Algen: Superfood auch für die Gemeinschaftsgastronomie

Algen: Superfood auch für die Gemeinschaftsgastronomie

In Deutschland spielen Algen in der Gemeinschaftsgastronomie bisher nur eine marginale Rolle. Doch das könnte sich ändern. Denn Algen wachsen viel schneller als Landpflanzen, gehören zu den nährstoffreichsten Lebensmitteln und sind auch in Großküchen auf vielfältige Weise einsetzbar.

Auch wenn sich der Begriff "Algen" im Sprachgebrauch etabliert hat – sie stellen keine systematische Pflanzengruppe dar. Die Welt der Algen ist etwa so vielfältig wie die Welt der Landtiere. Zum einen gibt es einzellige, mit bloßem Auge nicht sichtbare Mikroalgen, die für die menschliche Nutzung vor allem in Algenfarmen in Asien produziert werden. Aber auch in Deutschland gibt es Algenfarmen, die teilweise bereits nach Bio-Standards arbeiten.

Zum anderen zählen zu den Algen die bis zu 60 Meter lange Makroalgen (Seetang), die man nach der Farbe ihrer Pigmente in Grün-, Brau- und Rotalgen unterteilt. Sie werden vor allem aus Wildbeständen geerntet. Nur etwa ein Prozent stammen aus Aquakulturen im Meer.

Algen als Baustein einer nachhaltigen Ernährung

Für den Einsatz von Algen in der Küche spricht ein ganzes Bündel an Argumenten. Algen haben eine höhere Nährstoffdichte als alle anderen Nahrungsmittel. Sie sind nicht nur reich an Proteinen, sondern sie enthalten darüber hinaus viele für die menschliche Ernährung wertvollen Nährstoffe, darunter Carotinoide, Mineralstoffe, Vitamine und mehrfach ungesättigte Fettsäuren wie Omega-3-Fettsäuren.

Wie viele Algenarten gibt es?
Die Vielfalt ist so groß, dass diese Frage noch niemand abschließend beantworten kann. In der Datenbank Algaebase.org waren im Oktober 2025 insgesamt 182.375 Algenarten und Unterarten gelistet.

Heute deckt ein großer Teil der Menschheit seinen Bedarf an Eiweißen aus tierischen Quellen – also über Fleisch, Milchprodukte und Fisch. Doch damit sind viele nachteiligen Folgen für Umwelt und Natur verbunden und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung wie auch die Eat Lancet Kommission mit der Planetary Health Diet empfehlen deshalb eine mehr pflanzenbetonte Ernährung.

Dazu gehören sicher die Hülsenfrüchte. Sie sind eine wertvolle alternative pflanzliche Proteinquelle im Speiseplan und verursachen viel weniger Treibhaus-Gas-Emissionen.

Doch in Hülsenfrüchten fehlen wichtige Inhaltsstoffe tierischer Lebensmittel wie beispielsweise Omega-3-Fettsäuren. Im Kontext einer für den Planeten nachhaltigen und für den Menschen gesunden Ernährung stellen Algen deshalb eine nachhaltige und skalierbare Nährstoffquelle dar.

Omega-3-Fettsäuren in Mikroalgen

"Getrocknete Mikroalgen wie beispielsweise Phaeodactylum tricornutum weisen neben einem Proteinanteil von fast 50 Prozent in der Trockenmasse auch nennenswerte Mengen der langkettigen Omega-3-Fettsäure Eicosapentaensäure – kurz EPA – auf", bestätigt Prof. Dr. med. Stephan C. Bischoff vom Institut für Ernährungsmedizin der Universität Hohenheim in Stuttgart. "Zudem enthalten sie wasserlösliche Ballaststoffe, die wichtig für die Darmgesundheit sind, sowie Vitamin E und Carotinoide."

Aber sind Mikroalgen auch geeignet dafür, den täglichen Bedarf an Omega-3-Fettsäuren zu decken? Genau diese Frage nahm eine Hohenheimer Forschungsgruppe unter die Lupe und untersuchte das Blut von Probanden, die zwei Wochen lang einen Algen-Smoothie tranken. Das Ergebnis war eindeutig: Sie fanden im Blut ähnlich hohe Mengen an Omega-3-Fettsäuren wie nach der Einnahme von Fischölkapseln.

Das heißt mit anderen Worten: Vieles von dem, was den Fisch so wertvoll für unsere Ernährung macht, stammt primär aus seinem Futter – den Algen. Sie bieten eine direkte Quelle von mehrfach ungesättigten Fettsäuren – ohne den Umweg über den Fisch gehen zu müssen.

"Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die menschliche Versorgung mit Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) durch Fisch als einzige Quelle in Zukunft nicht gewährleistet werden kann", Prof. Stephan C. Bischoff, Universität Hohenheim, Stuttgart.

Reichhaltige Zutat für die Gemeinschaftsgastronomie

In vielen vor allem asiatischen Ländern sind Gerichte mit Algen seit Jahrtausenden ein fester Teil der Esskultur. Auch in Europa, vor allem in skandinavischen Ländern sowie auf den Britischen Inseln werden die Algen für die menschliche Ernährung immer beliebter. Doch in Deutschland führen Algen nach wie vor ein Schattendasein – das gilt vor allem für die Gemeinschaftsgastronomie. "Völlig zu Unrecht", meint der Koch und Algen-Sommelier Sascha Kühnau. Er ist überzeugt: Algen sind kein nice-to-have sondern ein überfälliger Bestandteil für eine gesunde und nachhaltige Ernährung – gerade auch in der Gemeinschaftsverpflegung.

Doch hier gibt es Hürden und gewohnte Traditionen zu beachten. Der Berliner Algen-Sommelier empfiehlt deshalb Küchenprofis der Gemeinschaftsgastronomie, Algen nicht gleich mit einem Paukenschlag als Hauptkomponente auf den Speiseplan zu setzen. Also nicht auf der Speisekarte prominent ankündigen: "Ab dieser Woche gibt es Algen-Salat", sondern Algen zunächst einmal wie Petersilie als bereichernde Zutat bei verschiedenen Gerichten verwenden.

Mehr Algen auf den Teller – Tipps für die Praxis

Die Möglichkeiten für den Einsatz von Algen in der Küche sind so reichhaltig wie die Vielfalt der Algen.

  • Kombu-Alge kann wie ein Lorbeerblatt in der Brühe eingesetzt werden und den Geschmack verfeinern.
  • Die Dulse ist reich an Mineralstoffen, Vitaminen, Antioxidantien und Aminosäuren, die man bei vegetarischen Bratkartoffeln gleich mit anbraten kann.
  • Nori-Flocken lassen sich wie Küchenkräuter bei Gemüse und Salaten einsetzen und bringen auch bei kleinen Mengen ein Plus an Jod, Ballaststoffen und Eiweiß auf den Teller.
  • Das aus der Grünalge Haematococcus pluvialis gewonnene Astaxanthin, ein Carotinoiod, ist reich an Antioxidantien. Bereits ein Viertel Teelöffel Astaxanthinpulver in zehn Portionen beispielsweise eines Möhrenpürees sorgt nicht nur für eine intensive Rotfärbung, sondern unterstützt die antioxidativen Immunprozesse der Tischgäste.
  • Kalzium-Alge kann Milch-Kaffee, Milch- oder Griesbrei zugemischt werden und so die Calcium-Zufuhr von Seniorinnen und Senioren in Pflegeheimen oder Kindern in der Kita verbessern. Das funktioniert ganz nebenbei und auch mit in etablierten, regionaltypischen Milchspeisen.

Jod-Gehalte in Algen

"Algen, insbesondere Braunalgen, stellen eine alternative Jodquelle dar, die nicht nur Menschen mit vegetarischer oder veganer Ernährung nutzen können", so der Professor der Ernährungsmedizin Stephan C. Bischoff. Allerdings können die Jodgehalte aufgrund unterschiedlicher Anbaugebiete stark schwanken und teilweise sehr hohe Jodgehalte erreicht werden. Deshalb sollte der Verzehr gut kontrolliert stattfinden, um eine Überdosis an Jod zu vermeiden. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt deshalb, nur Algen und Algenprodukte zu verwenden, bei denen der Jodgehalt ausgewiesen ist. Zudem spielt eine Rolle, dass getrocknete Algenblätter vor dem Verzehr gewaschen und eingeweicht werden. Das reduziert die Jod-Gehalte. Süßwasseralgen wie Chlorella und Spirulina enthalten ohnehin nur geringe Mengen an Jod. 

Mehrwert für Umwelt und Ernährung

"Verkostungsstudien zeigen", so Professor Bischoff, "dass die Akzeptanz von Mikroalgen in Lebensmitteln dann besonders hoch ist, wenn sie in bekannte Produkte integriert werden." Also beispielsweise in die Füllung einer Nudel. Der Hohenheimer Wissenschaftler hält es deshalb für entscheidend, dass die Lebensmittelindustrie das Algenthema stärker aufgreift und ernährungsphysiologisch sinnvolle und schmackhafte Produkte entwickelt. Gleichzeitig braucht es in den Küchen der Gemeinschaftsgastronomie mehr Kenntnisse und Kompetenzen, um die ökologischen und ernährungsphysiologischen Potenziale der Algenwelt besser auf die Teller zu bringen.

Text: Andreas Greiner

IHK-Lehrgang zum Algensommelier

Zum zweiten Mal bietet die IHK Bildungsakademie Magdeburg im April / Mai 2026 einen Zertifikatslehrgang zum Algensommelier an.

Der 54 Stunden umfassende Kurs richtet sich an Köchinnen und Köche, Verantwortliche in Gastronomie und Hotellerie, Fachkräfte der Ernährungsberatung und alle, die neugierig auf die Welt der Algen sind. Erfahrende Algenprofis vermitteln fundiertes Fachwissen mit den Qualitätsstandards einer bundeseinheitlichen IHK-Qualifizierung. Der deutschlandweit einmalige Kurs wurde mit dem Bestform Award 2025, dem Kreativpreis des Landes Sachsen-Anhalt, ausgezeichnet.

Mehr Infos zum Lehrgang

Literatur: Kopp, L., Janentzky, A. und S. C. Bischoff: Die Zukunft wird "algig" – Lebensmittel aus dem Wasser, ihr Potenzial für eine pflanzliche Ernährung. In: Aktuelle Ernährungsmedizin 2024; 49 (05): 372-286.


Letzte Aktualisierung 19.11.2025

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