Verarbeitung: Der übersehene Flaschenhals der Bio-Wertschöpfung

Verarbeitung: Der übersehene Flaschenhals der Bio-Wertschöpfung

Bio-Produkte sind gefragt – doch es fehlt an Bio-Verarbeitungsbetrieben. Der Rückgang handwerklicher und mittelständischer Betriebe macht regionale Bio-Wertschöpfungsketten anfällig und bremst ihren Ausbau. Im Interview erläutern Carola Krieger und Friedhelm von Mering vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), warum die Verarbeitung zum Flaschenhals geworden ist und wie man es schaffen kann, mehr Verarbeitungsunternehmen für Bio zu gewinnen.

Oekolandbau.de: Aus Sicht des BÖLW ist die Verarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe ein oft übersehener Flaschenhals zwischen Landwirtschaft und Handel. Können Sie dies bitte näher erläutern.

Carola Krieger: Der Ausbau des Ökolandbaus ist nur mit einer starken Bio-Ernährungswirtschaft realisierbar: Ohne Öko-Mühle, Öko-Bäckerei oder Bio-Brauerei gibt’s keinen Hektar Öko-Getreide. Ohne Öko-Metzgereien keine Bio-Fleischprodukte. Bio-Rohstoffe sind besonders vielfältig, denn durch vielgliedrige Fruchtfolgen, Verzicht auf synthetische Dünge- und Pflanzenschutzmittel entstehen hochwertige, aber teils auch weniger homogene Rohstoffe. Ihre Verarbeitung erfordert daher Unternehmen mit passender Struktur, Technologie und Know-how. Außerdem sind Bio-Rohstoffe in vielen Regionen (noch) nicht in großen Dimensionen verfügbar, daher werden für deren Verarbeitung eher kleine und mittlere Betriebe benötigt.

Dieser Bedarf steht aktuell in starkem Widerspruch zum dramatischen Strukturwandel in der Lebensmittelverarbeitung insgesamt.

Die Zahl der mittelständischen oder handwerklichen Lebensmittelverarbeitungsunternehmen schrumpft seit Jahrzehnten. Die verbleibenden Betriebe sind oft technisch gar nicht mehr in der Lage, kleinere und weniger homogene Chargen von Bio-Rohstoffen aufzunehmen. So hat sich die Verarbeitung über Jahrzehnte zum Flaschenhals gerade auch in Bio-Wertschöpfungsketten entwickelt und ist krisenanfälliger geworden. Für resiliente Wertschöpfungsketten braucht es aus unserer Sicht eine Vielzahl an vielfältigen Verarbeitungsstrukturen.

Die deutsche Bio-Verarbeitungslandschaft in Zahlen – Ergebnisse aus der BÖLW-Umfrage

Oekolandbau.de: In Zeiten, in denen die Menschen ihr Geld zusammenhalten und auch beim Lebensmitteleinkauf sparen – warum lohnt es sich dennoch für eine Fleischerei, Bäckerei oder Mühle, auf Bio umzustellen?

Carola Krieger: Trotz Inflation und steigender Lebenshaltungskosten sind die Umsätze und die Nachfrage nach Bio auch in den vergangenen Jahren weiter gestiegen. Immer mehr Menschen legen Wert auf Bio und Tierwohl und fragen Bio-Produkte nach, auch wenn sie insgesamt preissensibler einkaufen. Gerade für kleinere Fleischereien, Bäckereien und Mühlen bietet eine Umstellung auf Bio somit die Chance, sich durch staatlich geprüfte Qualitätsstandards der Konkurrenz abzuheben. Von daher, nur Mut!  

Ein starkes Argument für die Umstellung auf ökologische Produkte ist, dass Bio als Qualitätsstandard bei Endverbraucherinnen und -verbrauchern bekannt und anerkannt ist. Das Bio-Siegel genießt breites Vertrauen und Kundinnen und Kunden sind bereit, dafür einen Aufschlag zu bezahlen.

Oekolandbau.de: Was sind bei den Unternehmen die größten Hürden für eine Bio-Umstellung?

Friedhelm von Mering: Wie bei vielen Veränderungen steht an erster Stelle die Entscheidung im Kopf, etwas Neues zu wagen. Je nach Betriebsart und Rohstoffqualität müssen eventuell Rezepturen oder Abläufe verändert werden. Und auch die Mitarbeitenden sollten für die (Teil-)Umstellung mitgenommen und motiviert werden.

Oekolandbau.de: Welchen Einfluss haben die Bio-Kontrollen auf die Entscheidung für oder gegen eine Umstellung?

Friedhelm von Mering: Eine kleine psychologische Hürde ist manchmal die Bio-Kontrolle. Bio-Verarbeitungsunternehmen werden einmal jährlich durch eine Öko-Kontrollstelle überprüft und kontrolliert. An dieses Prozedere müssen sich einige zunächst gewöhnen und Vertrauen aufbauen – schließlich kann es ungewohnt sein, einer außenstehenden Person die eigenen Betriebsunterlagen offenzulegen.

Daneben kann es auch praktische Herausforderungen geben. So braucht die Verarbeitung von Bio-Rohstoffen handwerkliches Know-how und hierfür braucht es wiederum geeignete Fachkräfte, die das notwendige Wissen mitbringen oder sich aneignen möchten. In vielen Berufsfeldern herrscht jedoch Fachkräftemangel, Berufsschulen vermitteln teils wenig Wissen zur Bio-Verarbeitung.

Oekolandbau.de: Wenn mehr Betriebe umstellen, braucht es auch mehr Bio-Rohware. Ist ein ausreichendes Angebot vorhanden?

Carola Krieger: In der Tat ist auch die Frage der regionalen Rohwarenverfügbarkeit für umstellungsinteressierte Unternehmen relevant. Hier können verbindliche Bio-Ziele in den Bundesländern und ein klares Signal der Politik viel bewirken. Grundsätzlich zeigt sich, dass Mühlen oder größere Bäckereien eine enorme Sogwirkung entfalten können und die Umstellung auf den landwirtschaftlichen Betrieben stark befördern. Die Umstellung der Hofpfisterei, der größten Bio-Bäckerei in Deutschland, hat beispielsweise die Entstehung des Naturland-Verbandes wesentlich befördert, in Norddeutschland waren Bio-Mühlen wie die Bohlsener Mühle oder die Bauck Mühle wichtige "Keimzellen" der ökologischen Produktion, ebenso wie die Rolle-Mühle in Sachsen. Hier ergibt sich quasi ein positiver Push- and Pull-Effekt.

Oekolandbau.de: Manche Getreideverarbeitenden oder Bäckereien befürchten, dass die Nachfrage nach Bio-Getreideprodukten oder Bio-Backwaren stagnieren wird. Ist diese Sorge berechtigt?

Friedhelm von Mering: Hier zeigen die Umsatzzahlen, dass die Bio-Nachfrage stetig wächst. Um einem (zu) starken Konkurrenzkampf oder Preisdruck auszuweichen, kann es gerade für kleinere getreideverarbeitende Unternehmen und Bäckereien sinnvoll sein, auf eine spezielle Nische zu setzen. Mit glutenfreien Produktvarianten, Produkten aus Emmer oder anderen traditionellen Getreidesorten oder auch der transparenten Verarbeitung von Bio-Rohstoffen aus der Region kann man sich von der Konkurrenz differenzieren und die Alleinstellung stärken.

Oekolandbau.de: Allgemein beklagt die deutsche Wirtschaft die überbordende Bürokratie und die Landwirtschaft die aufwendigen Dokumentationspflichten. Trifft dies auch auf die Bio-Verarbeitung zu?

Carola Krieger: Oh ja! Bio-Betriebe sind teils doppelt betroffen, da sie zusätzlich zur regulären Bürokratie in Lebensmittelverarbeitungsbetrieben auch noch Dokumentationspflichten zur Bio-Qualität zu erfüllen haben.

Zudem ist die Bio-Verarbeitung eher mittelständisch oder handwerklich strukturiert, verfügt also selten über eigene Abteilungen für die Erledigung von Dokumentations- und Berichtspflichten. Stattdessen müssen sich die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter selbst um die Bürokratie kümmern und sind somit häufig stark im Büro eingebunden. Mit gezielten Maßnahmen zur Entlastung von Bio-Unternehmen könnte die Politik auf Bundes- und Länderebene hier wichtige Impulse zur Stärkung von Wirtschaft und Nachhaltigkeit geben.

Oekolandbau.de: Welche Maßnahmen und Anreize braucht es, damit mehr Verarbeitungsunternehmen auf Bio umstellen?

Friedhelm von Mering: Grundsätzlich ist für umstellungsinteressierte Betriebe wichtig, dass sie sich auch künftig auf eine verlässliche Nachfrage nach Bio-Produkten einstellen können. Die Politik kann hier Impulse geben, zum Beispiel durch verbindliche Bio-Quoten für Brot und Brötchen in der öffentlichen Beschaffung und Gemeinschaftsverpflegung in Schulen, Kitas und Kantinen.

Es ist hilfreich, wenn die Politik die Verarbeitungsebene gezielt stärkt.

Häufig beziehen sich Bio-Ziele und andere agrarpolitischen Maßnahmen vor allem auf die landwirtschaftliche Erzeugung, beispielsweise mit Flächenzielen in den Bundesländern. Doch damit die Rohwaren in den Regalen und auf den Tellern der Menschen ankommen können, braucht es die Verarbeitungsebene – und die läuft viel zu oft unter dem politischen Radar.

Grundsätzlich wird gerade die mittelständische und handwerkliche Lebensmittelwirtschaft häufig übersehen und nicht konkret politisch gefördert, weder durch die Landwirtschafts- noch die Wirtschaftsministerien – auch weil beide Ressorts die Verantwortung jeweils im anderen Haus sehen. Hier braucht es ein Umdenken und vor allem eine aktive Zusammenarbeit beider Ressorts auf Bundes- und Länderebene.

Oekolandbau.de: Auf welche Fördertöpfe und Beratungsangebote können Bio-Verarbeitungsunternehmen zurückgreifen?

Carola Krieger: Es gibt bereits Fördertöpfe, die für Bio-Unternehmen grundsätzlich geeignet sind, beispielsweise aus Mitteln der GAK (Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes) oder der GRW (Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Regionalen Wirtschaftsstruktur). Leider sind diese Programme jedoch bisher viel zu wenig bekannt (GAK), nicht in allen Regionen nutzbar (GRW) oder zum Teil so kompliziert, dass sie von den Unternehmen kaum oder gar nicht genutzt werden können (GAK). Umstellungsinteressierte Unternehmen und auch bestehende Bio-Betriebe können technologische Beratung zum Beispiel durch die Bio-Verbände nutzen, hier gibt es häufig eigene Ansprechpersonen zu Backwaren, Fleischprodukten etc. Fragen zum Bio-Kontrollsystem können auch die Bio-Kontrollstellen beantworten.

Oekolandbau.de: Wichtig für Verarbeiterinnen und Verarbeiter sind ja auch Informationen zu Investitionen und Förderangeboten. An wen können sie sich wenden?

Friedhelm von Mering: Erste Ansprechpartner für Verarbeitungsunternehmen sind meist die Einrichtungen der örtlichen Wirtschaftsförderung. Die kennen aber oft Angebote aus dem Agrarbereich wie die GAK nicht und können daher den Unternehmen auch nur begrenzt weiterhelfen. Hier sehen wir als Verband eine Lücke und würden dringend empfehlen, die Zugänglichkeit zu Förderprogrammen zu stärken, etwa durch die Gestaltung praxisorientierter Förderleitfäden für Unternehmen und Kommunen, die erwähnte Kooperation von Agrar- und Wirtschaftsministerien oder auch die Einrichtung von Förderlotsen als Anlaufstelle für Unternehmen.

Oekolandbau.de: Welche Impulse für eine Stärkung regionaler Bio-Wertschöpfungsketten sollte die Regierung setzen?

Carola Krieger: Grundsätzlich braucht es ein stärkeres Bewusstsein für die Zusammenhänge in Lebensmittelwertschöpfungsketten und die Notwendigkeit kohärenter politischer Maßnahmen.

Ganz wichtig ist es, bei Nachhaltigkeits- und Bio-Zielen die ganze Kette mitzudenken und Entlastungs- und Förderprogramme mit Nachhaltigkeitszielen zu verknüpfen.

Oekolandbau.de: Mit welchem Ziel?

Carola Krieger: Ziel muss es sein, bundesweit ein vielfältiges, resilientes Netz an mittelständischen Lebensmittelverarbeitungsstrukturen zu erhalten beziehungsweise aufzubauen und diese Strukturen dann gezielt für Bio zu motivieren und bei der Umstellung zu unterstützen. Dazu braucht es praxistaugliche Dokumentations- und Berichtspflichten, mittelstandsgerechte Förderprogramme mit verbindlichen Nachhaltigkeitskriterien und faire Wettbewerbsbedingungen, die die gesellschaftlichen Leistungen von Bio honorieren.

Text und Interview: Nina Weiler

Letzte Aktualisierung 10.03.2026

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