Oekolandbau.de: Welche Ziele sollen erreicht werden?
Sarah Prause: Das Projekt verfolgt mehrere zentrale Ziele, die auf eine nachhaltigere und zukunftsfähige Ernährung und Landwirtschaft abzielen. Ein wichtiger Aspekt ist die Reduktion der Importabhängigkeit. Derzeit stammt ein erheblicher Teil der konsumierten Hülsenfrüchte aus dem Ausland. Wir möchten gezielt den Anbau hochwertiger, heimischer Bio-Speiseleguminosen wie Linsen, Erbsen oder Bohnen fördern. Ziel ist es, diese pflanzlichen Eiweißquellen regional zu produzieren, um Importe zu ersetzen, Transportwege zu verkürzen und die regionale Wertschöpfung zu stärken.
Darüber hinaus soll das Projekt zur Weiterentwicklung der nationalen Eiweißpflanzenstrategie beitragen. Dabei geht es nicht nur um reine Anbauförderung, sondern um einen ganzheitlichen Ansatz: Die Strategie soll durch Forschungsförderung, praxisnahe Beratung, wirtschaftliche Anreize für Landwirtinnen und Landwirte und den Aufbau verlässlicher Vermarktungsstrukturen gestärkt werden. So schaffen wir stabile Rahmenbedingungen für den Ausbau von Eiweißpflanzen im ökologischen Landbau.
Ein weiteres zentrales Ziel ist die Förderung pflanzlicher Eiweißquellen im Ernährungssystem. Wir möchten dazu beitragen, dass ein größerer Teil des gesellschaftlichen Proteinbedarfs künftig durch pflanzliche Alternativen gedeckt wird. Dafür setzen wir auf Aufklärung, Ernährungsbildung und Produktinnovationen, die den Konsum pflanzenbasierter Lebensmittel attraktiver machen – sowohl geschmacklich als auch gesundheitlich. So leisten wir nicht nur einen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz, sondern fördern auch die Gesundheit der Bevölkerung.
Insgesamt zielt das Projekt darauf ab, ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Aspekte miteinander zu verknüpfen und so den Wandel hin zu einem nachhaltigen Ernährungssystem aktiv mitzugestalten.
Oekolandbau.de: Was ist Ihre Aufgabe in dem Projekt?
Sarah Prause: Als Wertschöpfungskettenmanagerin bin ich für die Koordination und das Zusammenspiel aller Akteure entlang der gesamten Wertschöpfungskette verantwortlich – vom Saatgut bis zur fertigen Vermarktung des Produkts. Dabei übernehme ich verschiedene Aufgabenbereiche, die eng miteinander verzahnt sind.
Ein zentraler Teil meiner Arbeit ist die Koordination der gesamten Wertschöpfungskette. Das bedeutet: Ich vertrete das Projekt nach außen, bringe regelmäßig alle Beteiligten – von Landwirtinnen und Landwirte über Verarbeiterinnen und Verarbeiter bis hin zu Vermarktungsunternehmen – in den Austausch und helfe dabei, unterschiedliche Interessen abzustimmen und gemeinsame Ziele zu definieren. Eine enge Zusammenarbeit und transparente Kommunikation sind dabei essenziell.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Koordination des Anbaus und der Saatgutversorgung. Gerade im Biolandbau ist die Verfügbarkeit von hochwertigem, geeignetem Saatgut oft ein Engpass. Deshalb unterstütze ich die langfristige Sicherung des Anbaus, organisiere den Bezug von (Bio)-Saatgut und stehe im Austausch mit Forschungseinrichtungen, um klimatisch angepasste und ertragssichere Sorten weiterzuentwickeln.
Darüber hinaus bin ich für die Bündelung einzelner Leguminosenanbauer zuständig. Aktuell ist der Anbau vor allem im unterfränkischen Raum konzentriert, da dort die klimatischen Bedingungen besonders günstig sind. Ich manage die Liefergruppe, erfasse Anbau- und Erntemengen, kaufe die Ware direkt von den Landwirtinnen und Landwirten ein und koordiniere die Logistik, also die Lieferung der Ernteware zur Aufbereitung – beispielsweise zum Betrieb Endres in Bütthard.
Ein weiterer wichtiger Aufgabenbereich ist die Vermarktung der Rohware sowie die sinnvolle Nutzung von Nebenprodukten und Ausschussware. Ziel ist eine möglichst ganzheitliche Verwertung. Im Lebensmittelbereich arbeiten wir mit Unternehmen zusammen, die die Hülsenfrüchte zu hochwertigen Produkten weiterverarbeiten – wie zum Beispiel Falafel aus Kichererbsen. Doch auch Nebenprodukte, die bei der Aufbereitung entstehen, finden bei uns eine hochwertige Verwendung: So wird etwa der bei der Reinigung anfallende Kichererbsenbruch zu feinem Kichererbsenmehl verarbeitet.
Kurz gesagt: Ich verstehe meine Aufgabe als Brückenbauerin zwischen Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel und Konsum – mit dem Ziel, funktionierende, faire und nachhaltige Bio-Wertschöpfungsketten für Leguminosen zu etablieren.
Oekolandbau.de: Welche Partner sind mit im Boot? Was tragen diese zum Projekt bei?
Sarah Prause: Im Projekt arbeiten wir eng mit mehreren wichtigen Partnerinnen und Partnern zusammen, die jeweils unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven einbringen – diese Zusammenarbeit ist entscheidend für den Erfolg des gesamten Vorhabens.
Ein zentraler Partner ist der Bioland Erzeugerring e.V. Hier ist Simon Siegel als Ackerbauberater tätig. Gemeinsam koordinieren wir das Projekt. Während ich mich vor allem auf die Bereiche Vermarktung und Wertschöpfung konzentriere, ist Simon hauptsächlich draußen auf den Feldern unterwegs. Er unterstützt die Landwirtinnen und Landwirte bei allen Fragen rund um den Anbau – insbesondere zu produktionstechnischen Aspekten von Kichererbsen, Linsen und anderen Leguminosen. Durch seine Beratung sorgt er dafür, dass der Anbau ökologisch, effizient und an die jeweiligen Standortbedingungen angepasst erfolgt.
Ein weiterer wichtiger Projektpartner ist der Betrieb Benedikt Endres Agrarservice. Seit 2022 betreibt Benedikt Endres ein hochmodernes Aufbereitungszentrum, das sich vollständig auf die Verarbeitung ökologisch erzeugter Druschfrüchte spezialisiert hat. Hier wird sowohl Saatgut als auch Speiseware professionell aufbereitet – ein entscheidender Schritt in der Wertschöpfungskette. Die Qualität der Aufbereitung ist ein wesentlicher Faktor für die Marktgängigkeit der Produkte und für die Erfüllung der Anforderungen im Lebensmitteleinzelhandel.
Beide Partner bringen nicht nur ihr fachliches Know-how ein, sondern auch ein hohes Maß an Engagement und Innovationsbereitschaft. Diese enge Zusammenarbeit zwischen Beratung, Praxis und Vermarktung ist eine der großen Stärken unseres Projekts – und ein gutes Beispiel dafür, wie regionale Partnerschaften erfolgreich zur Entwicklung nachhaltiger Bio-Wertschöpfungsketten beitragen können.
Oekolandbau.de: Was sind die nächsten Schritte?
Sarah Prause: In der aktuellen Projektphase konzentrieren wir uns auf den Ausbau und die Stabilisierung der bestehenden Strukturen – denn eine funktionierende Bio-Wertschöpfungskette braucht Verlässlichkeit auf allen Ebenen. Ein erster wichtiger Schritt ist die Verfestigung der
bestehenden Lieferbeziehungen und Partnerschaften. Wir haben bereits ein engagiertes Netzwerk aus Erzeugerinnen und Erzeugern, Verarbeitungs- und Vermarktungspartnerinnen und -partnern aufgebaut – dieses soll nun weiter gefestigt und professionalisiert werden. Verlässliche Absprachen, gegenseitiges Vertrauen und eine faire Zusammenarbeit sind hier die Grundlage.
Parallel dazu arbeiten wir an neuen Partnerschaften – insbesondere mit weiteren Verarbeitungsbetrieben. Ziel ist es, die Verarbeitungskapazitäten zu erweitern und das Sortiment an hochwertigen Bio-Lebensmitteln auf Basis von Hülsenfrüchten auszubauen. Je breiter das Netzwerk, desto widerstandsfähiger wird das gesamte System – gerade mit Blick auf wachsende Nachfrage und neue Marktchancen.
Ein weiterer zentraler Fokus liegt auf der Ausweitung der Anbauflächen. Die Erfahrungen aus dem letzten Jahr haben deutlich gemacht, wie wichtig es ist, Pufferkapazitäten für schwache Erntejahre aufzubauen. Die Nachfrage nach heimischen Bio-Hülsenfrüchten war deutlich größer als das verfügbare Angebot. Um künftig die Liefersicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig weiteren Betrieben den Einstieg in den Leguminosenanbau zu ermöglichen, wollen wir die Anbaufläche gezielt vergrößern – besonders in klimatisch geeigneten Regionen.
Insgesamt geht es jetzt darum, das Erreichte zu konsolidieren und die nächste Entwicklungsstufe einzuleiten – hin zu einer stabilen, zukunftsfähigen Struktur für den heimischen Bio-Leguminosenanbau.