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Mehr als Brot: Wie der Biolandhof Werragut Landwirtschaft neu denkt

Roggen, Dinkel, Walnüsse und Feigen – auf dem Werragut verschmelzen Pflanzen, Tiere und Menschen zu einem nachhaltigen Gesamtkonzept. Landwirtschaft, Handwerk und soziale Verantwortung gehen dabei Hand in Hand. So entstehen hochwertige Produkte, die die Philosophie und Werte des Hofes auf jedem Schritt sichtbar machen.
Standort: 37269 Eschwege
Betriebsbereiche: Landwirtschaft (Getreideanbau, Mutterkuhhaltung, Geflügel in Mobilställen), Hofbackstube, Direktvermarktung, soziale Landwirtschaft, Agroforst
Das Werragut ist ein Hof, der das Versprechen “alles aus einer Hand” wahr macht: Vom Anbau des Getreides über die Verarbeitung in der eigenen Hofbackstube bis hin zum Verkauf im Hofladen, in einer Filiale und sogar im Automaten. Hier entsteht ein geschlossener Kreislauf, der Landwirtschaft, Lebensmittelhandwerk und soziale Verantwortung verbindet – und sich dabei stetig weiterentwickelt. Die Übernahme durch Julius Nennewitz markiert den Schritt in die nächste Generation: ein Hof im Wandel, der Tradition und Innovation zusammenführt.
Der Betrieb umfasst rund 85 Hektar Fläche, davon 55 Hektar Ackerland und 30 Hektar Grünland. Angebaut werden Roggen, Dinkel, Weizen, Hafer, Buchweizen und Leguminosen, ergänzt durch Sonderkulturen wie Hanf. Ein Teil dient als Futter für die Tiere, ein anderer als Backgetreide für die eigene Hofbackstube. Rund 20 Tonnen Brotgetreide werden jährlich verbacken – überwiegend aus eigener Ernte, gereinigt und gelagert auf dem Hof. Ergänzt wird die Landwirtschaft durch Mutterkuhhaltung, Mobilställe für Legehennen und eine kleine Mastgeflügelhaltung. Die Vielfalt ist bewusst gewählt: Sie schafft Resilienz und ermöglicht eine breite Wertschöpfung.
Agroforstsystem – Resilienz für die Zukunft
Ein besonderes Element des Werraguts ist das neu angelegteAgroforstsystem: Auf zwölf Hektar Fläche wurden Baum- und Strauchreihen in die Acker- und Grünlandflächen integriert. Esskastanien, Walnüsse, Haselnüsse, Maulbeeren, Ölweiden und sogar Feigen wachsen hier zwischen Getreide und Kleegras. Die Idee: Mehrere Vegetationsebenen schaffen ein stabiles, klimaangepasstes System, das Humus aufbaut, Wasser speichert und die Biodiversität fördert. Die Bäume spenden Schatten, reduzieren Wind und Erosion, ihre Wurzeln verbessern die Bodenstruktur und binden Nährstoffe. Gleichzeitig entstehen neue Rohstoffe für die Zukunft – von Nüssen bis zu Früchten für Brot- und Feingebäck. Agroforst ist ein langfristiges Projekt, das den Hof widerstandsfähiger gegen Klimawandel macht und neue Perspektiven für die Produktentwicklung eröffnet.
Soziale Landwirtschaft als Teil des Konzepts
Neben der Produktion ist das Werragut ein Ort für Menschen mit Beeinträchtigungen. Fünf Personen leben und arbeiten hier, eingebunden in den Alltag des Hofes. Das Konzept der sozialen Landwirtschaft schafft eine Umgebung, die Sicherheit und Teilhabe bietet – fern von starren Klinikstrukturen, nah an echten Aufgaben. Die Arbeit ist greifbar, die Gemeinschaft spürbar: vom gemeinsamen Essen bis zu kleinen Tätigkeiten in Stall und Garten. Dieses Modell verbindet Ökonomie und Verantwortung und macht den Hof zu einem sozialen Raum.
Die Hofbackstube – Handwerk mit Herkunft
Vor zweieinhalb Jahren wurde die Backstube eröffnet – ein Schritt, der den Hof um eine entscheidende Wertschöpfungsstufe erweitert hat. Hier wird das eigene Getreide zu Brot, Brötchen und Feingebäck verarbeitet. Die Backstube ist klein, aber effizient: ein Ofen, Kneter, Sauerteigführung, Handarbeit. Rund 500 Brote pro Woche verlassen die Backstube, ergänzt durch Brezeln, Seelen, Fladenbrote und Baguettes. Die Sorten spiegeln die Philosophie wider: Dinkelbrot mit Sonnenblumenkernen und Leinsamen, reine Roggenbrote aus 100 Prozent Vollkornschrot, Roggenmischbrote für eine leichtere Variante. Alle Brote entstehen ohne technische Enzyme oder Backtriebmittel – mit Zeit, Sauerteig und handwerklichem Können.
Die Verarbeitung ist ein ästhetischer Prozess: Aus Mehl, Wasser, Salz und Sauerteig wird ein lebendiger Teig, der sich unter den Händen verwandelt. “Es ist ein kleiner Wandlungsprozess, fast ein Wunder”, sagt Julius Nennewitz. Die Teige ruhen lange, werden sorgfältig aufgearbeitet und gebacken. Das Ergebnis sind Brote mit Charakter – kräftig, aromatisch, haltbar. Auch die Mühle gehört dazu: Das Getreide wird auf dem Hof vermahlen, mit einem Mühlomat für besonders feines Mehl. So bleibt die Wertschöpfungskette geschlossen.
Doch der Weg dahin war nicht einfach: “Die ersten Roggenbrote waren ehrlich gesagt nicht gut”, erzählt Julius Nennewitz.
“Es braucht viel handwerkliches Können, um wirklich gutes Bio-Brot zu backen – das lernt man nicht in ein paar Wochen.”
Umso erstaunlicher war für ihn die Geduld der Kundschaft: “Ich war manchmal verwundert, dass die Leute trotzdem wiedergekommen sind. Sie haben unseren Lernprozess mitgetragen und unterstützt.” Dieses Vertrauen war für den jungen Betrieb entscheidend – und zeigt, wie sehr die Kundschaft die Idee vom Brot mit regionaler Herkunft schätzt.
Kreativität und Zukunftspläne
Die Backstube ist nicht nur Produktionsort, sondern auch Raum für Ideen. Julius Nennewitz denkt in Kreationen, die den Hof widerspiegeln: Walnuss-Feigenbrot aus eigenen Früchten, saisonale Spezialitäten wie Ringelblumenbrot oder Apfelkuchen für Hoffeste. Kreativität bedeutet hier, Rohstoffe und Jahreszeiten zu verbinden – und der Kundschaft Produkte mit Geschichte anzubieten. Das Sortiment wächst langsam, aber stetig. Kuchen ist der nächste Schritt –, geplant mit einem Vorbestellsystem, um Ressourcen zu schonen.
Vertrieb – vom Hof bis in die Stadt
Der Verkauf erfolgt direkt am Hof, in einer neuen Filiale in Eschwege und über einen Automaten, der Eier, Brot und regionale Produkte bereithält. Die Filiale bringt das Hofgefühl in die Stadt: Bilder aus der Landwirtschaft, Dekoration mit Getreide, Transparenz über Herkunft und Herstellung. Die Kundschaft schätzt diese Nähe – und ist bereit, für Qualität zu zahlen. Ein Kilo Brot kostet 7,25 Euro, ein Preis, der die Handarbeit und die Rohstoffe widerspiegelt.
“Wir wollen Bewusstsein schaffen – für das, was drinsteckt”, sagt Julius Nennewitz und führt den Hof so in die Zukunft – mit Ideen, die Herkunft und Handwerk verbinden.
Betriebsinfos
Biolandhof Werragut – Julius Nennewitz
Auer Straße 38
37269 Eschwege
Webseite: www.werragut.de
- Geschlossener Kreislauf: vom Korn bis zum Brot,
- Kombination aus Landwirtschaft, Verarbeitung und sozialem Konzept,
- zukunftsorientiert durch Agroforstsystem und neue Kulturen.
Mehr zur Bio-Verarbeitung auf oekolandbau.de:
Letzte Aktualisierung 22.05.2026





