Wie laufen die Gespräche mit Herstellern ab, wenn es darum geht, eigentlich unverkäufliche Produkte in Ihren Shop aufzunehmen. Mit welchen Argumenten überzeugen Sie am häufigsten?
Die herstellenden Unternehmen sind eigentlich immer sehr drauf bedacht, möglichst ressourcenschonend zu wirtschaften. Sie vermeiden Lebensmittelverschwendung schon aus ökonomischen Gründen. Dennoch gibt es manchmal unvorhersehbare Fälle. Dazu zählen Absagen aus dem Handel und somit unerwartet weniger Absatz. Da die Restlaufzeitanforderungen der Partner sehr hoch sind, gibt es oft keinen Absatzmarkt für die etwas älteren Lagerbestände. Auf der anderen Seite gibt es auch immer wieder mal Produktionsfehler und Testläufe oder schwankende Rohstoffqualitäten, die zu einer kleineren Veränderung am Produkt führen und somit nicht mehr der Verbraucherinnen- und Verbrauchererwartung einer "Besten Qualität" entsprechen. Es braucht also alternative Absatzwege mit zum Beispiel kürzeren Restlaufzeitanforderungen.
Auch wenn die Zahlen der vermeidbaren Abfälle in der Lebensmittelverarbeitung anteilig überschaubar sind, wird die Diskussion in der Öffentlichkeit sehr hitzig geführt. Es ist also kein Wunder, dass es bei dem Austausch in erster Linie um das Vertrauen geht, gemeinsam eine Lösung zu finden. Da wir nur mit Öko-Verarbeitungsunternehmen arbeiten, ist die Motivation sehr hoch, die qualitativ hochwertigen Produkte im Kreislauf zu halten. Dennoch muss der Prozess finanziell und personell abbildbar sein. Wir versuchen einfache und pragmatische Lösungen zu finden, die zu den jeweiligen Unternehmen passen. Ich denke das ist unser bestes Argument.
Wie vermarktet man ein 'zweite Wahl'-Produkt erfolgreich? Welche Rolle spielen dabei Sortimentsentscheidungen und Preispsychologie bei geretteten Produkten?
Ich würde schon sagen, dass unsere Kundinnen und Kunden erwarten, dass Abweichungen von der gewohnten Qualität sich auch preislich niederschlagen sollen. Deshalb bieten wir alle Produkte mit Abweichungen zwischen 30 und 80 Prozent günstiger an und das ist sicherlich auch eins von mehreren Verkaufsargumenten. Gleichzeitig ist es natürlich auch aufwändiger einzukaufen, da unser Sortiment wöchentlich wechselt und wir selber teilweise am Anfang einer jeden Woche nicht wissen, welche Produkte am Ende der Woche im Shop landen.
Unsere engen Kooperationen mit einigen Unternehmen, wie zum Beispiel Taifun Tofu, Topas (Wheaty) und Veganz sorgen dafür, dass wir regelmäßig zumindest bestimmte Marken im Shop haben. Wir arbeiten dafür an langfristigen und verlässlichen Vereinbarungen. Das hilft auch unseren Kundinnen und Kunden ein gewohntes Sortiment erwarten zu können.
Gibt es Produktgruppen oder Marken, die besonders häufig vertreten sind und was sagt das Ihrer Meinung nach über Fehlplanungen oder Überproduktionen in der Lebensmittelindustrie aus?
Ich denke ein klassischer Fall sind Gemüse oder Backwaren. Das liegt aber nicht in erster Linie an der Gruppe, sondern an der Frischeerwartung und Verderblichkeit. Bei verpackten Lebensmitteln ist es schon etwas anders. Hier besteht die größte Herausforderung aus meiner Sicht darin, dass immer gefüllt Regale trotz schwankender Absätze erwartet werden. Die Lebensmittelindustrie muss somit eine Lieferfähigkeit garantieren und wird auch empfindlichen sanktioniert.
Welche konkreten Erfahrungen haben Sie mit rechtlichen Hürden gemacht – etwa bei Kennzeichnungspflichten, dem Verkauf abgelaufener MHD-Produkte oder in der Zusammenarbeit mit Behörden?
Bisher haben wir einen sehr konstruktiven Austausch mit den zuständigen Behörden. Es gibt sicherlich grundlegende rechtliche Rahmenbedingungen, die man diskutieren müsste. So gibt es Produkte, die sehr lange haltbar sind, wie zum Beispiel Salz oder Essig, wo durchaus ein Herstellungsdatum zielführender wäre. Viele unsere Produkte sind Restlaufzeitware und wir verkaufen sie bereits vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD). Die für uns größte Herausforderung, ist die qualitative Überwachung der Produkte nach MHD, da diese sehr arbeitsintensiv ist. Das kommt zum Glück eher selten vor und nur bei Produkten mit niedrigem Risiko.
Ich denke ein Hauptaspekt ist die Erwartung, dass immer alles verfügbar ist und die damit verbundenen Handelsvereinbarungen. Mehr Transparenz und Verständnis entlang der gesamten Lebensmittelwertschöpfungskette wäre sicherlich der größte Hebel. Das schließt auch die Verbraucherinnen und Verbraucher ein, die durch die allgegenwärtige Niedrigpreispolitik sehr wenig Wertschätzung für den Wert von Lebensmittel mitbringen.
Haben Sie Zahlen, wie viel CO₂, Wasser oder Verpackungsmüll durch Ihre geretteten Produkte durchschnittlich eingespart werden und nutzen Sie diese Zahlen für Ihr Marketing?
Wir verkaufen jährlich circa 150.000 Produkte und sorgen dafür, dass damit rund zehn Tonnen Lebensmittel in den Kreislauf geführt werden. Natürlich könnte man damit plakativer werben, ich halte allerdings eine eins-zu-eins Berechnung für falsch. Sicherlich hätten einige der Produkte auch andere Wege gefunden. Deshalb halten wir uns eher zurück mit solchen Marketingaussagen, weil wir die Diskussion nicht weiter künstlich aufheizen wollen. Ich finde es wichtig, dass wir hier ein realistisches Bild zeichnen.