35 Jahre Wiedervereinigung: Ökolandbau in Ostdeutschland

35 Jahre Wiedervereinigung: Ökolandbau in Ostdeutschland

Die Wiedervereinigung war für die landwirtschaftlichen Betriebe in der DDR der Startschuss in ein neues Kapitel. Einige ostdeutsche Landwirtinnen und Landwirte haben Anfang der 1990er-Jahre die Chance zum Neuanfang genutzt und ihre Betriebe auf ökologischen Landbau umgestellt. Seitdem sind die ökologisch bewirtschafteten Flächen in Ostdeutschland kontinuierlich gewachsen. Anlässlich des 35. Jahrestages der Wiedervereinigung wollen wir den Blick auf den Ökolandbau in Ostdeutschland richten. Wer leistete Pionierarbeit und was passierte mit Bio-Betrieben zu DDR-Zeiten? Was hat sich mit der Wende geändert und wie steht es um die Branche heute?

Die Geschichte des ökologischen Landbaus in Ostdeutschland ist eng mit politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen verbunden. Erste Impulse für einen naturgemäße Bewirtschaftung gab es bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. "Von Rudolf Steiner ging 1924 in Koberwitz bei Breslau eine Art Gründungsimpuls aus. Damals wurde ein Versuchsring ins Leben gerufen, der aber ausschließlich der anthroposophischen Szene vorbehalten war. Im September 1927 wurde dann eine erste Verwertungsgesellschaft gegründet, die auch Nicht-Anthroposophen zugänglich war. Es folgte die Eintragung der Marke Demeter und das erstmalige öffentlichkeitswirksame Angebot von Demeter-Produkten 1929 auf der Grünen Woche in Berlin. Für einige Betriebe in Sachsen war das der Anreiz, sich mit dieser Anbauweise tiefergehend auseinanderzusetzen“, erzählt Eike von Watzdorf vom Ökolandbau-Museum in Sachsen.

Um die Menschen vor Ort über den Ökolandbau und seine Geschichte in Sachsen aufzuklären, wurde das Ökolandbau-Museum 2011 in Heynitz gegründet. Über Rundwege zu ehemaligen und heutigen Bio-Betrieben sensibilisieren Eike von Watzdorf und sein Team zum ökologischen Landbau und organisieren Gesprächsrunden mit ehemaligen Pionieren sowie heutigen Bio-Landwirtinnen und -Landwirten. Mehr Informationen finden Sie unter www.oekolandbaumuseum.de

Vor allem am Anfang waren es große und angesehene Betriebe, die vorangingen und auf die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umstellten. Sie beinhaltete in erster Linie den Verzicht auf Kunstdünger, der schon damals in Landwirtschaft stark forciert wurde, der Aufbau einer Kompostwirtschaft und die Herstellung sowie der Einsatz von Präparaten. Auch lichtdurchflutete Kuhställe für mehr Tierwohl gehörten zu den Maßnahmen der "neuen" Wirtschaftsweise.

Ökologische Landwirtschaft in der DDR: Widerspruch zur Staatsdoktrin

Mit Gründung der DDR wurde es für den aufkommenden Ökolandbau zunehmend schwerer, denn er stand im Gegensatz zur staatlich verordneten Landwirtschaftspolitik. Diese hatte zum Ziel, eine möglichst hohe Produktivität zu erzielen. Landwirtschaftsreformen fokussierten sich daher in erster Linie auf die Industrialisierung, die Massentierhaltung und den Einsatz von Agrochemikalien.

Ab den 1950er-Jahren wurden private Betriebe in sogenannte Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) oder Volkseigene Betriebe (VEB) umgewandelt. Bis Anfang der 1960er-Jahre waren fast alle landwirtschaftlichen Betriebe (zwangs-)kollektiviert. "Bis in die 1970er-Jahre wurden vereinzelt noch Elemente des Bio-Anbaus wie beispielsweise die Kompostwirtschaft in die LPG übernommen. Das passierte aber oft heimlich. Eine bekannte Ausnahme der Kollektivierung war der Hof Marienhöhe in Bad Saarow, deraufgrund seiner österreichischen Besitzverhältnisse auch während der DDR weiterhin ökologisch wirtschaften durfte", erklärt von Watzdorf.

Umweltbewusstsein und Widerstand in der DDR

Die industrialisierte Landwirtschaft verursachte in weiten Teilen der DDR gravierende Umweltprobleme: Bodenverseuchung sowie Gewässer- und Luftverschmutzung durch den massiven Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln und Düngemitteln. Auch die Biodiversität litt stark unter der Intensivierung. Das blieb in der Bevölkerung nicht unbemerkt.

Die Menschen in der DDR machten zunehmend Gebrauch von dem sogenannten Eingabegesetz, das 1975 verabschiedet wurde. Dies beinhaltete das Recht auf das Einreichen einer sogenannten Eingabe beziehungsweise Beschwerde als Einzelperson oder Kollektiv. So thematisierten Eingaben immer häufiger die Verschmutzung von Luft und Gewässer. Lange bestand in der weiten Bevölkerung die Hoffnung, dass ihre Beschwerden eine Verbesserung der Umwelt herbeiführen würden. Doch diese Hoffnung schwand zunehmend und die Menschen suchten sich neue Wege, um auf die Umweltbelastungen aufmerksam zu machen. Engagement kam dabei vor allem von ehrenamtlichen Umwelt- und Tierschutzgruppen, die Missstände akribisch dokumentierten.

Ab den 1980er-Jahren wuchs der Widerstand gegen die industrielle Landwirtschaft und die Umweltzerstörung rasant. Die Kirche spielte dabei eine zentrale Rolle. "1980 wurde der Arbeitskreis Landwirtschaft und Umwelt am Kirchlichen Forschungsheim (KFH) in Wittenberg gegründet. Dort trafen sich aus allen Regionen der damaligen DDR junge Landwirtinnen und Landwirte sowie Gärtnerinnen und Gärtner, um über Alternativen zur umweltzerstörerischen Intensivlandwirtschaft nachzudenken", erzählt Eike von Watzdorf. Der Großteil der Mitglieder des Arbeitskreises gründeten dann im Mai 1989 in Dresden, kurz vor Ende der DDR, den ersten ostdeutschen Bio-Anbauverband: der Gäa e.V. Zweck war und ist es bis heute die ökologische Landwirtschaft in den neuen Bundesländern zu fördern. Inzwischen ist Gää auch bundesweit und sogar über die Landesgrenzen hinweg aktiv.

Neuanfang für den Ökolandbau

Nach dem Zusammenbruch der DDR eröffnete sich für landwirtschaftliche Betriebe die Möglichkeit, den ökologischen Landbau so umsetzen zu können, wie er während der DDR gar nicht oder nur in vereinzelten Ausnahmefällen existierte. Der Anfang war dennoch nicht einfach. "Für den Großteil der Menschen im Osten war der ökologische Landbau fremd, eine Feldbewirtschaftung ohne Chemie schwer vorstellbar. Die Entwicklung des Ökolandbaus in Sachsen beispielsweise verlief daher auch sehr langsam. Zum Jahreswechsel 1993/ 1994 gab es gerade einmal 42 zertifizierte Bio-Betriebe. Mit Ende der 1990er-Jahre wurde nur ein Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Sachsen ökologisch bewirtschaftet“, betont von Watzdorf.

2024 und damit nahezu 30 Jahre später, lag der Bio-Anteil an der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Sachsen schon bei 10 Prozent. Das ist weniger als im deutschen Durchschnitt, dennoch hat sich der Flächenanteil vor allem in den Jahren 2016 bis 2022 kontinuierlich erhöht.

Auf einen Blick: Ökolandbau in den Bundesländern

Durch die Umstrukturierung der landwirtschaftlichen Betriebe (z. B. LPG) war es möglich, von Anfang an großflächige Betriebe auf eine ökologische Bewirtschaftung umzustellen. Viele Bio-Betriebe im Osten bewirtschaften daher auch heute noch deutlich größere Flächen als Bio-Betriebe im bundesweiten Durchschnitt. Insgesamt ist die Bio-Fläche in den östlichen Bundesländern von 2014 bis 2024 auf über 700.000 Hektar angestiegen – nahezu eine Verdopplung.

Mähdrescher auf einem Getreidefeld

22.09.2025Aktuelles

Wie steht es um die Bio-Branche in Ostdeutschland?

Der Ökolandbau ist in Ostdeutschland besonders stark vertreten. Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zählen mit hohen Flächen- und Betriebsanteilen zu den Spitzenreitern in Deutschland. Große Strukturen, Förderprogramme und regionale Initiativen treiben die Entwicklung. Besonders Brandenburg profitiert von der großen Bio-Nachfrage in der Hauptstadt.

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Eine große Herausforderung in den neuen Bundesländern liegt heute oft in den nachgelagerten Bereichen. Es fehlt an regionalen Verarbeitungsstrukturen, aber auch an Vertriebswegen. Um regionale Wertschöpfungsketten aufzubauen hat sich beispielsweise in Sachsen die Agil (Sächsische Agentur für regionale Lebensmittel) gegründet. Sie möchte zwischen Erzeugung, Verarbeitung und Handel vermitteln und teilnehmende Betriebe bei der Etablierung einer Wertschöpfungskette unter die Arme greifen.

Auch die Ökomarktgemeinschaft Thüringen und Sachsen (ÖMG) hat sich das Ziel gesetzt, in, aus und für die Region Bio-Lebensmittel zu vermarkten – entweder per Online-Shop oder über eine Abokiste.

Wenn auch Sie mehr über die Landwirtschaft in den neuen Bundesländern erfahren wollen, werfen Sie gerne einen Blick auf die Karte des Netzwerks Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau.

Teilnehmende Höfe aus

  • Sachsen,
  • Sachsen-Anhalt,
  • Thüringen,
  • Brandenburg,
  • Berlin und
  • Mecklenburg-Vorpommern

zeigen, wie vielfältig Ökolandbau sein kann und laden zu regelmäßigen Veranstaltungen vor Ort ein.

Stimmen aus dem Netzwerk der Demobetriebe:

Der Großraum Dresden und besonders die Region Radebeul liegt im wunderschönen Elbtal. Von unserem Acker aus können wir die Weinberge sehen und sind so eingebettet in eine spannende Kulturlandschaft. Wir haben hier viele spannende Menschen und – im Vergleich zu anderen großen Städten – noch relativ bezahlbare Wohnungen und Lebenshaltungskosten. Potenziale für unsere Region sehe ich in den vielen kleinen Höfen und deren Vernetzung vor Ort. Wir haben hier im Bereich Ökolandbau viele spannende Projekte und mit der VG Dresden eine der größten Verbrauchergenossenschaften für Bio-Lebensmittel Deutschlands – das hilft kleinen Bio-Betrieben enorm bei der Vermarktung. Als Herausforderung sehen wir hier die politische Situation mit sehr hohen Stimmzahlen für Parteien, denen zukunftsfähige Landwirtschaft nicht wichtig ist und die auch sonst nicht mit Menschlichkeit glänzen. Doch gerade jetzt ist der Zusammenhalt wichtig, um zu zeigen, dass Bio-Landwirtschaft funktioniert, sich trägt und auch alternative Wirtschaftsmodelle – wie in unserer Solidarischen Landwirtschaft deinHof e.V. – Bausteine einer resilienten, regionalen Lebensmittelversorgung sind. Julia Mertens, Vorständin vom Demobetrieb deinHof e.V. in Sachsen

Unser Betrieb liegt im ehemaligen Grenzgebiet zu Niedersachsen am Rande des Biosphärenreservat Drömling. Das Biosphärenreservat ist ein ehemaliges Moorgebiet. Durch die 250 Jahre währenden Bemühungen das Gebiet trockenzulegen, kam es zu einem erheblichen Abbau der Torfschicht. Heute ist das Gebiet geprägt durch Weiden und Wiesen und ist die Heimat von einer unendlichen Vielzahl von Insekten, Vögeln, Maulwürfen, Rehen und Wildschweinen. Die ökologische Beweidung mit Rindern fördert diese Entwicklung. Die robusten und leichtfuttrigen Galloways halten die Wiesen frei und die Kuhfladen sind ein Leckerbissen für tausende Kleinstlebewesen und wunderbares Baumaterial für die Vögel. Vielfalt ist wunderbar! Der Austausch zwischen Bio-Betrieben, den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie den Touristinnen und Touristen über die Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Naturschutz, Vielfalt, Nachhaltigkeit und Landwirtschaft macht meine Tätigkeit als Bio-Bauer so befriedigend. Der Konsum von hochwertigen Lebensmitteln aus einer wunderbaren Landschaft erzeugt eine besondere Wertschätzung gegenüber der Region und unserer Bio-Landwirtschaft. Unser Leitmotiv ist "Langsam ist schneller und weniger ist mehr!" Jörg Lauenroth-Mago, Betriebsleiter des Galloway-Zuchtbetrieb Lauenroth-Mago in Sachsen-Anhalt

Kulinarisch können Sie sich von unseren BioSpitzenköchen inspirieren lassen. Von Olaf Herzig aus Leipzig, Ottmar Pohl-Hoffbauer aus Berlin und Tino Schmidt aus dem thüringischen Heßdorf finden Sie zahlreiche Rezepte in unserem Portal, die zum Nachkochen anregen.

Lernen Sie unsere BioSpitzenköche kennen:

Preisträger des Bundespreis Ökologischer Landbau 2025: Der Mühlenhof Zeppelin

Der Mühlenhof Zepelin ist ein ökologischer Großbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern mit 2.100 Hektar Acker- und Grünland, 800 Mast- und Aufzuchtfärsen und 30 Mitarbeitenden. Er entstand durch den Zusammenschluss mehrerer ehemaliger LPG. Um sowohl den Klimaschutz als auch den Bodenschutz in den Fokus zu nehmen, wurden mehrere Maßnahmen ergriffen. Dazu gehört die Reduzierung der Bodenbearbeitung um 25 % sowie eine breite Fruchtfolge mit bis zu 17 Kulturen. Untersaaten, Mischkulturen und mehrjährige Pflanzen fördern dabei sowohl die Bodengesundheit als auch die Biodiversität. Die Tierhaltung mit Rindern und Schafen ist fest in den Ackerbau integriert und trägt zur organischen Nährstoffversorgung bei. Eine eigene Biogasanlage schließt den Nährstoffkreislauf und liefert gleichzeitig Energie. Modernste Technik, darunter GPS-gesteuerte Maschinen, autonome Hackroboter und eigene Wetterstationen, unterstützen eine präzise und nachhaltige Bewirtschaftung. Für dieses durchdachte und ganzheitliche Konzept wurde der Mühlenhof 2025 als Sieger im Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau in der Kategorie "gesamtbetriebliche Konzeption" ausgezeichnet.

Die detaillierte Jurybegründung finden Sie hier

Das Betriebsporträt lesen Sie hier


Letzte Aktualisierung 24.09.2025

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