide Unternehmungen sind auf seinem elterlichen Hof angesiedelt.

Oekolandbau.de: Wie ist der Eindruck der Bevölkerung vor Ort vom Biolandbau? Kann Kultur dabei unterstützen den Zugang der Verbraucherinnen und Verbraucher zu Bio-Produkten herzustellen?

Falko Martin: Der Bio-Landbau ist hier auf dem Land schon gefühlt noch ganz schön weit weg. Es gibt zu wenige Biobetriebe und sie sind weit auseinander. Wir verwenden fast ausschließlich Bio-Produkte bei uns im Café, vom eigenen Hof oder über die ÖMG. Wir kommunizieren dies in der Werbung und am Eingang. Unsere Gäste nehmen das Konzept des Cafés dankend an. Wir bieten eine etwas andere, leichte, oft vegetarische Kost an, immer etwas anderes je nach Saison oder Thema des Konzertes. Dabei betonen wir nicht durchgehend, dass wir hier Bio machen, sondern lassen die Menschen selbst merken, wie gute Zutaten wirken.

Michael Eichler: Auch wir machen diese Erfahrung. Wir haben die Menschen immer mit der Qualität unserer Produkte überzeugt, was zu mehr Akzeptanz führt und unsere Bäckerei über die Grenzen unserer Region hinaus bekannt gemacht hat. Denn bei uns kauſt ihr nicht nur euer täglich Brot, sondern auch ein kleines Stückchen Heimat, Nachhaltigkeit und Liebe.

Falko Martin: Genuss für alle Sinne sozusagen. Die Menschen fragen, woher unsere Lebensmittel kommen, weil sie anders und gut schmecken. Sie kommen zu uns, weil wir einen besonderen Ort geschaffen haben. Ein schöner Garten, etwas Familiäres und Liebevolles. Die Lebensmittel sind handgemacht, mit Liebe zubereitet, das Konzert und Kultur Angebot ist vielfältig, die gute Energie ist spürbar.

Christian Schöfer und Anne Häßelbarth: Unsere Kundschaft reicht von werdenden Familien bis zu Ruheständlerinnen und Ruheständlern, wir beliefern überzeugte Ökos in Tiny Houses, wohlhabende Paare in top sanierten Eigenheimen, Studierenden-WGs, aufs Land und in die Stadt. 

Wieviel Kundschaft haben wir wohl vor Ort in Braunichswalde? Nahezu keine. Der Bedarf an und der Wunsch nach Bio hält sich hier sehr in Grenzen. Bio ist ein grünes Thema, wird von vielen entsprechend pauschal abgelehnt. Wenn man mit den Leuten ins Gespräch kommt, gibt es trotzdem viel Verständnis für das, was wir machen. Für die Leute vor Ort ist auch ein Hindernis, dass wir keinen Laden haben und Bestellungen per Onlineshop aufgegeben werden müssen. Aber ein Laden hat sich für uns nicht gelohnt.

Oekolandbau.de: Welchen Eindruck haben Sie von der Entwicklung des Ökolandbaus im Osten?

Falko Martin: Der Ökolandbau hat es durch die großen Agrarbetriebe hier im Osten durchaus schwer. Die Arbeit der kleinen Biobetriebe ist praktisch nicht bezahlbar - dies sehe ich bei unseren 0,5 Hektar Feingemüseanbau hinterm Haus. Daher braucht es kleine regionale Kooperationen, um Bio hier voranzubringen.

Michael Eichler: Wir arbeiten mit vielen Bio-Betrieben Hand in Hand. Über die Jahre hat sich eine enge Zusammenarbeit mit befreundeten Bauern und Hofläden aufgebaut, deren Getreide, Eier, Milch und jeder erdenkliche Rohstoff geht seinen Weg vom Erzeuger über die Verarbeiter zurück zum Tresen des Erzeugers. Was uns hier vom Rest der Welt unterscheidet: Wir tun das transparent, für jeden nachvollziehbar und ehrlich. Das wird jedes Jahr besser und die Zahlen – sowohl der Erzeuger als auch der Verarbeiter – sprechen für sich.

Christian Schöfer und Anne Häßelbarth: Wir empfinden die aktuelle Entwicklung als schwierig. Die Bioflächen sind schon mal mehr gewachsen. Ein gutes Förderinstrument wäre landeseigene Kantinen mit einer kleinen Quote zu bio-regionalem Obst- und Gemüse zu bewegen. Andere Bundesländer nutzen das, um ihre heimische Biolandwirtschaft zu erweitern.

Die jetzige Landesregierung lehnt das komplett ab, begründet dies mit dem Preis und der schlechten Akzeptanz bei den Bürgerinnen und Bürgern. Wir denken, mit begleitenden Effizienzmaßnahmen in den Küchen kann man die höheren Einkaufspreise ausgleichen. 

Es gibt zum Glück aber auch viele Engagierte in Thüringen, die dennoch weiter am Ausbau des Ökolandbaus arbeiten, Inflation, Politik und gesellschaftlicher Stimmung zum Trotz. Wir arbeiten in einem Biowertschöpfungsprojekt mit der Bäckerei Bergmann und der Waldklinik Eisenberg zusammen, um bio-regionale Urprodukte in die Außer-Haus-Verpflegung zu kriegen.

Oekolandbau.de sagt Danke für das Gespräch!


Letzte Aktualisierung 25.09.2025

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