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Bio-Kartoffeln: Markt, Preisentwicklung und Versorgung

Die starke Expansion des Bio-Kartoffelanbaus in Deutschland stieß 2025 an Marktgrenzen: Die Rekordernte konnte nicht vollständig abgesetzt werden. Der daraus resultierende Preisverfall in der Saison 2025/26 führte nun zu einer deutlichen Anbaureduzierung, vor allem in Niedersachsen.
Das Wichtigste in Kürze:
- Die Ausweitung der Anbauflächen mündete 2025 in einer Rekordfläche von rund 14.800 Hektar.
- Das Angebot wuchs stärker als die aufnahmefähige Nachfrage, zusätzliche Absatzkanäle für Bio-Kartoffeln fehlten.
- In der Saison 2025/26 wurden zwar mehr Bio-Kartoffeln gekauft, jedoch zu spürbar niedrigeren Preisen und unter anhaltendem Werbedruck.
- Hohe Kosten verschärften die Lage: Sinkende Erzeugerpreise trafen auf hohe Produktions-, Lager- und Sortierkosten und belasteten viele Betriebe wirtschaftlich.
- Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) bleibt Chance und Risiko zugleich: Bio-Kartoffeln sind dort fest etabliert, zugleich erhöht die starke Abhängigkeit vom konventionellen LEH den Preis- und Vermarktungsdruck.
Bio-Kartoffeln im Handel: Wie entwickeln sich Angebot und Nachfrage?
Der deutsche Bio-Kartoffelmarkt hat in den vergangenen Jahren einen deutlichen Strukturwandel erlebt. Getragen von einer langen, robusten Nachfrage, einer stärkeren Präsenz im LEH und dem wachsenden Stellenwert regionaler Bio-Ware haben viele Betriebe ihre Produktion ausgebaut. Vor allem Bio-Speisekartoffeln profitieren davon, dass sie im konventionellen LEH längst kein Nischenprodukt mehr sind, sondern in vielen Sortimenten einen festen Platz haben. Damit ist die Sichtbarkeit des Segments gestiegen, gleichzeitig aber auch dessen Abhängigkeit von den Vermarktungsstrukturen des klassischen Einzelhandels.
Diese Entwicklung mündete 2025 in einer Rekordfläche von rund 14.800 Hektar, so die AMI-Strukturdatenerhebung auf Basis der Angaben der Öko-Kontrollstellen. Der Flächenzuwachs war Ausdruck hoher Markterwartungen, erwies sich im Nachhinein jedoch als problematisch. Denn das Angebot wuchs stärker als die aufnahmefähige Nachfrage. Gerade bei Bio-Kartoffeln ist der Markt trotz gestiegener Relevanz im LEH begrenzt: Anders als im konventionellen Bereich können Übermengen nicht ohne Weiteres in zusätzliche Absatzkanäle umgeleitet werden. Entsprechend erhöhte sich der Vermarktungsdruck.
Welche Faktoren beeinflussen den Bio-Kartoffel-Preis?
Hinzu kam, dass Bio-Speisekartoffeln im konventionellen LEH zwar stark vertreten sind, dort aber zugleich unter besonders hohem Preis- und Aktionsdruck stehen. Der Handel erwartet eine ganzjährige, optisch ansprechende, standardisierte Ware in ausreichender Menge. Für die Erzeugerseite bedeutet das: Selbst wenn Bio-Kartoffeln einen festen Platz im Regal haben, ist die Wertschöpfung nicht automatisch gesichert. Steigende Flächen treffen in einem solchen Umfeld schnell auf eine harte Marktgrenze.
Genau das zeigte sich in der Saison 2025/26: Zwar wurden zehn Prozent mehr Bio-Kartoffeln gekauft, so die AMI-Analyse nach YouGov CP Germany, aber zu einem deutlich niedrigeren Preis. Für viele Bio-Kartoffelerzeugerinnen und -erzeuger war die Saison enttäuschend, weil die erweiterten Anbauumfänge nicht zu stabilen Erlösen führten. Der Markt reagierte damit sehr sensibel auf Überhänge. Bei Kartoffeln ist dies besonders problematisch, weil hohe Produktions-, Lager- und Sortierkosten den wirtschaftlichen Spielraum einschränken. Sinken die Erzeugerpreise deutlich, geraten selbst spezialisierte und effizient wirtschaftende Betriebe rasch unter Druck. Der Absturz der Erzeugerpreise im Langzeitlagersegment verschärfte die Situation auf den Betrieben zusätzlich und führte zu nicht einmal kostendeckenden Bedingungen.
Herausforderungen für die Vermarktung von Bio-Kartoffeln
Enttäuschende Saison 2025/26 führte zur Kurskorrektur
Auf diese enttäuschende Saison haben die Bio-Landwirtinnen und -Landwirte 2026 mit einer deutlichen Flächenreduzierung reagiert. Besonders stark fällt diese Reaktion in Niedersachsen aus, dem wichtigsten Anbaugebiet für Bio-Kartoffeln in Deutschland. Gerade dort hatten viele Betriebe den Marktaufbau der vergangenen Jahre getragen. Entsprechend deutlich wirken sich Korrekturen in Niedersachsen auf das gesamte Bundesangebot aus.
Niedersachsen bündelt nicht nur einen erheblichen Teil der Produktionsfläche, sondern auch spezialisierte Betriebe mit enger Marktanbindung. Diese Betriebe reagieren in der Regel schneller auf enttäuschende Vermarktungsergebnisse als Regionen mit kleinerem oder stärker diversifiziertem Bio-Kartoffelanbau. Die Anbauentscheidung für die neue Saison ist daher auch als Signal an den Markt zu verstehen.
Für den Bio-Kartoffelmarkt bedeutet das kurzfristig eine Phase der Bereinigung und Neujustierung. Mittelfristig dürfte die Flächenkürzung dazu beitragen, den Preisdruck zu verringern und die Vermarktung wieder zu stabilisieren sowie Anbau und Absatz weiter in Einklang zu bringen. Allerdings bleibt der Markt strukturell herausfordernd. Denn die starke Stellung von Bio-Speisekartoffeln im konventionellen LEH ist zugleich Chance und Risiko: Einerseits sichert sie Reichweite und Sichtbarkeit, andererseits verstärkt sie die Abhängigkeit von wenigen großen Absatzkanälen mit hoher Preissensibilität.
Kooperation mit LEH soll Absatz steigern
Eine Initiative des Kompetenzzentrums Ökologischer Landbau Niedersachsen (KÖN) will mehr Bio-Gemüse und Bio-Kartoffeln aus Deutschland in den Handel bringen und dazu Vermarktungshemmnisse gemeinsam mit Erzeugenden, Vermarktenden und dem Handel abbauen. Für Bio-Kartoffeln ist das besonders relevant, da sie zu den wichtigsten deutschen Bio-Frischeprodukten zählen, ihr Absatzpotenzial im LEH bislang aber noch nicht vollständig ausgeschöpft wird.
Obwohl Verbraucherinnen und Verbraucher gezielt Bio-Ware aus Deutschland nachfragen und diese grundsätzlich ganzjährig verfügbar sind, wird ein Teil des Bedarfs weiterhin über Importe gedeckt. Mit dem vom Land Niedersachsen geförderten Projekt "Mehr Ökolandbau durch Selbstverpflichtung des LEH" sollen Vertreterinnen und Vertreter aus Vermarktung und Handel in Runden Tischen Strategien entwickeln, um die Marktanteile deutscher Bio-Produkte zu steigern und entlang der Wertschöpfungskette ökonomische Mehrwerte zu schaffen.
Interview mit Josephine Hardt, Geschäftsführerin beim Bio Kartoffel Erzeuger e.V.
Oekolandbau.de fragte Josephine Hardt, Geschäftsführerin beim Bio Kartoffel Erzeuger e.V. (BKE), zum Marktpotenzial von Bio-Kartoffeln. Sie hat bereits beim Podcast "Kartoffel-Talk" Folge 2 Details zu Vermarktung und Handel geteilt. Auch hier war ihr bereits ein zentrales Anliegen, Anbau und Absatz zusammenzudenken.
Oekolandbau.de: Welche Bedeutung haben Inflation, Kaufzurückhaltung und Aktionsorientierung beim Kauf von Bio-Kartoffeln?
Josephine Hardt: In einer Zeit andauernd steigender Produktionskosten ist es immer schwieriger, auskömmliche Erzeugerpreise und absatzfördernde Maßnahmen im klassischen Handel in Einklang zu bringen. Wir sehen, dass Werbungen gerade im vergangenen Jahr dazu beigetragen haben, mehr Menge abzusetzen. Die Preissensibilität der Kundschaft ist durch die hohen Inflationsraten gestiegen, Aktionen sind auf Seite der Verbraucherinnen und Verbraucher willkommen. Wenn der Preis aber das einzige Argument bleibt, haben Landwirtinnen und Landwirte langfristig schlechte Chancen.
Oekolandbau.de: Wie bewerten Sie Maßnahmen wie den Runden Tisch, wo Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung gemeinsam Wachstumsstrategien entwickeln?
Hardt: Ich bin fest davon überzeugt, dass solche Austauschformate zum gegenseitigen Verständnis beitragen und Herausforderungen der Branche im direkten Gespräch vor Ort effektiver angegangen werden können. Der Runde Tisch bietet die Möglichkeit, groß zu denken und Wachstumschancen detailliert zu erschließen. Deshalb engagieren wir uns als Verein hierbei gern.
Oekolandbau.de: Was motiviert den Handel, heimische Bio-Kartoffeln ganzjährig im Sortiment zu führen, und welche Verantwortung trägt er dabei entlang der Wertschöpfungskette?
Hardt: Für den Handel sind heimische Bio-Kartoffeln aus mehreren Gründen attraktiv: Sie sind ein verlässliches, ganzjährig verfügbares Grundnahrungsmittel, sprechen mit ihren vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten breite Gruppen an Käuferinnen und Käufer an und bieten zugleich Potenzial für Profilierung im Bio-Sortiment. Darüber hinaus lassen sich mit heimischen Bio-Kartoffeln auch Verbrauchertrends aufgreifen.
Die Verantwortung des Handels liegt dabei nicht nur in der ganzjährigen Listung, sondern auch in der verlässlichen Unterstützung der gesamten Wertschöpfungskette. Voraussetzung für die lange Verfügbarkeit ist die Langzeitlagerung auf heimischen Bio-Betrieben. Diese Leistung und die damit verbundenen Kosten der Qualitätserhaltung müssen im Saisonverlauf wirtschaftlich honoriert werden. Wenn heimische Bio-Kartoffeln dauerhaft und erfolgreich im Sortiment bleiben sollen, braucht es entlang der gesamten Kette ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein – von den Erzeugerinnen und Erzeugern bis zum Handel.
Oekolandbau.de: Wie groß ist aus Ihrer Sicht noch das ungenutzte Absatzpotenzial für deutsche Bio-Kartoffeln im LEH?
Hardt: Im LEH gibt es für deutsche Bio-Kartoffeln weiterhin Absatzpotenzial. Wachstumsmöglichkeiten sehe ich vor allem in einer breiteren Sortimentsgestaltung jenseits des klassischen 1,5-kg-Beutels und Drillingen. Interessant wären zudem mehr Bio-Angebote im verarbeiteten Bereich, etwa vorgegarte Kartoffeln, küchenfertige Produkte oder weitere Convenience-Artikel. Auch produktspezifisches Marketing und eine stärkere Platzierung am Point of Sale können zusätzliche Impulse setzen. Klar ist aber: Solche Entwicklungen brauchen Zeit und das konsequente Engagement aller Marktakteurinnen und -akteure. Wir als BKE sind bereit, diesen Prozess aktiv mitzugestalten.
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Letzte Aktualisierung 21.10.2026







