Hof Marienhöhe

Bio-Landwirtschaft in der DDR: Die Geschichte des Hofs Marienhöhe

Hof Marienhöhe war wahrscheinlich der einzige privat geführte Bio-Betrieb der DDR. Wie sich der Betrieb durch diese Zeit kämpfte und was nach der Wiedervereinigung passierte, erzählt Helmut Kolzer im Interview. Er kümmert sich heute auf Hof Marienhöhe neben den Hofführungen und der Bäckerei um das Rechnungswesen.

Oekolandbau.de: Die Standortbedingungen des Hofes Marienhöhe waren für eine ertragreiche Landwirtschaft ungünstig, als 1928 mit der biologisch-dynamischen Landwirtschaft begonnen wurde. Wie hat sich der der Hof nach fast 100 Jahren biologisch-dynamischer Bewirtschaftung entwickelt?

Helmut Kolzer: Für den Hofgründer Erhard Bartsch waren die kargen Böden rund um das Gut Marienhöhe der ausschlaggebende Grund, mit der biologisch-dynamischen Landwirtschaft zu beginnen. Er wollte zeigen, dass mit einer aufbauenden Humuswirtschaft und dem Einsatz von Präparaten die Erträge verbessert werden können. Dazu gehörte für ihn auch das Anlegen von Hecken, um kleinteiligere Feldstrukturen herzustellen und vor allem die Winderosion zu vermindern. Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise wurde auch in der DDR beibehalten. Da jedoch jeder Landwirtschaftsbetrieb ein Abgabesoll zu leisten hatte, musste die Bewirtschaftung intensiviert werden, worunter der Boden stark litt. Beim Abgabesoll wurden keine Ausnahmen gemacht – auch nicht für ertragsarme Böden. Ende der 1960er-Jahre wurden die Möglichkeiten für die Bewirtschaftung offener. Um den Hof weiterhin zu erhalten, setzte man zusätzlich auf den Anbau von Schnittblumen. Bei Gartenprodukten gab es keine staatlich festgelegten Preise wie bei Landwirtschaftsprodukten. Hinzukam, dass Blumen Mangelware in der DDR waren. Mit der Öffnung der Grenze konnte langsam wieder eine Direktvermarktung aufgebaut werden. Für Bio-Produkte gab es endlich einen Absatzmarkt, zunächst aber vor allem in Berlin. Mit der Wiedervereinigung erledigte sich dann allerdings der Anbau von Schnittblumen auf Hof Marienhöhe nahezu komplett, da Blumen aus den Niederlanden den Markt dominierten.

Oekolandbau.de: Hof Marienhöhe ist wahrscheinlich der einzige Hof, der auch zu DDR-Zeiten biologisch bewirtschaftet wurde. Wie konnte der Hof die Zeiten überstehen? Wie wurde er dadurch geprägt?

Helmut Kolzer: Eine zertifizierte biologische Landwirtschaft gab es in der DDR nicht. Der Hof Marienhöhe setzte jedoch die ganze Zeit über auf konsequente Kompostarbeit und biologisch-dynamische Präparate. Es wurden weder mineralische Dünger noch chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verwendet. Der Hof konnte privatwirtschaftlich fortgeführt werden, da der Gründer Erhard Bartsch die österreichische Staatsbürgerschaft annahm und nach Österreich übersiedelte. Da es sich somit beim Hof Marienhöhe um einen österreichischen Besitz handelte, konnte dieser nicht enteignet werden.

Oekolandbau.de: Nach der Wende wurde der Hof einem gemeinnützigen Verein geschenkt. Wie hat sich der Hof seitdem verändert?

Helmut Kolzer: Einige Menschen, die während der DDR hier schon auf dem Hof gearbeitet hatten, konnten durch die Schenkung den Betrieb nach der Wende übernehmen. Sie verpflichteten sich, den Betrieb als Hofgemeinschaft fortzuführen, bei der die Verantwortung auf mehreren Schultern liegt. Seitdem wird der Hof so geführt. Alle, die einen festen Arbeitsplatz und Lebensmittelpunkt auf Hof Marienhöhe haben, haben ein Mitspracherecht – bei der Entwicklung des Hofes, bei größeren Anschaffungen oder was das Personal betrifft.

Oekolandbau.de: Wo sehen Sie die Vorteile einer Betriebsgemeinschaft? Wo liegen die Herausforderungen?

Helmut Kolzer: Man hat die Chance – wenn man sich die Zeit nimmt und die Geduld hat – Konsensentscheidungen zu treffen. Dies führt dazu, dass diese dann auch gemeinsam getragen werden. Das trägt auch zum sozialen Zusammenhalt bei – und zur Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Herausforderung ist allerdings, dass es unter Umständen länger dauert bis Projekte umgesetzt werden. Insbesondere bei größeren Projekten kann es sich durchaus mal ein oder zwei Jahre ziehen, bevor Entscheidungen spruchreif sind und man dann tatsächlich in die in die Planung einsteigen kann.

Oekolandbau.de: Glauben Sie, dass sich das Konzept der Betriebsgemeinschaft durchsetzen wird?

Helmut Kolzer: Das kann man nicht allgemeingültig sagen, weil die Hofstrukturen und -voraussetzungen immer unterschiedlich sind. Aber es gibt gerade bei biologisch-dynamisch bewirtschafteten Betrieben viele Hofgemeinschaften, die ähnlich strukturiert sind wie der Hof Marienhöhe. Aber natürlich ist jeder Betrieb individuell. Wir gehen ja davon aus, dass ein Betriebsorganismus so etwas wie eine eigene Seele hat, die es zu erspüren gilt. Wir haben auf jeden Fall regelmäßig Besucherinnen und Besucher auf dem Hof, die das Betriebskonzept näher kennenlernen wollen.

Oekolandbau.de: Wo sehen Sie Herausforderungen, aber auch Chancen für den Ökolandbau in den kommenden Jahren?

Helmut Kolzer: Die ökologische Landwirtschaft steht aktuell ganz schön unter Druck. Einzelhandelsketten haben inzwischen Bio-Produkte für sich entdeckt und bestimmen zunehmend die Preise. Grundsätzlich könnte da die Direktvermarktung eine Lücke schließen. Aber im Grunde genommen muss jeder Betrieb für sich entscheiden, ob er die zusätzliche Arbeit leisten kann und ob er auch die nötigen Erlöse erzielt. Hinzu kommt, dass sich eine eigene Kundschaft auch erst einmal bilden muss. Das geht nicht von heute auf morgen. Letztlich müssten die Preise für Öko-Lebensmittel immer auskömmlich sein für die Landwirtinnen und Landwirte. Das sind sie momentan leider häufig nicht.


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Letzte Aktualisierung 25.09.2025

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