Herr Rosenberg, Sie sind Teil des Kesselkollektivs seit der ersten Stunde. Wie kam es dazu? Wie haben Sie sich gefunden?
Matthias Rosenberg: Ich kannte die anderen Produzenten schon vorher, die zunächst in anderen Küchen als Untermieter zusammengearbeitet hatten. 2020 gab es den Wunsch, eigene Räumlichkeiten zu gestalten und zu beziehen. Ich hatte den Wunsch, vier Jahre nach Gründung meines Unternehmens und Arbeit in einer nur tageweise gemieteten Küche, eigene Räumlichkeiten zu beziehen. So hatten wir die Möglichkeiten alte Industrieräumlichkeiten in Leipzig nach unseren Wünschen und Bedürfnissen, teilweise in Eigenleistung, auszubauen.
Welche Räumlichkeiten und Ausstattung gibt es am Standort?
Matthias Rosenberg: Es gibt die normale Küchenausstattung für Cateringküchen und eine Brauerei sowie ein Gefrier- und Kühlhaus, Maschinen zur Eisproduktion, einen größeren Kochkessel, unterschiedliche Abfüllsysteme für flüssige und pastöse Produkte, einen großen Gemüseschneider, eine Ölmühle, eine Saftpresse, eine Passiermaschine zur Fruchtverarbeitung, einen großen Cutter zur Herstellung von Pasten sowie eine Etikettiermaschine für Flaschen und Gläser.
Wie ist das Kollektiv organisiert? Wie gehen Sie finanziell mit Neuanschaffungen und Umbauten um?
Matthias Rosenberg: Wir sind acht eigenständige Unternehmen, die alle selbst die gemieteten Flächen nach einem Verteilungsschlüssel bezahlen. Wir haben am Anfang die Küchen untereinander aufgeteilt, so dass die jeweiligen Küchenteams für die Grundausstattung in ihren Küchen gesorgt haben. Wer heute von einem anderen Unternehmen Geräte nutzen möchte, mietet zum Beispiel Abfülltechnik tageweise von einem anderen Unternehmen beziehungsweise das Kühl- und Gefrierhaus monatsweise. Ich biete aber auch an, in Lohnarbeit für andere Unternehmen im Haus bestimmte Arbeitsgänge durchzuführen, da ich in den vergangenen Jahren viel in Produktionstechnik investiert habe, um meine Arbeitsprozesse effizienter zu gestalten. Um diese noch stärker auszulasten, können aber auch externe Unternehmen, zum Beispiel Gärtnereien in der Region, sich von mir Produkte aus ihren Rohstoffen herstellen lassen, die sie dann in ihren Abo-Kisten vermarkten.
Natürlich gibt es, wie in jeder gut organisierten WG, auch Plena zu verschiedenen Themen, die uns alle angehen. So gibt es auch Putzpläne für gemeinschaftlich genutzte Flächen, Verantwortliche für das Schädlings- und Müllmanagement, Kostenverteilung und Einkauf.
Bei Neuanschaffungen von gemeinschaftlich genutzten Dingen, wie zum Beispiel einer Industriespülmaschine, wird natürlich über Modelle und Preise, gebrauchte - oder Neuware diskutiert. Anhand eines Nutzungsschlüssels werden dann die Kosten für das jeweilige Unternehmen berechnet.
Um unsere Produkte in die Läden der Region zu liefern, hat sich aus der Gemeinschaft heraus ein kleines Logistikunternehmen, das „Kostkollektiv“ gegründet, welches 14-tägig in den kalten Jahreszeiten die Produkte ausliefert. In der Eis-Saison erfolgt einewöchentlicheBelieferung von Läden und Eisdielen. Mittlerweile nutzen zwölf verschiedene Firmen diese Möglichkeit.
Welche Vorteile hat man als Verarbeitungsunternehmen durch das Teilen von Fläche und Ausstattung mit anderen Unternehmen?
Matthias Rosenberg: Für mich hat das gemeinschaftliche Arbeiten große Vorteile. Da ich noch immer ein Ein-Mann-Unternehmen bin, sind zeitweise zusätzliche helfende Hände notwendig, die dann schnell mal zugreifen oder Ware entgegennehmen, wenn ich nicht auf dem Gelände bin. Auch ist der tägliche Austausch untereinander wichtig und bietet immer wieder Anregungen zu verschiedenen Themen. So bekommt man auch mit, wie es anderen Lebensmittelhandwerksbetrieben geht. Ohne diese Gemeinschaft hätte ich vermutlich schon auf halbem Wege aufgegeben.
Ansonsten kaufen wir aber auch gemeinsam Rohstoffe, wie Gläser, Flaschen sowie Zutaten ein und sparen so Logistikkosten. Ich entsteine aber auch Früchte für die Eismanufaktur im Haus.
Welche Tipps können Sie anderen Regionen mitgeben, die ähnliche Zusammenschlüsse planen?
Matthias Rosenberg: Wichtig ist ja, dass Menschen und Ideen zusammenpassen, finanzielle Möglichkeiten ehrlich besprochen werden und niemand mit seinen Ideen verloren geht. Uns hat es gut getan, dass jedes Unternehmen finanziell unabhängig vom anderen ist, sodass in Krisenzeiten niemand für den anderen haften muss. Auch war von Vorteil, dass wir uns vorher schon kannten. Am Anfang sollte man sich doch die Zeit nehmen, um miteinander zu planen und die jeweiligen Vorstellungen von der gemeinsamen Zukunft zu besprechen, um möglichst viele potenzielle Konflikte zu vermeiden, die in Gemeinschaften entstehen können. Auch sollte man die unterschiedlichen Beratungsmöglichkeiten zur Existenzgründung, Fördermitteln und Marktanalysen nutzen. Wichtig ist auch, die Wachstumspotenziale im Blick zu behalten, die meist mit größeren Investitionen verbunden sind. Da steht die Frage irgendwann im Raum, möchten wir weiter wachsen, auch um kosteneffizienter zu produzieren oder hört das Projekt an der Stelle auf, wo größeren Investitionen getätigt werden müssen und keine externen Investoren mit ins Boot geholt werden sollen.